"melkt sie mit einem "20er swing-over side-by-side Melkstand", einer Art begehbarer Maschine, in die 20 Kühe gleichzeitig hineinpassen, zehn links und zehn rechts. Jedes Tier trägt einen Chip am Halsband. Computergesteuerte Futterautomaten teilen den Kühen während des Melkens eine individuell abgestimmte Menge an Kraftfutter zu: Energie für die Milchproduktion. Eine Roboterstimme sagt "Nummer 147 langsam", damit Peter Habbena weiß, bei welcher Kuh die Milch nicht so schnell strömt wie bei den anderen. Habbena muss nur noch die Melkbecher über die Zitzen stülpen. Ist das Euter leer, fallen die Becher von alleine ab und werden automatisch desinfiziert. Sobald alle Kühe im einen Gang fertig sind, öffnet sich das Gitter, und die nächste Gruppe ungemolkener Kühe drängt nach, während Habbena den Kühen im anderen Gang die Melkbecher anlegt. Hat er das erledigt, wechselt er die Seite. So geht das zwei Stunden lang, in denen die Melkmaschine unentwegt pulsiert, links Kühe, rechts Kühe, bis alle Tiere gemolken sind. [..] Olga brachte es auf 5.000 Liter Milch im Jahr. Damit gehörte sie schon zu den guten Kühen bei uns im Stall. Eine durchschnittliche Kuh der Habbenas gibt über 8.000 Liter Milch pro Jahr. Das sind 60 Prozent mehr Ertrag. [..] Aus Bauernhöfen sind Fabriken geworden, die Milch produzieren, so wie Autofabriken Autos herstellen, auch wenn man spürt, dass die Habbenas zu ihren Kühen ein anderes Verhältnis haben als Fabrikarbeiter zu ihren Schrauben. Die meisten Bauern haben die Veränderung als Fortschritt wahrgenommen, und das mit Recht: Wer 20, 30 Jahre lang jeden Morgen und jeden Abend mit dem Melkgeschirr unter seine Kühe gekrochen ist, der weiß einen modernen Melkstand zu schätzen, in dem er auf Euterhöhe aufrecht stehen kann. Und wer so viele Ställe mit der Hand ausgemistet hat, dass er Schwielen und krumme Finger bekam, der liebt seinen Hoflader. [..] Milchkühe können bis zu 20 Jahre alt werden. [..] Die typische deutsche Hochleistungskuh stirbt jung. Sie wird gerade mal zwei oder drei Jahre gemolken und dann geschlachtet. Meistens, weil sie krank ist. Die Tiere leiden an Euter- und Klauenentzündungen, an Stoffwechselkrankheiten und Fruchtbarkeitsstörungen. [..] Es ist kein mysteriöses Virus, was die Kühe tötet, keine seltene Krankheit. Es ist schlicht die Strapaze. Die Tiere sind dem Leistungsdruck nicht gewachsen. Moderne Milchkühe bewegen sich wenig. Sie gehen ein paar Schritte, sie liegen viel, ihr Futter müssen sie nicht suchen. Sie führen ein scheinbar müheloses Leben. Die Anstrengung findet unsichtbar statt. Eine Kuh, die Milch erzeugt, ist ein Kraftwerk mit unsichtbaren Energieströmen, Tag für Tag fließen 20.000 Liter Blut durch ihr Euter. Wenn eine Hochleistungskuh das erste Mal besamt wird, ist sie noch keine anderthalb Jahre alt. Sie muss ein Kalb gebären, sonst springt das Kraftwerk nicht an. Die Milch ist ja für ihr Junges bestimmt. Der Mensch bekommt die Milch nur deshalb, weil er kein Kälbermaul an ihrem Euter saugen lässt, sondern eine Melkmaschine. Die Kuh kann aber noch viel mehr Milch produzieren, wenn sie muss. Sie greift dann auf ihre Reserven zurück. Das ist eine besondere Gabe der Evolution: Die Kuh schafft es, mehr Milch herzustellen, als sie an Energie in Form von Futter zu sich genommen hat. Die Kuh ist eine Supermutter. Sie wandelt ihr Fettpolster, zur Not sogar ihr Muskelfleisch in Milch um, sie gibt alles, damit ihr Nachwuchs überlebt. In der Natur war dies selten vonnöten. Die modernen Melkmaschinen jedoch sind hungriger als das hungrigste Kalb. Sie saugen so viel Milch ab, wie sie kriegen können, in der milchreichen Zeit bis zu 60 Liter am Tag. [..] Die modernen Hochleistungskühe aber bauen kein Fett und kaum Muskeln auf. Ihre Euter sind so gezüchtet, dass sie schneller zu melken sind, als jedes Kalb saugen kann. Die gesamte Kraft der modernen Kuh fließt in die Milchproduktion. Bis keine Kraft mehr übrig ist. [..] Die modernen Milchbetriebe produzieren ständig neue Kälber. Denn eine Hochleistungskuh wird nach jeder Geburt neu besamt, das hält die Milchleistung hoch. [..] "Mein Banker sagt, pro Kuh musst du 9.000 Liter Milch im Jahr abliefern. So berechnet der, ob ich meinen Betrieb im Griff habe." [..] Die vermeintliche Effizienz ihrer Höfe hat die Bauern nicht reicher gemacht. Im Gegenteil, sie hat zu einer absurden Lage geführt: Die Hochleistungskühe geben so viel Milch, dass sie davon krank werden. Mehr Milch als je zuvor. Mehr Milch, als die Deutschen trinken können. Mehr Milch, als sich in Form von Joghurt, Käse und Butter verkaufen lässt. Mehr Milch, als der Markt aufnehmen kann. Also passiert das, was immer passiert, wenn auf einem freien Markt das Angebot größer ist als die Nachfrage: Die Preise fallen. Und fallen. Und fallen. Und die Bauern, die ja nicht einfach aufhören können zu melken, denn