1970er und 80er Jahre sowie 2017
Wasserstände von öffentlichem Interesse: Der Anrufbeantworter der Donau
Anlässlich eines bei Twitter erwähnten “Sendung mit der Maus”-Films über die Zeitansage fällt mir wieder ein, dass mein Vater früher bei Hochwassergefahr gelegentlich die Telefonnummer der automatischen Pegelansage gewählt hat. Er arbeitete beim Wasserwirtschaftsamt, wir wohnten aber nicht in Sichtweite der Donau. Vor Ort konnte und kann man den Pegel an einem Schild an der Donau ablesen. Hier ist das Verfahren ganz analog: das Wasser steigt bis zu der Zahl, die den aktuellen Wasserstand angibt. Aber wie ist der Pegelstand in die automatische Ansage hineingelangt?
Sicher hat kein Mensch, so überlege ich, manuell zwischen Donau und Anrufbeantworter vermittelt, denn man konnte den Pegelstand auch nachts abfragen. Dass die Donau, wie im “Sendung mit der Maus”-Film, einen Tonarm an die richtige Stelle einer Platte gehoben haben soll, kommt mir aber auch unwahrscheinlich vor. Naja, das Internet wird es schon wissen, denke ich.
Aber das Internet erweist sich als überraschend ahnungslos, was Pegelansagegeräte betrifft. In der Wikipedia steht zwar:
“Sogenannte Anrufpegel (Pegelansage) können bei Bedarf per Telefon von jedermann abgefragt werden und geben den momentanen Wasserstand in Zentimetern bzw. Durchfluss in Kubikmetern pro Sekunde (m³/s) an. Für Pegel an deutschen Bundeswasserstraßen wählt man dazu die Ortsvorwahl und anschließend die 19429, beispielsweise für den Pegel Karlsruhe-Maxau 0721 19429.”
Nur wie das in den 70er Jahren funktioniert haben könnte, steht weder dort noch anderswo. Google Books liefert ein paar verheißungsvolle Beiträge aus Elektrotechnik-Zeitschriften der 1950er Jahre, aber die winzigen Vorschaubilder helfen mir nicht weiter, und ganze Seiten sind nicht verfügbar. Lediglich in diesem PDF des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie gibt es eine kleine Abbildung eines interessant aussehenden Pegelansagegeräts und eine zeitliche Einordnung:
Noch Anfang der 50er Jahre wurden die Wasserstände an der Pegellatte von Beobachtern vor Ort abgelesen und die Daten telefonisch weitergegeben. Eine wesentliche Verbesserung der Datenübermittlung erfolgte durch die Ausrüstung der Pegel mit Wasserstandsansagegeräten. So wurde z.B. im Mai 1953 der Pegel Rotenburg an der Fulda mit einer Übertragung der Wasserstandsdaten per Telefon ausgerüstet: Auf Anruf wird der aktuelle Wasserstand mitgeteilt.
Ich schreibe an die Poststelle des Deggendorfer Wasserwirtschaftsamts und bekomme sofort eine äußerst freundliche Antwort aus dem “Sachgebiet Gewässerkunde”:
“... Mit dem elektro-mechanischen Pegelansager bist Du tatsächlich knapp dran. Aber irgendwo in Bayern müsste so ein Teil aufzutreiben sein. Ich frag mal die paar Kollegen, die noch älter sind als ich.”
Eine Woche später erhalte ich eine weitergeleitete Mail:
“... auf ihre Anfrage vom 23.05.2017 teilen wir ihnen mit, dass sich ein Gerät (oder Teile davon) im Gerätekeller des Bayer. Landesamtes für Umwelt, Referat 85 befindet. In Anlage übersenden wir ihnen eingescannte Schaltpläne und Beschreibung zu einem solchen Gerät.”
Das Gerät ist ein “Hagenuk MA-01”-Messwertansager. Unter Punkt 2, “Wirkungsweise”, steht in der schreibmaschinengetippten Beschreibung:
“Die automatische Einrichtung für die Fernansage von Wasserständen gestattet Meßwerte von Wasserständen, die von öffentlichem Interesse sind, anzusagen. Nach Anwahl durch den Fernsprechteilnehmer meldet sich das Gerät mit dem vorgeschriebenen Meldewortlaut. Danach werden die Meßwerte der Wasserstände in offener Sprache und in einem für jedermann verständlichen Sinn angesagt.”
Die für jedermann verständliche Ansage muss der Beschreibung zufolge ungefähr so gelautet haben: “Hier automatischer Anrufbeantworter Deggendorf”, Rufnummer, “Pegel Deggendorf, Wasserstand in cm”, gefolgt von drei Zahlen, “Tendenz steigend” oder “Tendenz fallend”, “Wasserstand um 5 Uhr”, noch einmal drei Zahlen, “Ende der Mitteilung”.
“Die einzelnen Ziffern sind ebenso wie der Meldetext, die erklärenden Ansagen und der Schlußtext auf einer Tonfolie im Abspieleinsatz gespeichert.”
Punkt 1.75, Wartung:
"Der Meßwertansager ist als elektronisches Gerät mit Relaistechnik weitgehend wartungsfrei. Lediglich die Tonköpfe im Abspieleinsatz sind nach ca. 10000 und 20000 Ansagen mit je 10 Umläufen des Tontellers zu reinigen. Nach ca. 30000 Ansagen (10 Jahre bei täglich 8 Ansagen; 300000 Umläufe des Tontellers) ist es erforderlich, den Abspieleinsatz zur Erneuerung der Tonfolie einzuschicken. Der genaue Zeitpunkt kann jedoch vom Nachlassen der Tonqualität abhängig gemacht werden.”
Die für die Beantwortung meiner ursprünglichen Frage entscheidende Stelle des Schaltplans:
Rechts unten ist ein Schwimmer zu sehen. Das Gerät muss in einem donaunahen Gebäude untergebracht gewesen sein. Und dann hat die Donau dem Anrufbeantworter ihren aktuellen Wasserstand selbst mitgeteilt.
Auf welche Art die Donau heute mit dem Internet redet, frage ich die freundlichen bayrischen Behörden dann bei einer anderen Gelegenheit, diesmal vielleicht vor dem Aussterben der Technik. (Update: Hier das Ergebnis.)
(Kathrin Passig mit Hilfe von Siegfried Brunner vom Wasserwirtschaftsamt Deggendorf und Mario M. Knott vom Bayerischen Landesamt für Umwelt, Dienststelle Hof)














