Seit Juli 2021
Der Kandidat hat hundert Punkte
Der Arzt hat mich ins Schlaflabor geschickt, dort hat man nächtliche Atemaussetzer diagnostiziert, und ich erhalte ein Gerät, das keinen richtigen Namen zu haben scheint; ich nenne es meine Schnarchmaschine. Sie ist durch einen Schlauch mit einer Silikonmaske verbunden, die ich nachts auf der Nase tragen muss, und sorgt für einige Millibar Überdruck, die mein Gaumensegel oben halten sollen.
Das Ganze funktioniert hervorragend, mein Schlaf verbessert sich; und alle Durchhalteparolen des Schnarchmaschinenherstellers erweisen sich in meinem Fall als überflüssig. Ich brauche keine Zeit, um mich an das Ding zu gewöhnen, ich finde es von Anfang an überwiegend angenehm, und die wenigen Missempfindungen werden durch den besseren Schlaf mehr als aufgewogen.
Die Schnarchmaschine pustet nicht nur Luft, sie erhebt auch Daten. Schlafdauer, Anzahl der verbliebenen Atemaussetzer, die Qualität des Maskensitzes, und noch einiges mehr. Diese Daten schickt das Gerät direkt an den Hersteller, der sie mir dann auf einer Website zur Verfügung stellt. In der Theorie zumindest; in den ersten Wochen ist irgendwo der Wurm drin, und es gibt keine Daten. Erst als der Support durchs Internet einen Resetbefehl an die Schnarchmaschine schickt, kann ich die Auswertungen sehen.
Als alter Datenskeptiker sehe ich es mit grimmiger Missbilligung, dass ich die Daten durchaus nicht selbst aus dem Gerät auslesen kann, sondern dass sie erst ins ferne Amerika geschickt und dort gespeichert und gehortet werden müssen, bevor ich sie sehen darf. Komplette Datenverweigerung ist jedoch auch keine Lösung, denn einige der Auswertungen sind tatsächlich bedeutend, insbesondere die Dichtigkeit des Maskensitzes, die der ständigen Kontrolle und Optimierung bedarf.
Jeden Tag errechnet die Webseite mir einen Score, wie gut ich es gemacht habe. Es fällt mir tatsächlich schwer, mich dem albernen Stolz zu entziehen, heute Nacht hundert Punkte geschlafen zu haben. Nun hat sie mich also erwischt, die Schlafgamification. Was hab ich gespottet darüber - was, ihr braucht eine App, um zu wissen ob ihr schlaft, zu meiner Zeit hat man sich einfach in den Arm gezwickt! Jetzt stehe ich vor der Herausforderung, das Spiel mitzuspielen und trotzdem die Würde zu bewahren. Was soll’s, der Mensch braucht bekanntlich immer neue Aufgaben.
(Tilman Otter)













