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Pay as you live - Der Schlüssel für eine gesündere Zukunft?
Würden Sie ihren Lebensstil für Geld und Prämien verändern und versuchen zu verbessern? Haben sie sich schon einmal gefragt, wie es wäre, wenn die Beiträge der Krankenversicherungen von der eigenen Lebensweise abhängen und davon, wie gesund Sie leben?
Wahrscheinlich fällt Ihre Antwort jetzt bei Nein aus und sie sind sicher verwirrt und fragen sich, von was hier die Rede ist. Für das Verständnis nehme ich Sie auf ein kleines Gedankenexperiment mit.
Es ist ein Montag Morgen im Jahr 2040...
...und Sie lesen wie jeden Tag die Zeitung. Auf der Titelseite verkünden sie, dass es von nun an ein neues Gesetz bei der Krankenversicherung gibt. Das Solidarprinzip wird aufgehoben und der Krankenkassenbeitrag wird nicht mehr nach dem Gehalt bemessen, sondern hängt von der eigenen Lebensweise ab. Es läuft unter dem Prinzip gesünder leben - weniger bezahlen. Das bedeutet, je gesünder ein Mensch lebt, desto höher sind die Prämien, die er schlussendlich bekommen kann. Sie erklären, dass es sich um das Pay as you live Prinzip handelt und dass der Versicherte ab jetzt für sich selbst und seine Krankenkassenbeiträge verantwortlich ist.
Im Anschluss stellen sie auch gleich das neue Versicherungsmodell vor, bei dem jeder Versicherte mithilfe z.B einer Smartwatch seine Lebensweise trackt. Diese Daten entscheiden dann, wie hoch der Gesundheitsscore und die Prämien, welche man am Ende bekommt, ausfallen. Von nun an wird Ihr komplettes Leben kontrolliert und aufgenommen, dazu gehören z.B Daten über die Bewegung, die Schlafqualität oder verschiedene Vitalwerte. Und diese Daten entscheiden, wie viel Geld Sie bezahlen müssen.
Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten Vollzeit in einem Büro und haben gerade sehr viel zu tun. Während der Arbeit vibriert Ihre Smartwatch und gibt Ihnen eine Erinnerung, dass Sie sich bewegen sollen. Denn die Uhr weiß, dass Sie gerade sehr viel sitzen. Sie folgert daraus, dass das schlecht für Ihre Gesundheit ist. Sie ignorieren erst mal die Anzeige der Uhr, denn Sie haben sehr viel Arbeit und Stress, damit die Aufgaben fertig werden. In der Pause fragt die Smartwatch, was Sie gegessen haben, denn sie trackt nicht nur Ihre Bewegungsdaten, sondern auch die Ernährung. Da es schnell gehen musste, haben Sie in der Mittagspause nur eine Pizza gegessen. Durch das schlechte Verhalten sinkt der Gesundheitsscore schon in den roten Bereich. In der Nacht schlafen Sie sehr unruhig und wachen ständig auf. Da die Smartwatch auch die Schlafqualität misst, sinkt der Gesundheitsscore immer weiter. Am Wochenende steht eine Geburtstagsparty mit Freunden an. Hier ist viel Alkohol im Spiel und ab und an werden auch ein paar Zigaretten geraucht. Sie wissen, dass die Smartwatch das alles verfolgt, doch in dem Moment machen Sie sich darüber weniger Gedanken. Auch die Tage danach ist der Alltag gleich, viel Arbeit, wenig Bewegung, wenig Schlaf, viel Stress und eine relativ schlechte Ernährung. Am Ende des Monats kommt die Rechnung der Krankenkasse und damit der große Schock. Der Healthscore ist weit nach unten gesunken und dadurch sind die Kosten um ein Vielfaches gestiegen als im Monat davor. Sie merken, dass es so nicht weiter gehen kann und beschließen, mehr auf die Gesundheit und den Körper zu achten, damit auch der Score wieder steigt und die Prämien sich wieder erhöhen. Aber auf Dauer wird es schwer, den Lebensstil zu ändern und sich auf die Gesundheit zu konzentrieren oder liege ich da falsch und das Konzept bildet den Weg für eine dauerhaft gesündere Zukunft?
