2020–2025
Online-Prüfungen an der schottischen Uni
Vor 2020 finden alle Prüfungen an der schottischen Uni in Räumen statt. Die Studierenden müssen alles am Eingang abgeben, Bücher, Jacken, Notizen, Handys, alles. Verwenden dürfen sie nur einen Stift und, in manchen Fächern, einen Taschenrechner. Die Art des Taschenrechners ist genau festgelegt. Papier wird von der Uni bereitgestellt. Jeder sitzt alleine an einem Tisch, mit mehreren Metern Abstand zum Nachbarn. Personal läuft durch die Reihen und überwacht alles. Dafür stellt die Uni extra Leute ein. Alle Prüfungen finden in drei Zeiträumen statt, im Mai und Dezember, und dann noch mal im August, für Leute, die beim ersten Mal durchgefallen sind. Das ist der Prüfungsstandard, und darüber wird nicht diskutiert. Es ist vermutlich nicht unmöglich, unter diesen Umständen zu betrügen, aber es ist einigermaßen schwierig.
Im Frühjahr 2020 mit dem Anfang der Covid-Pandemie wird alles anderes. Im Nachhinein ist es wirklich erstaunlich, wie schnell das System vollständig umgebaut wird. Im Mai 2020 finden alle Prüfungen online statt. Studierende sitzen zu Hause, irgendwo auf der Welt, oder in ihrem Zimmer in St Andrews, und füllen ein Onlinedokument aus, in einem spezifischen Zeitrahmen. Die Prüfungen sind “open book”, das heißt, die Studierenden dürfen Bücher und Notizen und das Internet verwenden. Wir schreiben dafür die Prüfungsfragen ein bisschen anders, um zu verhindern, dass man einfach kopieren kann. In meinem Fach (Astronomie) ist das nicht besonders schwer, man kann sich leicht Fragen ausdenken, die es anderswo nicht gibt. Die Prüfungsergebnisse sehen am Ende nicht so anders aus als vorher. Eine Weile gab es Diskussionen, ob man nicht irgendwie kontrollieren könnte, was Studierende so während ihrer Online-Prüfungen machen, mit Hilfe von Kameras. Ich habe davon seit längerem nichts gehört, eventuell ist es illegal oder technisch zu kompliziert.
Mit dem Ende der Pandemie hätte man natürlich alles wieder zurück stellen können. Aber Online-Examen haben für die Uni und für Studierende Vorteile. Wenn die Technik dafür einmal da ist, kostet es weniger Geld, die Examen durchzuführen. Man braucht nicht pro Prüfung mehrere Leute, die auf die Studierenden aufpassen. Es ist umweltfreundlicher, niemand muss im August in der vorlesungsfreien Zeit extra für eine Prüfung nach Schottland fliegen. Deshalb (und vermutlich noch aus Gründen, die mir unbekannt sind) sollten die Online-Examen jetzt Standard werden. Mehrere Institute, gerade in den Naturwissenschaften, wehrten sich dagegen und durften daraufhin wieder normale Prüfungen (“in person”) durchführen. In unserem Institut finden die meisten Prüfungen wieder in Räumen statt, und nur manche online. Andere Institute machen alles online.
Ein Nachteil der Online-Prüfungen: Man kann dieselbe Prüfung wirklich nur einmal verwenden, Recycling von alten Prüfungsfragen ist nicht möglich, weil die Fragen dann ja schon “draußen in der Welt” sind. Beim alten Format bleiben die Prüfungsfragen im Raum zurück, niemand kann sie veröffentlichen. Das bedeutet: Online-Prüfungen machen uns viel mehr Arbeit beim Ausdenken und Evaluieren von Prüfungsfragen, ein gefürchteter und zeitaufwendiger Prozess.
Zusätzlich zu den großen Examen, die meistens zwei volle Stunden dauern, testen wir Studierende noch in kleineren Prüfungen, die informell im Hörsaal oder Seminarraum stattfinden. Diese “Tests” dauern nur eine knappe Stunde, und es gibt viel weniger Regeln. Sie zählen aber auch bei weitem nicht so viel.
