„Ins Herz des Chaos?“ Der neue Bürgermeister von Berlin-Mitte im Interview
Stephan von Dassel hat einen neuen Job: Als Bürgermeister von Berlin-Mitte leitet er seit Oktober ein Bündnis aus Grünen, SPD und Die Linke. Im Auftrag von FORUM traf ich mich mit dem Grünen-Politiker kurz nach seiner Amtsübernahme und sprach mit ihm über seine Vision der nächsten 5 Jahre.
Wie wird sich Berlin-Mitte unter dieser Grün-Rot-Roten Regierung in den nächsten 5 Jahren verändern?
Was uns immer traurig stimmt, ist, dass wir auf die Entwicklung in unserem Bezirk nur begrenzten Einfluss haben. Die Wohnungsmarkt-Situation lässt sich nur begrenzt beeinflussen. Ich sage: Das Job-Center ist die wichtigste Behörde in unserem Bezirk – wichtiger als der Bürgermeister. Wenn das 5.000 Leute mehr in Arbeit bekommt, ändert das mehr, als wenn ich schöne Ansprachen halte.
Gleichwohl glaube ich, dass wir es schaffen können, eine Verwaltung zu schaffen, von der alle Bürger und Bürgerinnen in Mitte sagen: „Hier klappt jetzt aber alles!“ Eine Voraussetzung dafür ist, erstens genug Personal zu haben, das zweitens motiviert ist, und drittens, dass wir, was die Zusammenarbeit der Ämter angeht, als Bezirksamtskollegium mit gutem Beispiel voran gehen.
Werden Sie einen Vorteil dadurch haben, dass in Mitte sozusagen eine Landesregierung-in-Klein regiert?
Ja, das kann von Vorteil sein. Wir haben in den letzten Jahren gemerkt: Als Bezirke hatten wir in ganz vielen Fragen parteiübergreifende Positionen – und das Land hat sich nicht darum gekümmert. Aber natürlich – wenn man diesen Senator oder jenen Staatssekretär persönlich kennt und auf dem Handy anrufen kann - das ist was anderes, als wenn man offizielle Schreiben schicken muss. Auch hoffe ich sehr, dass auf Landes- wie auf Bezirksebene die Bereitschaft entsteht, die Verhältnisse zueinander neu zu ordnen.
Können Sie uns einen Vorgeschmack auf die ersten 100 Tage geben?
Ein großer Brocken ist: Wie gehen wir weiter mit dem Personal um? Der Personal-Abbau ist jetzt erstmal vorbei – aber jetzt müssen wir kucken, wie wir eine vernünftige Personalsteuerung hinkriegen. Wie kriegen wir motivierte Mitarbeiter? Wie können wir Personal entwickeln? Nicht jeder kann Amtsleiter werden – und wir brauchen nicht nur Häuptlinge, wir brauchen auch Indianer. Wir wollen, dass sich auch Menschen auf ganz normaler Sachbearbeiter-Ebene nicht sagen „Ich mach seit 30 Jahren immer genau das gleiche - ich werde hier noch blöde!“ Was dann zu mangelnder Motivation und Unfreundlichkeit führt...
...gutes Stichwort! Hat er der öffentliche Dienst in Berlin nicht ein Image-Problem?
Absolut. Wenn ich einen Job auf dem Bürgeramt angeboten kriegen würde – glaube ich nicht dass dann Leute auf einer Party sagen: „Wow! Da werd ich aber neidisch!“ Sondern eher: „Okay, ab ins Herz des Chaos?“
Wir müssen da wirklich an unserem Image arbeiten. Damit das gelingen kann brauchen wir viele, viele Einzelfälle - wo Leute sagen „Das hat aber gut geklappt. Das war ja mal unkompliziert. Die sind ja gar nicht so schlimm – und dafür zahl ich gerne steuern.“ Das werde ich auch versuchen, auf der Personalversammlung zu sagen: Über das Image der Verwaltung entscheidet jeder einzelne Mitarbeiter selbst.