Stellen Sie sich vor, es gäbe in Zukunft eine Krankenversicherung nach dem Pay as you Live Prinzip, würden Sie sich mehr Gedanken über Ihren Lebensstil machen und würden Sie ein solches System in Zukunft nutzen? Das Gedankenexperiment und die Fragen haben Sie jetzt sicher zum Nachdenken angeregt und sie können sich gerne ein paar Gedanken zu einer solchen Situation machen. Aber am Ende dieses Beitrages können Sie sich ein differenzierteres Bild von dieser Thematik machen und ich lade Sie ein, dem Gedankenexperiment zu folgen und näheres über das Pay As you live System zu erfahren. Sicher ist, dass die Einführung unseren Lebensalltag und die Lebensqualität verändern und beeinflussen kann. Doch wie genau erfahren Sie im Folgenden.
Abb. 1: Smartwatch
Der Weg zur digitalen Selbstvermessung
Aber wie kam es dazu, dass sich eine solche Denkweise überhaupt etabliert hat? In den letzten Jahren hat die digitale Selbstvermessung an enormer Bedeutung gewonnenen und der Trend wurde immer mehr zum Massenmarkt. Auslöser war vor allem die fortschreitende Digitalisierung und Entwicklung von neuen digitalen Technologien, die Gesundheitsdaten messen und verarbeiten können. Die Anfänge des Social Screenings liegen aber schon weit in der Vergangenheit zurück. Denn schon früher wurden menschliche Daten gemessen und benutzt. Bekannte Anfänge machte hier beispielsweise Henry Ford im 20. Jahrhundert. Er befragte seine Mitarbeiter zu zahlreichen Aspekten ihres Lebens, unter anderem zu ihrem Konsumverhalten wie Alkoholkonsum, ihrer Ernährungsweise oder ihres Rauchverhaltens. Eine richtige Lebensführung wurde damals von ihm belohnt oder auch bestraft, durch z.B höhere Löhne für die Mitarbeiter, eine Gesundheitsversorgung oder auch Sanktionen (Selke et al. 2021). Seine Absicht war das Schaffen einer Idealwelt und er wollte die Leistungsfähigkeit seiner Mitarbeiter erhöhen, denn schon damals gab es die Vorstellung über das perfekte Leben in idealen Welten. Im Laufe der Jahre gab es zahlreiche Entwicklungen, die zum heutigen Stand der digitalen Selbstvermessung geführt haben.
Wie funktioniert das System?
Der Gedanke der Belohnung einer richtigen Lebensführung findet man auch im Pay as you Live System wieder. Es läuft alles unter dem Prinzip „bezahlen, wie man lebt“. Genauer gesagt handelt es sich um ein neues digitales Geschäftsmodell mit einer Risikobewertung für Versicherungsunternehmen. Dadurch können anhand der Analyse verschiedener Gesundheitsdaten durch Selbstvermessung individuelle Versicherungsprämien für jeden Nutzer errechnet werden. Alle gemessenen und persönlichen Gesundheitsdaten eines Menschen werden in einem Gesundheitsscore zusammengefasst. Kurz gesagt wird der Mensch auf eine einzelne Zahl komprimiert, der entscheidet, wie gesund man lebt. Je höher der Score und gesundheitsbewusster bzw. präventiver der Lebensstil ist, desto höher fallen die Belohnungen aus. Zum Verständnis wie das Prinzip auf technischer Ebene funktioniert, wird das soziotechnische System am Beispiel der AOK Plus näher erläutert (Abbildung 1).
