1986
Wir erfinden das Internet (zumindest bei uns im Dorf)
1986 bekommen mein Bruder und ich einen PC zu Weihnachten, genauer einen Schneider PC 1512 DD. Das DD steht für zwei Diskettenlaufwerke, die später noch eine Rolle spielen werden. Mein Nachbar besitzt einen gebrauchten Apple, der mehrfach von Bastlern erweitert wurde. Schnell begeistern wir uns für die Entwicklung kleiner Programme. Anfangs in Basic, bald darauf in Turbo Pascal, das auf beiden Computern läuft. Allerdings klappt der Datenaustausch nicht richtig. Uns gelingt es nicht, Daten von einem Computer auf den anderen zu übertragen. Vielleicht ist das mehr oder weniger selbstgebaute Diskettenlaufwerk am Apple ursächlich, vielleicht unsere Unkenntnis über das richtige Dateiformat.
Als sporadische c’t-Leser (Disclaimer: Wir verstehen weniger als 10 Prozent) lesen wir natürlich keine Handbücher, sondern entwickeln eine gerade zu wahnwitzige Idee: Wir ziehen ein Kabel von Haus zu Haus, über das wir die Daten (Turbo-Pascal-Listings) übertragen, damit wir keine Ausdrucke mehr abtippen müssen. Das Loch im Fensterrahmen schafft Diskussionsbedarf, aber zum Glück nur auf der Nachbarseite. Schnell – also nach mehreren Wochen – ist ein Programm entwickelt, das Daten über die serielle Schnittstelle überträgt. Allerdings gleichzeitig nur in einer Richtung. Die Übertragung erfolgt durch Zuruf durch das offene Fenster. A meldet die Datenübertragung an, B startet den Computer und schaltet das Programm in den Empfangsmodus und gibt A Bescheid, der dann auf “Send” drückt. Als echte Profis verwenden wir englische Kommandos und Variablen, auch wenn uns der Sinn dieses Verhaltens unklar bleibt. Das Ende der Datenübertragung wird vom Programm zurückgemeldet, wenn 30 Sekunden lang nichts mehr übertragen wird.
Das offene Fenster ist nur eine sommerliche Übergangslösung.
Da wir für die Datenübertragung nicht alle Adern des benutzten Kabels verwenden, verwenden wir diese als Basis für eine Übertragungsampel. Mein Nachbar studiert jetzt Elektrotechnik und lötet einen kleine Schaltung mit Leucht-Diode, Taster und Piepser. Über eine vereinbarte Abfolge von Signaltönen erfolgt zukünftig die Übertragung von Daten. Auch das Ablehnen wird so kommuniziert. Ob die Signale richtig interpretiert werden, wird selbstredend wie gehabt über das offene Fenster nachgefragt.
Da jetzt der Übertragungsstatus klar ist, gelingt es uns, einen kleinen Chat zu entwickeln. Da wir nicht so schnell tippen, markiert ein Signalton das Ende der Nachricht. Daraufhin wechseln wir manuell den Sende- bzw. Empfangsmodus des Programms und der andere antwortet. Drei kurze Töne signalisieren das Ende der Unterhaltung. Das könnte man natürlich auch schreiben, aber das wäre halb so spannend.
Gelegentliche Besucher sind begeistert, wenn sich wie von Geisterhand Nachrichten auf dem Bildschirm aufbauen und ich eine Frage eingebe, die kurz darauf beantwortet wird. Auch wir sind begeistert und wollen nun auf das große Ganze gehen. Jeder Mensch braucht zukünftig einen Anschluss und eine persönliche Tonfolge, damit er weiß, ob Nachricht oder Daten für ihn bestimmt sind. Die Idee, weitere Computer im Dorf anzubinden, scheitert jedoch grandios. Aus dem einfachen Grund, dass es keine weiteren Computerbesitzer in der Nachbarschaft gibt.
Später verstehen wir mehr in der c’t und bekommen mit, dass es bereits Mailboxen gibt, die über Akustikkoppler angerufen werden und unser Dorfnetz bereits Wirklichkeit bzw. inzwischen überholt ist. Aber das Kabel hängt noch lange unter der Dachrinne zwischen den Häusern.
(Moritz Geisel)