Im Jahr 2020 stelle ich die Tests in meinem Erstsemesterkurs so um, dass man sie online durchführen kann, genauer gesagt als Quiz in der Lernplattform Moodle. Die Fragen sind einen ganzen Tag verfügbar, aber sobald man mit dem Test anfängt, hat man genau eine Stunde. Moodle kann die Fragen individualisieren, so dass jeder mit anderen Zahlen rechnen muss. Alles wird automatisch benotet, der Gesamtaufwand für mich ist vielleicht eine halbe Stunde – verglichen mit zwei Tagen im alten Format. Am Anfang gibt es dazu erheblichen Widerstand im Institut, aber dann geht es doch irgendwie. Von 2020 bis 2024 finden alle Tests als Moodle-Quiz statt.
Natürlich kann man in so einem Format problemlos betrügen, aber ich habe eigentlich nie konkrete Hinweise darauf gesehen – obwohl ich viel danach gesucht habe. Studierende organisieren sich oft in WhatsApp-Gruppen, ohne mein Zutun, und es wäre kein Problem, über so eine Gruppe Lösungen oder Lösungswege auszutauschen. Ich würde das eventuell hinterher merken (zum Beispiel wenn große Teile der Klasse denselben absurden Fehler machen), könnte aber nichts nachweisen. Außerdem würden die Prüfungsergebnisse im Laufe der Zeit besser werden. Nichts davon passiert.
Im November 2022 kommt die erste Version von ChatGPT heraus. Seitdem sehen wir regelmäßig nach, wie gut ChatGPT abschneidet, wenn man einfach unsere Prüfungsfragen in den Prompt schickt. Von Anfang an konnte ChatGPT sich einigermaßen durch die Prüfungen wurschteln. Selbst wenn man alles mit ChatGPT macht und selber nichts einbringt, würde man unsere Examen im ersten oder zweiten Jahr an der Uni bestehen, gerade so. Die eher fortgeschrittenen Prüfungen bereiten mehr Probleme. Das war 2022.
Seitdem ist ChatGPT deutlich besser geworden. Die Prüfungen und Tests im ersten Jahr stellen überhaupt kein Problem mehr dar. ChatGPT liefert nicht nur (meist) die richtigen Ergebnisse, sondern auch eine saubere und logische Darlegung der Heransgehensweise – womit Studierende oft Probleme haben. Man kann nicht nur so durchkommen, sondern auch gut abschneiden. Ich weiß nicht, ob das im dritten oder vierten Jahr an der Uni, wenn die Fragen und Themen spezialisierter werden, auch noch so ist. Aber die Einsteigerprüfungen sind jedenfalls keine Herausforderung mehr. ChatGPT ist auch deutlich schneller als das Nachschlagen in Büchern oder in der Wikipedia.
Auch wenn wir nicht eindeutig nachweisen können, dass Studierende von ChatGPT Gebrauch machen: Unsere Online-Prüfungen sind nutzlos, einfach nur, weil es diese Möglichkeit gibt. Im Jahr 2025 stellen wir im ersten Semester wieder auf Tests im Hörsaal um. Es macht viel mehr Arbeit als die Moodle-Quizze. Vermutlich passiert jetzt weniger Forschung, weil die Forschenden wieder mehr Prüfungen korrigieren müssen. Oder wir arbeiten einfach wieder mehr. Wie andere Fächer mit diesem Problem umgehen, ist mir nicht klar.
Die Prüfungsregeln der Uni sagen nichts zur Benutzung von künstlicher Intelligenz. Das Thema wird allerdings im Dokument zur “guten akademischen Praxis” besprochen. Dort heißt es, dass die Benutzung von künstlicher Intelligenz nicht verboten ist, zum Lernen und Studieren kann man diese Tools einsetzen. Aber nicht bei Prüfungen und anderen Arbeiten, die benotet werden. Falls es doch passiert (und bemerkt wird), gilt es als “academic misconduct” oder “poor academic practice”, je nachdem, ob die Benutzung von AI im Text verheimlicht wird, oder nicht. Das erste führt zur Bestrafung, das zweite nur zu einer schlechten Note.
(Aleks Scholz)