Abb. 2: Funktionsweise der AOK Plus
Für die Vermessung ist das System auf Informations- und Kommunikationssysteme angewiesen, denn das Prinzip basiert auf digitaler Selbstvermessung. Es werden kontinuierlich aktuelle und körperbezogene Daten über den Lebensstil, die Trainingsleistungen sowie vitale Werte gemessen. Aufgezeichnet werden die großen Datenmengen über smarte Technologien, sogenannte Wearables. Diese sind mit diversen Sensoren für die Aufzeichnung ausgestattet. Nach der Aufzeichnung werden die Daten zur Weiterverarbeitung an ein leistungsfähiges mobiles Gerät wie z.B ein Smartphone übertragen (Hummel et al. 2021). Zur Übermittlung, Speicherung und Verwaltung der Daten kommen Gesundheits-Apps und Plattformen von z.B Google oder Fitbit zum Einsatz. Denn in Deutschland geht aktuell nur die Datenübertragung über diese externen Gesundheitsplattformen von Drittanbietern (Selke et al. 2021). Zur Berechnung des Health Scores, ruft der Dienstleister die Daten von der Gesundheitsplattform ab und berechnet mithilfe von Algorithmen aus den aufgezeichneten Gesundheitsdaten durch die Bonus App einen Gesundheitswert. Dieser Gesundheitswert wird dann an die Versicherungsgesellschaft übermittelt, die im Nachgang über mögliche Belohnungen für Kunden entscheidet. In diesem Gesundheitswert wird das komplexe Gesundheitshandeln einer Person zu einer einzigen abstrakten Zahl komprimiert und mit einem Schwellenwert verglichen. Wenn man also sein Verhalten verbessert und ein Fitnessziel erreicht, werden die Prämien ausgezahlt.
Welche Potenziale hat das System?
Das Payl System bringt Potenziale und Chancen mit, die eine positive Veränderung der Menschen darstellen können. Zu nennen wäre auf der Seite der Versicherten, dass das System den Kunden mehr Kontrolle bietet, indem sie die aktive Möglichkeit haben, den Versicherungsbeitrag zu beeinflussen. Dadurch können individuelle Kostenersparnisse entstehen, wenn man auf seine Gesundheit achtet und am Ende des Tages positive Werte bekommt. Dazu kommt, dass die Gesundheitskompetenz durch die tägliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und der persönlichen Gesundheit gestärkt werden kann. Es entsteht ein Lerneffekt, welcher sich immer weiter entwickeln kann. Somit wird es als Anreiz gesehen, der die Menschen zu einem präventiven, gesundheitsbewussteren Leben begleiten soll, indem der regelmäßige Fortschritt belohnt wird.
Auf Seiten der Krankenkasse wird diese Art der Krankenversicherung als Potenzial gesehen, dem gesetzlichen Präventionsauftrag nachzukommen. Außerdem können die Krankenversicherungen durch die ständige Erfassung der Daten spezielle Präventionsangebote direkt auf das Individuum und seine Bedürfnisse abstimmen. Dadurch kann die individuelle Versorgung gesteigert werden. Aber je mehr Daten hier erfasst werden, desto sensibler ist schlussendlich die Auswertung und desto spezifischer werden die Angebote angepasst. Aber hier stellt sich auch die Frage, wo die Grenze ist und wie weit eine Krankenversicherung in die Privatsphäre eines Menschen eindringen kann? Reicht es nicht, wenn die Krankenkasse über die jetzt schon vorhandenen medizinischen Informationen Bescheid weiß? Dazu kommt, dass es auf Seiten der Krankenkasse unmöglich ist, alle Risiken und Gesundheitsdaten einer Person aufzunehmen und dementsprechend zu kontrollieren. Denn Gesundheit wird nicht nur durch die Anzahl der Schritte oder die Menge der Schlafstunden bewertet. Es spielt auch die eigene Denkweise, Einstellung und psychische Belastung bei der Gesundheit eine Rolle. Diese Aspekte lassen sich nur sehr schwer bis gar nicht kontrollieren und in einen Score komprimieren. Dadurch wird es wohl schwer, zielgenau Versicherungsprämien für die „Gesundheit“ jedes einzelnen zu berechnen.
Trotz dieser schweren Berechnung bilden die PAYL-Tarife die Möglichkeit, sonst schwer erreichbare Risikogruppen über solche Systeme zu erreichen. Schaut man sich die Wearables Nutzung zum heutigen Zeitpunkt an, dann fällt auf, dass diese meistens nur von gesundheitsbewussten Personen benutzt werden. Somit würde das PAYL-System eine Chance bilden, diese Risikogruppen zu erreichen und sie zu einem gesundheitsbewussteren Leben zu begleiten. Zusätzlich führt ein solches System auch zu einem kostenbewussteren Gesundheitsverhalten aller Menschen, da schlechtes Verhalten, wie zum Beispiel Rauchen oder der Konsum von Alkohol, durch eine stärkere Selbstbeteiligung eingedämmt werden könnte (Wiegard&Breitner, 2019).
Abbildung 3: Chancen und Risiken
Welche Konflikte können auftreten?