Sie hatten in der Vergangenheit so Ihre Robin Hood-Momente: Ihre Rolle beim Zweckentfremdungsverbot, beim Pflegebetrugs-Skandal und unlängst im Wahlkampf, wo Sie sich für das Männerhaus Moabit stark gemacht haben. Macht das neue Amt Sie nun diplomatischer oder können wir noch mit mancher Kontroverse rechnen?
Was heißt diplomatisch? Man ist gewählt, um Probleme zu lösen und um die Seite des Staates und der öffentlichen Verwaltung hier darzustellen. Was Airbnb angeht: Wir haben ein Gesetz, das nicht eingehalten wird, und deswegen muss man das thematisieren. Bei der Frage Wohnungslose – da kann es keine Kompromisse geben. Ich will ja jetzt nicht martialisch klingen – aber wir müssen da alle Geschütze auffahren, sonst haben wir keine Chance gegen die Immobilienbesitzer und Immobilienfonds in Luxembourg oder so – denen völlig wurscht ist, wer in ihren Häusern wohnt.
Gibt es noch so ein Thema, das Ihnen unter den Fingernägeln brennt?
Zum Thema Öffentlicher Raum werden wir auch Kontroversen haben. Wenn mir ältere Frauen sagen, sie gehen nicht mehr zum Leopoldplatz und trauen sich nicht mehr die U-Bahn runter, wegen Wohnungslosen, Drogensüchtigen und Hunden – kann ich ihr nicht sagen „Ja, dat gehört eben zu Berlin“ - will ich nicht sagen! Ich will sagen: Die Verhältnisse müssen so sein, dass sie völlig angstfrei da die Treppe hoch und runter laufen können. Das gleiche gilt hier für den Kleinen Tiergarten - das ist nicht das Mitte, das wir haben wollen! Wir werden da schon kontrovers diskutieren müssen, denn da gibt es keine einfachen Lösungen! Schnipp, alle Drogensüchtigen sind weg? Oder schnipp, wir stören uns nicht mehr an gewissen Dingen? Was halten wir aus – im Sinne einer freien Gesellschaft – und wo ist die Grenze?
Sie werden neben dem Bürgermeisteramt auch für das Ressort Ordnung zuständig sein. Das Thema Späti-Öffnungszeiten ist im Wahlkampf etwas untergegangen - wo stehen Sie in der Debatte?
Ich habe da noch keine abschließende Meinung. Es heißt ja immer „Niemand gehe an meinen Späti ran!“ Das gehört auch zu einer Großstadt – dass man nachts um 1 auch noch einen Liter Milch kaufen kann. Aber andererseits verkaufen Spätis zu 90% Alkohol. Da muss man natürlich schauen, welche Entwicklung das hervorruft. In Baden-Württemberg gab es die Regelung - die jetzt wieder aufgehoben wird, aber aus meiner Sicht interessant ist - dass man nach 22 Uhr keinen Alkohol mehr kaufen konnte. Egal wo - um Alkoholmissbrauch im öffentlichen Raum zu vermeiden. Und man muss auch schauen, dass man irgendwann nicht nur Spätis hat – und der Einzelhandel keine Chance mehr hat gegen deren Geschäftsmodell. Es ist schwierig.
Mitte ist nach Kreuzberg-Friedrichshain der zweite Bezirk, der Grün regiert wird. Wie, denken Sie, unterscheidet sich Ihr Polit-Stil von dem von Monika Herrmann?
(lacht) Oh – die Fangfrage schlechthin!
Natürlich!
Ja ja ja... da maße ich mir nichts an! Jeder sich selbst. Ich bin kein Twitterer und ich bin auch nicht bei Facebook. Mehr kann ich nicht sagen. Wir haben auch eine andere Situation, weil wir hier längst nicht so stark sind wie die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg; deswegen müssen wir an sich schon stärker um Mehrheiten werben. Das hat auch Vorteile – weil man nicht Gefahr läuft zu denken „Ich hab ja schon die Mehrheit“. In sowas wie einen CSU-Nimbus kommt man dann nicht rein.
