An einem Sonntag nahm mich mein Schwager auf seinem Moped mit, um die Gegend zu erkunden. Er war ein geübter Fahrer, und mit Leichtigkeit lenkte er durch das sonntägliche Getümmel. Bald erreichten wir den Stadtrand, hier gab es nur noch eine Straße, die scheinbar kilometerlang geradeaus, ins Niemandsland führte. Im Grunde war es keine Straße sondern ein breiter Weg, der durch Fahrspuren verschiedener Gefährte, entstanden war. Es war ungewohnt still, rechts und links gab es nichts außer Brachland.
Nach einer Weile veränderte sich die Landschaft, und ein beißender Geruch stieg mir in die Nase. Vor uns erstreckten sich riesengroße kokelnde Felder, und Rauchschwaden lagen über dem Land. Dann sah ich schemenhaft Menschen, die in den Qualmwolken standen oder gebückt vorwärtsgingen. Erst jetzt erkannte ich, dass wir durch eine riesengroße Müllhalde fuhren, dass der Müll auf offenem Land verbrannt wurde, und dass Menschen, ich sah auch Frauen und Kinder, durch die verkohlte, hier und da noch schwelende Masse liefen und nach Brauchbarem suchten.
Da war sie wieder, Indiens schonungslose Realität der eklatanten Kluft zwischen den Gesellschaftsschichten. Wortlos fuhren wir durch das Szenario und sprachen auch später nicht von diesem Teil unseres Ausflugs. Es schien mir ein Tabu über solche erdrückenden Missstände zu sprechen, vor allem für mich, einer Frau aus Deutschland. Unfassbar wie stoisch die Armen ihr Schicksal ertragen.
Innerhalb eines Jahres verschwanden die verkohlten Müllfelder. Überall wurde gebaut. Seit kurzem vernetzte eine Buslinie Stadt und Vorort. Die unter Zeitdruck arbeitenden Fahrer hielten mehr schlecht als recht an den überfüllten Haltestellen. Es war eine Kunst in den Bus zu gelangen.
Die Landstraße nach Madipakkam war nicht asphaltiert. Durch den Monsoon hatten sich tiefe Mulden und Schlaglöcher mit spitzen Kanten gebildet. Auf den letzten Kilometern dieser ausgewaschenen Straße gaben die Busfahrer Gas, um ihren Fahrplan einzuhalten. Die Busse rasten nun in Schlangenlinien über die zerfurchte Fahrbahn um Schlaglöchern auszuweichen. Wir Insassen wurden dabei von rechts nach links geschleudert. Diejenigen, die so wie ich die Strecke häufiger fuhren, hatten gelernt in geschmeidigen Bewegungen mitzugehen. Allerdings musste man sich darauf konzentrieren. Wer aus dem Takt kam, kollidierte mit seinen Nachbarn. Am schlimmsten waren die Schlaglöcher. Die veraltete Federung der Busse konnte den Aufprall nicht abfangen, so dass Passagiere aus ihren Sitzen hochgeschleudert wurden. Bei meinen ersten Fahrten habe ich mir einige Male schmerzhaft den Kopf an der Busdecke gestoßen. Beim Einsteigen achtete ich darauf mich nicht neben einen der Eisenträger zu setzen, denn das könnte blutig oder mit einer Gehirnerschütterung enden.
Mit der Zeit hatte ich es immer besser gelernt dem Rhythmus der Schlangenlinien zu folgen. Auf die Schlaglöcher war ich jetzt vorbereitet und verstand es die kräftige Aufwärtsbewegung abzufedern. Wenn man so wollte, konnte man diese Busfahrten als Achtsamkeitsübung betrachten, denn man musste von Augenblick zu Augenblick aufmerksam sein. Vielleicht kamen nur mir solche Gedanken. Ich nahm den Bus regelmäßig nach meinen Yogastunden, um heimzufahren.
Einmal stand in dem Gedränge vor mir eine junge Frau, die ihren etwa einjährigen Sohn auf der Hüfte trug. Der Kleine war nur mit einer schwarzen Schnur bekleidet, die um seinen Bauch gebunden war, und die den bösen Blick fern halten sollte. Aus dem selben Grund hatte die Mutter ihm einen großen schwarzen Kohle-Punkt auf die Stirn gemalt.
Völlig unvermittelt setzte sie mir das Baby, dem das nichts auszumachen schien, auf den Schoss. Ich war verdutzt, unterdrückte aber aus Höflichkeit mein Erstaunen. Immerhin vertraute die Frau mir, einer Ausländerin, ihr Kind an. Das ehrte mich.
Konzentriert managte ich Kurven, Mulden und Schlaglöcher. Den Kleinen hielt ich dabei fest im Arm. In rasantem Tempo näherten wir uns der Haltestelle, an der ich aussteigen wollte. Ich signalisierte der Mutter, dass sie meinen Platz übernehmen kann. Kurz bevor ich aufstand wurde es sehr heiß in meinem Schoss, dann spürte ich Nässe. Eine alte Frau mit roten Zähnen vom Betelnusskauen lachte zu mir herüber.
Zuhause legte ich meine Kleider in die Wäsche.