Aber wenn es so viele positive Aspekte gibt, wieso wurde ein solches System dann noch nicht eingeführt?
Grund dafür ist, dass man bei einer Neuerfindung und Implementierung immer zwischen Chancen und Risiken eines Systems abwägen muss. Denn wenn ein datengetriebenes Modell verfolgt wird, hat dies nicht nur positive Seiten und es kann auch zu Konflikten führen. Diese können Hindernisse für eine Implementierung des Systems darstellen (Hummel et al. 2021)
Evidenzproblem:
Ein großes Problem für die Implementierung ist, dass im Pay as you live System gesundheitliche Prävention und wirtschaftlicher Nutzen aufs Engste verschränkt sind. Das Ziel ist es, auf der einen Seite Kosten zu sparen und gleichzeitig die Gesundheit durch Prävention zu erhöhen. Es ist jedoch unklar, ob Prävention erreicht wird und Kosten gespart werden. Dadurch entsteht ein Evidenzproblem, denn es gibt keine Beweise für die Wirksamkeit der Prävention und eine Kostenersparnis für die Versicherung.
Interessenkonflikt Krankenversicherungen
Ein weiterer Konflikt findet hauptsächlich zwischen den Krankenversicherungen statt. Denn diese wollen natürlich so wenig Geld wie möglich ausgeben und aus diesem Grund wollen sie eher die jungen, sportlichen und gesunden Menschen für sich gewinnen, da sie durch diese Personen eine größere Kosteneinsparung erhoffen. Dadurch will keine Krankenversicherung die kranken, älteren und unsportlichen Menschen aufnehmen, da diese Menschen mit mehr Ausgaben verbunden sind. Doch hier stellt sich dann die Frage, was mit den kranken und unsportlichen Menschen passiert?
Datensouveränität
Eines der größten Hindernisse für die Implementierung des Systems ist wahrscheinlich der Datenschutz und die Datensicherheit. Durch die zunehmende Digitalisierung spielt der Aspekt der informellen Selbstbestimmung und Datensouveränität eine große Rolle. Darunter versteht man die Kontrolle und Selbstbestimmung der Menschen über ihre Daten. Denn es soll kontrolliert sein, wer wann Zugriff auf die Daten hat. Aber Grundvoraussetzung für die Selbstbestimmung ist vor allem die Stärkung der Datensouveränität der Versicherten. Um das zu Erreichen benötigt es jedoch zwei Aspekte. Zum einen gehört dazu die Datentransparenz, denn die Menschen brauchen die Kompetenz zu verstehen, wozu und von wem ihre Daten verwendet werden. Das Problem ist, dass zu vielen Menschen diese Kompetenz fehlt und viele haben ein fehlendes Wissen darüber, was mit ihren Daten passiert. Ein weiterer Aspekt ist die Datenkontrolle. Dazu gehört die selbstbestimmte Entscheidung, ob die Daten verarbeitet werden oder nicht und dass der Nutzer als einziger den direkten Zugriff auf die Daten hat (Hummel et al. 2021). Für die Versicherten kann das aber auch ambivalent sein. Auf der einen Seite wird zwar die Datensouveränität gestärkt, aber auf der anderen Seite sind sie als Nutzer die Hauptverantwortlichen für ihre Daten und tragen immer die Folgen ihrer Entscheidungen. Außerdem muss eine Bedingung sein, dass alle die gleichen Grundvoraussetzungen und ein einheitliches Wissen haben (Selke et al. 2021). Zudem besteht die Gefahr, dass die Vorstellung eines Richtigen Verhaltens zum Zwang werden kann und in der Gesellschaft etabliert wird. Aus gesellschaftlicher Sicht ist das System ökologisch bedenklich und fördert dadurch die Entsolidarisierung.
Entsolidarisierung
Wie Anfangs angesprochen, wird der Gesundheitszustand zu einem Score zusammengefasst, dadurch entsteht sowohl eine neue Möglichkeit der Organisation sowie der Kontrolle (Selke et al. 2021). Und dies hat sowohl Auswirkungen auf das Individuum, aber auch auf die Gesellschaft. In der heutigen Zeit werden die Krankenkassenbeiträge vom Einkommen der Versicherten berechnet, dadurch spielt in der Sozialpolitik der GKV die Solidarität eine wichtige Rolle. Denn das Solidaritätsprinzip sagt aus, dass das Individuum nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Gesellschaft verantwortlich ist. Das Pay as you live System spricht sich gegen das Solidarprinzip aus, denn der Fokus wird von der Gesellschaft auf das Individuum gelegt. Folgen davon sind, nicht nur die angesprochene Entsolidarisierung, sondern auch die Erhöhung des Leistungsdrucks auf das Individuum. Dadurch fühlt sich jeder Einzelne in der Pflicht, immer positive Gesundheitsdaten zu sammeln (Selke et al. 2021).