Stichwort Herrmann - Ihre Partei hat im Wahlkampf die Freigabe von Cannabis im Rahmen eines Pilotprojektes versprochen. Wie sieht es in Mitte aus?
Ich würde es mir erhoffen – nicht, weil ich Drogen so toll finde, sondern weil ich finde, dass unsere Drogenpolitik komplett gescheitert ist. Von den weichen bis zu den harten Drogen. Es müssten am Kleinen Tiergarten nicht mehr Drogen verkauft werden, sondern man geht in einen geschützten Konsumraum, man ist 18 und kann sich da Drogen kaufen. Wir würden viele, viele Probleme weniger haben. Schauen Sie, was der Kampf gegen Drogen für Folgen hat – halbe Bürgerkriege! Wir machen mit diesen Drogen, die ja eigentlich Billigprodukte sind, Leute reich, die ganze Wirtschaftszweige unterwandern. Deswegen sage ich: Nicht nur Cannabis freigeben. Den Schaden, den unsere jetzige Drogenpolitik verursacht, kann durch keine andere Regelung noch größer werden!
Bei Ihren Wahlergebnissen in Mitte fällt auf, dass Sie besonders in den teueren, besser verdienenden Wahlkreisen gepunktet haben. Denken Sie, dass die Grünen auf dem Weg sind, eine zweite FDP zu werden - eine ökologische Partei der Besserverdienenden?
Richtig ist, dass unserer Wählerinnen und Wähler eine überdurchschnittliche Bildung haben. Da muss man sich nicht für schämen. Auf der anderen Seite führt das aber zu einer Verengung der Sichtweise: Dass im Bereich der Sozialpolitik den Grünen so wenig zugetraut wird finde ich traurig. Mich treibt die Soziale Frage genau so um wie der Klimawandel oder die Energiewende.
Wir müssen Politik machen, die den Kontakt zum Durchschnittsmenschen nicht verliert. Deswegen ist für mich Ordnung im Öffentlichen Raum auch so ein wichtiges Thema. Jemand, der ein Dachgeschoss hat und dreimal im Jahr in Urlaub fliegt, für den ist die Situation im Tiergarten weniger wichtig als für jemanden, dessen einzige Grünfläche das ist!
Man muss also der Gefahr widerstehen, so abgehoben auf die Welt runter zu blicken. Wir müssen auch Politik machen für Menschen, die mit den Grünen nichts am Hut haben.
Wenn Sie auf den Wahlkampf zurückblicken – was denken Sie mit welchen Themen Sie angekommen sind?
Wir haben ja verloren! In Berlin 15 komma Pi-Pa-Po Prozent zu holen ist eine Klatsche! In Baden-Württemberg haben wir 30% und in Berlin 15%? Komische Welt. Ich glaube, manche Themen sind nicht richtig herausgestellt worden. Man hätte viel mehr sagen können „Wir sind die Fahrrad-Partei“ - das glaubt einem jeder und das ist Politik, wo auch in 5 Jahren was geht.
Dass wir die Große Koalition abwählen wollen haben wir zu stark betont - und zu wenig gezeigt, was unser Bild von der Stadt ist. Auch das Thema Flüchtlinge: Nur 'Willkommen' zu sagen und ein offenes Land sein zu wollen – finde ich, reicht nicht. Aber hinterher ist man immer klüger.
Sie haben die letzten Frage vorweg genommen: Was erwartet uns in Sachen Fahrrad-Reform?
Mit wenig Aufwand kann man da einige Fortschritte machen. Radspuren, Ampelschaltungen – das geht alles. Aber der Mentalitätswechsel wird schwierig: Statt alles zu machen - Autoverkehr, ÖPNV und Radfahren – an manchen Stellen das Fahrrad zur Nummer Eins zu machen. Dann erst haben Sie einen echten Qualitätssprung - auch wenn das für Autofahrer schrecklich und für Radfahrer das Paradies ist. Dann kriegen Sie das hin, was in anderen Städten passiert ist. Etwa Madrid - die haben die Zeichen der Zeit erkannt. Ich glaube, Berlin hinkt weiter zurück, als wir das so mitkriegen - weil wir Berlin ja immer für viel progressiver halten, als es wirklich ist.