die Kühe sind ja da, die Euter sind ja voll, verdienen mit ihrer Milch kein Geld mehr. Im Gegenteil, die Produktionskosten sind längst höher als die Erlöse. Ein durchschnittlicher Bauer macht mit jedem Liter Milch, den ihm seine Kühe liefern, mehr als zehn Cent Verlust. Die Bauern verlieren also jeden Tag Geld. [..] Der Bauernhof ist das älteste Unternehmen der Welt. Aber den Habbenas ergeht es wie einem Start-up, das einem falschen Geschäftsmodell aufgesessen ist. Sie stecken in der Schuldenfalle. [..] Nun ist es nicht so, dass all die Agrartheoretiker, die den Bauern von Technisierung und Optimierung vorgeschwärmt haben, die Marktgesetze nicht kennen. Sie wissen schon, dass ein Überangebot die Preise verfallen und die Gewinne verschwinden lässt. Ihnen war klar: Die Bundesbürger werden nicht jedes Jahr knapp neun Millionen Tonnen Frischmilchprodukte konsumieren – so viel produziert die deutsche Milchwirtschaft pro Jahr. Wollte BMW die mehr als zwei Millionen Fahrzeuge, die es jährlich herstellt, ausschließlich in Deutschland verkaufen, müssten die Manager die Preise radikal senken. Dann würde BMW vielleicht alle seine Autos loswerden. Aber der Konzern würde bald hohe Verluste schreiben. Deshalb verkauft BMW seine Autos in die ganze Welt. Genau das war auch das Ziel der deutschen Agrarrevolution. Die deutschen Milchbauern sollten nicht nur die Bundesrepublik versorgen, sondern auch Europa, sie sollten Afrika und Asien beliefern, der chinesische Markt schreie geradezu nach Milchpulver aus Deutschland, hieß es. Heute ist von diesen Jubelrufen nichts mehr zu hören. Das Embargo der russischen Regierung gegen westliche Lebensmittel hat den lukrativen russischen Markt für Milch aus Deutschland verschlossen. Und die Chinesen haben längst angefangen, eigene Mega-Kuhställe zu bauen. Es ist ja keine Geheimwissenschaft, Milch zu erzeugen. Viele Länder schaffen das sogar kostengünstiger als Deutschland. Neuseeland zum Beispiel. Dort ist das Klima so mild, dass die Kühe das ganze Jahr über auf der Weide stehen und frisches Gras fressen. Die Bauern müssen kaum teure Silage herstellen, um über den Winter zu kommen. Oder Amerika. Dort besitzen manche Milchfarmer ein halbes Dutzend Ställe. In jedem stehen mehrere Tausend Kühe, schaffen Roboter Mist weg, verteilen Automaten Futter – auch ein bei uns nicht zugelassenes künstliches Hormon, das die Milchproduktion steigert. Oder Australien. Dort müssen sich die Bauern keine Gedanken machen wegen der mageren Jungbullen, die sich nicht verkaufen lassen. Dort ist es nämlich offiziell erlaubt, Kälber umzubringen. 700.000 Bullenkälber werden jedes Jahr gleich nach ihrer Geburt getötet, direkt auf dem Hof oder nach erbärmlich langen Transporten zu den Schlachthöfen. [..] Er scheint kompliziert zu sein, der Streit darüber, ob es eine Zukunft gibt für die Milchbauern. Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Man kann die Lösung des Problems dem Markt überlassen. Dann würde in den kommenden Monaten ein Milchbauer nach dem anderen seinen Hof aufgeben. Sie würden aus den Dörfern verschwinden, so wie schon die Tante-Emma-Läden verschwunden sind und die kleinen Handwerksbetriebe. Es würde dann noch ein klein wenig stiller auf dem Land werden. Man würde nicht mehr das Knattern mancher Trecker hören, das Muhen der Kühe. [..] er Bauernhof ist ein kollektiver Sehnsuchtsort, ein Ort, an dem wir sehen und riechen, wie unsere Lebensmittel entstehen, der Ort, der uns zurückbindet an den Rhythmus der Jahreszeiten und auch an die Grenzen der Natur in Zeiten unbegrenzten Wachstums. Der Bauernhof ist einer der Ursprungsorte menschlicher Zivilisation. [..] Die mindestens 100 Millionen Euro klingen nach viel Geld. Aber bei 70.000 Milchbauern entfallen auf den einzelnen Hof nur 1.400 Euro. Die meisten Landwirte gleichen damit nicht einmal die Verluste einer einzigen Woche aus. [..] Die Milchproduktion soll sinken, die Preise sollen wieder steigen. Wie er das erreichen will, hat der Minister nicht gesagt. Und gleichzeitig heißt es in einem Bericht seiner Beamten, die Branche sei nicht effizient. Gemeint ist wohl, nicht effizient genug. Immer noch nicht. Hier offenbart sich der alte Widerspruch der Agrarpolitik. Sie will die Bauern auf dem Land stützen, das schon – aber auch die Exporte. Sie hilft kleinen Betrieben – und schüttet Fördergelder an Großschlachtereien und Riesenhöfe aus, die genau diese kleinen Betriebe verdrängen. [..] Man müsste den deutschen und europäischen Milchbauern vorschreiben, dass sie ihren Tieren ausreichend Weidefläche zur Verfügung stellen. Bekämen Kühe in Europa ein Recht auf ihren natürlichen Lebensraum, die Weide, wären die großen Milchfabriken mit ihren vielen Hundert Tieren kaum noch zu managen. Die kleinen Höfe würden gestärkt, die Milchmenge würde sinken, der Druck auf die Preise nähme ab."