Dadurch besteht die Gefahr, dass man vergisst, wie man sich eigentlich fühlt. Dazu kommt, dass der Zwang nach positiven Ergebnissen auf Dauer schlecht für die Psyche und die Gesundheit sein kann. Eine weitere Folge ist, dass das Körperbewusstsein minimiert wird, denn im Vordergrund stehen dauerhaft die gemessenen Daten.
Aber nur in einer von Solidarität gegenzeichnenden Gesellschaft stellt sich die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit. Die soziale Gerechtigkeit wäre in diesem System nicht mehr wie davor vorhanden und es entstehen neue Ungleichheiten vor allem für die kranken, alten und weniger aktiven Menschen. Außerdem kann man sagen, dass die Schere zwischen arm und reich sich immer weiter vergrößern wird und dadurch neue Ungleichheiten entstehen. Aber Menschen mit finanziellen Ressourcen werden nicht so stark betroffen sein als Menschen, die auf das Solidarprinzip und auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind. Doch hier stellt sich auch die Frage, was dann in der Zukunft mit den Menschen passiert, die weniger Geld verdienen, nicht die Möglichkeit auf gesundheitliche Angebote haben oder gesundheitlich beeinträchtigt sind und bisher von der Sozialgesellschaft profitiert haben?
Rationale Diskriminierung
Außerdem bleiben Fragen offen, wer im neuen System zum Idealbild passt und wer nicht?
Durch die Reduzierung desgesamten Lebensumfangs und die qualitativen Aspekte der Lebensführung auf eine einzige Ziffer und der Vergleich mit einem Schwellenwert werden die Regeln des Zusammenlebens verändert. Der Mensch wird auf einen einzelnen Wert reduziert, der entscheidet, ob man gesund lebt oder nicht. Die sogenannten Normativen Daten drücken in Zahlen aus, welches die richtige Leistung oder das richtige Verhalten jedes Einzelnen ist. Dadurch werden Sollwerte in der Normalgesellschaft etabliert, die ein gewünschtes Verhalten und eine Erwartung einfordern. Dennoch wird der Trend der Selbstüberwachung und Selbstvermessung immer mehr zum Massenmarkt. Aber durch die Verbreitung der Selbstvermessung resultiert ein soziales Organisationsprinzip, was auch unter rationale Diskriminierung verstanden werden kann (Selke, 2016). Diese Diskriminierung entsteht, wenn auf der einen Seite die Werte des Einzelnen mit den Werten von anderen Menschen und Idealwerten verglichen werden. Und wenn auf der anderen Seite vorab Definitionen des Normalen festgelegt werden. Doch wer entscheidet, was man unter „Normal“ versteht und ab wann man von dem „Normalen“ abweicht? Die Daten in den Systemen erzeugen hier bestimmte Vorstellungen von Gesundheit. Folge davon ist die Veränderung des Menschenbildes, denn das wird hier auf Werte wie z.B. Schlafstunden, Schritte reduziert.
Wie ist der aktuelle Stand in Deutschland?
Trotz der vielen positiven und negativen Aspekte stellt sich die Frage, wie die Zukunft eines PAYL Systems aussieht und ob man mit einer Etablierung rechnen kann?
Der aktuelle Stand zeigt, dass in der gesetzlichen Krankenversicherung keine allgemeingültigen Pay as you live Systeme angeboten werden. Es gibt lediglich Umsetzungen von z.B. der Generali in Zusammenarbeit mit Vitaly oder die AOK Nordost, die den Versicherten ermöglichen, für getrackte Fitnessdaten einen Bonus zu erhalten.