Das ist doch ein schönes Schlusswort. Herr von Dassel, vielen Dank für das Gespräch!
Klaus Lederer, Spitzenkandidat für Die Linke Berlin // Ungekürztes Interview
Freunde des Lesezirkels und jeder mit einem offenen Arzt- oder Friseurtermin können sich in dieser Woche mein aktuelles Interview mit Klaus Lederer, Spitzenkandidat Die Linke Berlin, zu Gemüte führen, im allseits beliebten FORUM - Wochenmagazin.
Da ich, als Fan der Transparenz, aber auf die Veröffentlichung möglichst ungekürzter Inhalte stehe, möchte ich im folgenden das mehr oder weniger vollständige Transkript der Unterhaltung posten.
Lederer hat sich ein paar Freunde gemacht - unter meinen Freunden, die in diesen Tagen ihre Wahlberechtigungen in den Briefkasten finden. Grüne und SPD, so argumentieren sie, würden beide potentiell mit der CDU koalieren. Die Linke hingegen kann mit allem koalieren außer der CDU... was sie interessant macht in einer Stadt, die dringend einen Sündenbock benötigt.
Wenn man den Umfragen Glauben schenken darf, trennt Sie nur noch eine Hand voll Prozentpunkte von der SPD. Glauben Sie, dass Berlin bald eine Regierung nach Thüringer Vorbild haben könnte?
Ich bin keiner, der an Umfragen glaubt. Dafür habe ich im Laufe der letzten Jahre zu viel Auf und Ab erlebt – und immerhin sind es noch einige Wochen, in denen eine Menge passieren kann. Tatsache ist aber, dass Die Linke in der Lage ist, in einem großen Maße Vertrauen und Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen, das wir in den zehn Jahren unserer Regierungsbeteiligung einst verloren haben. Das zeigt, dass wir die richtigen Themen auf die Tagesordnung setzen und dass man uns das abnimmt.
Können Sie noch ruhig schlafen bei der Vorstellung, dass Sie vielleicht zum Ende des Jahres Bürgermeister der Hauptstadt sein könnten?
(lacht) Also da sind die Prozentabstände ja tatsächlich noch groß – und bevor die Wählerinnen und Wähler da nicht das letzte Wort hatten, mache ich mir über solche Fragen keine Gedanken.
Berlin ist eine Stadt, die sich alle paar Jahre neu erfinden kann. Wie empfinden Sie diesen Wahlkampf, im Vergleich zu dem von 2011?
Es ist ein Unterschied, ob man aus einer Regierungsperspektive in so eine Wahlauseinandersetzung startet, wie das nach zehn Jahren Rot-Rot war, oder wie jetzt, nach fünf Jahren Opposition. Wir haben in zehn Jahren Rot-Roter Regierungszeit bewiesen, dass wir in der Lage sind, größere Probleme der Stadt tatsächlich beherzt anzupacken.
2001 war die Stadt finanziell am Boden und geprägt von der Ideologie, man müsse alles privatisieren, um den Haushalt irgendwie in Ordnung zu bringen. Die Stadt war damals noch in einem vergleichsweise entspannten Zustand, was den Mietenmarkt anging, aber sie war eben auch sehr piefig, sehr provinziell - sehr geprägt von der Teilung in Ost- und West-Berlin, und auch von der West-Berliner Mentalität, die Dinge laufen zu lassen und sich dann am Ende des Jahres den Differenzbetrag aus Bonn zu holen. Erst in den 90er Jahren war deutlich geworden, dass Berlin tatsächlich vor einer ganz anderen Aufgabe steht, nämlich sich auf die eigenen Potentiale zu konzentrieren – und nach dem Wegbruch der Industrieinfrastruktur, nach dem Glauben, es würde sich alles von Alleine hier entwickeln, weil Berlin sozusagen als einstmals geteilte Stadt in der Mitte Europas quasi naturwüchsig eine besondere Rolle zufiele... all diese Träume mussten erstmal abgeräumt werden.
