Nahostkonflikt (856 Wörter)
Wir bestellten Gin-Tonic in einer Strandbar, um den letzten gemeinsamen Abend zu feiern. Ein Pärchen, das zu uns an den Tisch kam, redete Hebräisch mit mir. Zum zweiten Mal an diesem Wochenende hielten Reisende mich für eine Israelin. Amir musterte sie mit stechendem Blick und antwortete auf Arabisch. Dabei wedelte er verächtlich mit der Hand, so als wolle er eine Fliege verscheuchen. Achselzuckend gingen die israelischen Touristen weiter. Obwohl niemand mehr sprach, herrschte eine aggressive Atmosphäre.
»Scheiß Israelis! Überall breiten die sich aus.« murmelte Amir. »Halt sofort den Mund! Ich verbiete Dir, so zu sprechen! Du redest wie ein fanatischer Rassist!« wütend kickte ich ein paar Steine und Muscheln hin und her. Provokativ drehte mir Amir den Rücken zu, um nach einigen Minuten brüsk aufzustehen. Er gesellte sich zu anderen Gästen, die mehrere Joints kreisen ließen.
Sein Verhalten trieb mir die Zornesröte ins Gesicht. Ich zahlte und ging zum Wagen. »Warte auf mich!«, rief Amir und kam herüber gelaufen. Er stieg auf der Fahrerseite ein. »Es tut mir leid, dass ich mich so blöd benommen habe. Ich bin eifersüchtig, wenn dich fremde Kerle ansprechen. Lass uns zum Hotel fahren, es ist spät geworden.«
Mit quietschenden Reifen fuhr er auf die unbeleuchtete Landstraße, auf der wir das einzige Fahrzeug waren. Amir ließ den Motor aufheulen und raste in Schlangenlinien durch die Nacht. »Was ist nur los mit dir? Halt sofort an! Ich fahre weiter! Du fährst ja wie ein Verrückter!« Ohne zu antworten, verlangsamte er die Fahrt und hielt an. Wir stiegen wortlos aus, um die Seiten zu wechseln.
Hinter dem Wagen packte mich Amir plötzlich mit brutalem Griff. Er zog mich auf die andere Straßenseite hinter einen Baum. Dort schleuderte er mich zu Boden und setzte sich auf meinen Brustkorb. Das alles geschah blitzschnell. Panik stieg in mir auf, doch ich konnte nicht schreien. Völlig von Sinnen prügelte Amir auf mich ein. Ich wollte mich befreien, konnte aber nur hilflos mit den Beinen zappeln. Er schlug mir unaufhörlich ins Gesicht und zischte: «Wer hat dich geschickt? Was ist dein Auftrag? Ich werde dich töten! Ich werde dich töten!« Dabei würgte er mich und drückte meinen Hals immer fester zu.
In Todesangst machte ich mir in die Hose. Ich würde hier sterben, in Südindien, nachts, am Rand einer Landstraße, erwürgt von einem verrückt gewordenen palästinensischen Liebhaber. Mit letzter Kraft flüsterte ich den Namen meines Sohnes. Das schien Amir für einen Augenblick zur Besinnung zu bringen, denn er löste den eisernen Griff um meinen Hals und rollte sich zur Seite.
Ich schaffte es diesen Moment zu nutzen und flüchtete in das stockdüstere Gebüsch. Hinter einer niedrigen Hecke warf ich mich flach auf den Boden und robbte panisch im Schutz der Sträucher voran. Auf einmal wurde es hell. Ich betete, dass ein anderes Fahrzeug gekommen sei. Ohne den Kopf zu heben, lugte ich vorsichtig durch die Büsche. Es war Amir! Er hatte den Fiat gewendet und strahlte mit den Scheinwerfern in meine Richtung. Seine dunkle Gestalt ging nervös vor dem Wagen auf und ab. Noch hatte er mich nicht erblickt. Der Lichtstrahl erleuchtete das Gestrüpp einige Meter vor meinem Versteck. Ich wollte rückwärts kriechen, doch die Angst lähmte mich. Amir lief jetzt einige Meter in meine Richtung, dann drehte er abrupt um und ging zum Wagen zurück. Er raste mit hohem Tempo davon. Ich wagte es nicht aufzustehen und kroch weiter, immer tiefer in das Gesträuch hinein.
Schlagartig durchfuhr mich ein grauenvoller Gedanke. Amir war auf dem Weg zum Hotel. Dort würde er meinen Sohn und meine Mutter töten! Ich sprang auf und rannte auf die dunkle Straße. Bis zum Hotel waren es bestimmt noch fünf Kilometer. Ich glaubte, verrückt zu werden und schlug mir immer wieder auf den Kopf. Dann riss ich mich zusammen und lief in die Richtung des Hotels. In der völligen Dunkelheit gab mir der Straßenverlauf etwas Orientierung. Während ich überlegte, ob ich quer durch die Landschaft laufen soll, hörte ich ein Motorengeräusch.
Hinter mir in der Ferne tauchte ein Lastwagen auf. Den musste ich stoppen! Schreiend und winkend jagte ich dem Laster entgegen. Mit meinem von Angst und Panik entstellten Blick, dem blutverschmierten Gesicht und den zerkratzten Armen und Beinen, sah ich furchterregend aus. Zum Glück hielt der Fahrer dennoch an. Aus dem Führerhaus schaute er entsetzt auf mich hinunter. Er verstand kein Englisch, deshalb schrie ich: »Bayam! Bayam! Bayam!«, was auf Tamil Angst heißt. Ich riss die Fahrertür auf und kletterte auf die Beifahrerseite. Unentwegt verlangte ich: »Golden Sun Hotel! Los, fahr endlich los!!« Gott sei Dank entschlüsselte der Inder mein Geschrei und fuhr zum Golden Sun Hotel.
Noch bevor der LKW zum Stehen kam, sprang ich hinaus. Hysterisch schreiend stürmte ich zum Hotelzimmer und hämmerte an die verschlossene Tür. Nach einer Weile öffnete Mutter und stand mit ärgerlicher Miene im Türrahmen. Ich stürzte an ihr vorbei in das Zimmer. Mein Sohn saß verschlafen im Bett und schaute verwirrt zu mir herüber. Wimmernd legte ich mich zu ihm und wiegte ihn in meinen Armen.