Wirft man einen Blick auf die private Krankenversicherung in Deutschland, dann kann man Ähnlichkeiten zu einem PAYL- System erkennen. Bei der PKV gibt es Risikobewertungen und eine Beurteilung der Gesundheit, bevor man für die Private Krankenkasse zugelassen wird. Dazu kommt, dass der Versicherungsbeitrag genau von dieser Risikobewertung abhängt und je jünger und gesünder man ist, desto weniger muss man beim Versicherungsbeitrag bezahlen. Menschen können hier aufgrund ihrer schlechten Gesundheit oder einer chronischen Krankheit abgelehnt werden. Die Private Krankenkasse sucht sich somit ihre auserwählten Kunden aus, damit sie möglichst keine hohen Ausgaben haben.Um dem Prinzip der PKV zu folgen, muss die Gesetzliche Krankenversicherung in den Aspekten Datenschutz und Datensicherheit noch einiges verändern.
Wie sieht ein Zukunftsszenario aus?
In einem Zukunftsszenario müssten Systeme zur Datenübertragung nicht auf externe Gesundheitsplattformen zurückgreifen, damit der Datenschutz besser gewährleistet wird. Außerdem würden die Daten durch eine verschlüsselte Datenübertragung via BLE an das Smartphone übertragen und dort in einer eigenen App gespeichert und ausgewertet werden (Selke et al. 2021). In diesem Schritt wird aus den einzelnen Daten dann ein Schwellenwert berechnet und an die Krankenkasse übermittelt. Vorteil bei diesem Szenario ist, dass der Anwender seine Daten auf dem Smartphone jederzeit einsehen kann und dass die Weitergabe und Auswertung nicht durch Gesundheitsplattformen von Drittanbietern erfolgt. Denn es werden nicht die gesamten Daten, sondern nur der Health Score übermittelt, dadurch bleiben die sensiblen Daten und Details zur Gesundheit beim Nutzer. Voraussetzung für die Implementierung einer solchen Vorgehensweise ist die Zusammenarbeit zwischen Krankenversicherung und Elektronikhersteller, damit eigene Fitnesstracker sowie eine eigene App angeboten werden können. Diese werden dann nur im Rahmen der PAYL-Systeme Verwendung finden (Selke et al. 2021).
Ob und inwiefern ein solches Zukunftsszenario umgesetzt wird, bleibt unklar. Es wird deutlich, dass diese Thematik sehr gespalten ist und es viele Aspekte gibt, die bei einer Etablierung beachtet werden müssen.
Ist es ein Weg für eine gesündere Zukunft?
Hervorzuheben ist, dass unser Gesundheitssystem dringend auf effektive und effiziente Verhaltensprävention bei Risikogruppen angewiesen ist. Besonders bei Menschen, die sich zu wenig bewegen und ungesund ernähren, hat das Payl System Potenzial, die Gesundheit zu verbessern. Hier muss man auch bedenken, dass die Belastungen des Gesundheitssystems in den nächsten Jahren durch den demografischen Wandel noch weiter steigen werden und die Anzahl chronischer Erkrankungen zunehmen wird. Aus diesem Grund kann in mancher Hinsicht die Nutzung und Etablierung solcher Systeme einen Vorteil darstellen. Auf der anderen Seite muss man auch die sozial schwächeren Glieder unserer Gesellschaft beachten. Es ist wichtig, dass die Verantwortung von der Gesellschaft nicht auf das Individuum gelegt wird, damit kein Druck auf die ärmeren und kranken Menschen in der Gesellschaft ausgeübt wird. Denn es gibt viele Menschen, die auf das Sozialprinzip in Deutschland angewiesen sind. Aus diesem Grund wäre ein zusätzliches Konzept neben der jetzt schon vorhandenen Versicherung gut, damit die Gesundheit und Motivation unter den Versicherten gefördert wird und den Fleiß mancher Menschen belohnt wird. Auf der anderen Seite bekommen alle Menschen die gleiche Möglichkeit und es kann eine bessere Partizipation garantiert werden.
Das Modell ist ein Trend, der die Menschen zum Handeln zwingt, sich mehr mit dem Thema der eigenen Gesundheit und des Wohlbefindens auseinanderzusetzen. Das System stellt einen Wegbegleiter dar, der einen uns dem Weg zu einem gesundheitsbewussteren Leben fördert und begleitet. Es gibt zwar einige Hürden wie z.B. Datenschutz, die betrachtet werden müssen, bevor ein System etabliert wird und alle zufrieden sind. Diese stellen aber kein unüberwindbares Hindernis dar.
Ich hoffe Sie haben jetzt einen Einblick in das Pay as you live Prinzip erhalten und können sich jetzt eine bessere Meinung zu der Thematik bilden.
Geschrieben von: Katharina Flaig
Literaturverzeichnis
Hummel, P., Braun, M., Augsberg, S., von Ulmenstein, U., and Dabrock, P. (2021). Datensouveränität: Governance-Ansätze für den Gesundheitsbereich. Wiesbaden: Springer.
Selke, S. (2016): Rationale Diskriminierung durch Lifelogging – Die Optimierung des Individuums auf Kosten des Solidargefühls. In: Andelfinger, V. / Hänisch, T. (Hrsg.), eHealth - Wie Smartphones, Apps und Wearables die Gesundheitsversorgung verändern werden. Wiesbaden, S. 53-71.
Selke, S. et al. (2021): Zwischen Gesundheitsoptimierung und Erosion der Solidarität, Pay-as-you-live-Tarife (PAYL) im Gesundheitswesen. Zugluft, 2, 1-55.
Wiegard, RB., Breitner, M.H. (2019), Smart services in healthcare: A risk-benefit-analysis of pay-as-you-live services from customer perspective in Germany. Electron Markets 29, 107–123. https://doi.org/10.1007/s12525-017-0274-1
Wulf, N., Betz, S. (2021) Daten-Ökosysteme wider Willen: Herausforderungen des Pay-as-you-live-Geschäftsmodells im Kontext deutscher Krankenversicherungen. HMD 58, 494–506 . https://doi.org/10.1365/s40702-021-00719-x
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: https://media.springernature.com/lw685/springer-static/image/art%3A10.1365%2Fs40702-021-00719-x/MediaObjects/40702_2021_719_Fig1_HTML.png
Abbildung 2: https://www.frost.com/wp-content/uploads/2017/09/wearables-technologies-healthcare.jpg
Abbildung 3: https://www.unternehmercoach.com/app/uploads/2008/10/gelbe-weg-schilder-mit-chancen-und-risiken-1024x683.jpg
Raucher? Nein Danke! Gefährden Bonusprogramme der Krankenversicherungen die Solidarität der Versicherten?
Gedankenexperiment
Stellt euch einmal vor ihr seid selbständig und habt ein kleines Café am Stadtrand von Berlin. Die Einnahmen eures Cafés sind ausreichend für euren Lebensunterhalt aus. Jedoch reicht das Geld nicht für eine Krankenversicherung mit jährlich steigenden Beitragssätzen. Deshalb und durch die Tatsache, dass ihr bisher nie wirklich krank wart, habt ihr beschlossen keine Krankenversicherung abzuschließen. Auf dem Heimweg vom Mehl nachkaufen auf dem Großmarkt, seid ihr in einen schwerwiegenden Autounfall verwickelt. Euch wird die Vorfahrt genommen und das andere Auto fährt seitlich in euch hinein. Da ihr schwer verletzt seid, müsst ihr mit dem Krankenwagen ins nahegelegene Uniklinikum gebracht werden. Dort wird festgestellt, dass drei Rippen gebrochen sind, euer rechter Fuß angebrochen ist und ihr ein Schädelhirntrauma habt. Durch die schwerwiegenden Verletzungen müsst ihr einige Tage im Krankenhaus verbringen, was zu einem Arbeitsausfall in eurem Café führt. Nach vier Tagen wurden eure Verletzungen notdürftig behandelt und da ihr keine Versicherung habt, müsst ihr das Krankenhaus vorzeitig verlassen. Zuhause angekommen wartet schon die hohe Rechnung des Krankentransportes und Krankenhausaufenthaltes auf euch. Außerdem könnt ihr euch im Moment nur mit Hilfe von Krücken fortbewegen. Dadurch bekommen ihr echte Existenzängste, wie ihr die hohe Rechnung und den Ausfall in eurem Café ohne Krankenversicherung finanzieren sollt.
Paul
(PAYL) ambient noise drone with guitar and keyboard
(PAYL) minimal sadness song about being bored and not knowing what to do with yourself and not really wanting to do anything.
(PAYL) space-y ambient drone
(PAYL) old track, new recording