Wir haben damals tatsächlich damit begonnen, die Stadt international und weltoffen zu machen oder hier tatsächlich wieder eine Industrieentwicklung zu betreiben - etwas was in der Diepgen-Ära und unter Landowsky nie eine Rolle gespielt hat.
Die Dynamik, die dadurch entstanden ist, die holt uns jetzt ein Stück weit ein, und da seit 2008, 2009, 2010 absehbar war, dass wir zum einen hier auch Probleme bekommen werden, hätte zu dem Zeitpunkt der Hebel umgelegt werden müssen. Es hätte begonnen werden müssen, tatsächlich wieder zu investieren: in den öffentlichen Dienst, in die Infrastrukturen, in die öffentlichen Wohnungsbestände. Das ist in den letzten fünf Jahren nicht passiert, und deswegen herrscht in gewisser Weise politischer Stilstand, obwohl die Stadt sich mit einer Rasanz entwickelt. Und was viele Berliner wahrnehmen ist, das das über sie hinweg geht; sie hätten da nicht mitzureden, sie wären nicht beteiligt und es liefe auch gegen ihre Interessen. Wenn man sich Sorgen macht wie 'kann ich nach der nächsten Mieterhöhung hier wohnen bleiben oder muss ich möglicherweise aus der Stadt raus?' Weil wir in Berlin derzeit für einen großen Teil der Bevölkerung überhaupt nicht mehr die Möglichkeit besteht, Wohnraum zu finden. 57% der Haushalte in Berlin haben sehr, sehr niedrige oder gerade mittlere Einkommen. Das korrespondiert nicht mit dem exorbitanten Mietenanstieg! Und auch nicht mit dem, was andere Leute zahlen können, die als Globetrotter hier herkommen, vermögender sind, und auch qualifiziert Zugang zu gut bezahlter, hoch bezahlter Arbeit haben. Was in Berlin ein Riesenproblem ist!
Sie sind auf die Bürger Berlins zu sprechen gekommen – verändert sich durch den beschriebenen Flux die Wählerschaft in fünf schnellen Jahren?
Also Berlin ist unglaublich dynamisch, aber auch schon immer eine Stadt wie ein Melting Pot, auch in den 90er Jahren. Eine Stadt, in der Künstlerinnen und Künstler Freiräume ausprobieren konnten, wodurch neue kulturelle Trends und Formen entstehen konnten. Wenn wir beispielsweise an die Electro-Musikkultur denken, an die Clubkultur hier in Berlin, auch an das geradezu anarchistische kulturelle Treiben in den bestehenden und damals ja auch noch reichlich existierenden leeren Fabrikgebäuden oder leerstehenden Häusern. All diese Freiräume sind jetzt sukzessive bedroht. Und was sich für diesen Bereich im Kleinen beschreiben lässt, lässt sich für die Berlinerinnen und Berliner im Großen beschreiben. Die Mobilität, dieses Hierher kommen, sich ansiedeln und gegebenenfalls auch weiterziehen, das betrifft einen sehr, sehr kleinen Ausschnitt der Berliner Bevölkerung. Ein großer Teil der Menschen leben hier schon sehr, sehr lange und möchten hier gerne noch leben bleiben. Die werden nicht diese Option haben, sich einfach zu verdrücken und möglicherweise in die nächste Stadt weiterzuziehen.
Und für eine linke Partei ist es natürlich exorbitant wichtig, genau auf diese Fragen, auf den sozialen Zusammenhalt, zu schauen und da auch Antworten zu suchen, gemeinsam mit den Berlinerinnen und Berlinern, wie können wir dafür sorgen, dass Berlin nicht nur eine Stadt für einen kleinen, kleinen Teil dort, für einen kleinen, auch zahlungs- und kaufkräftigen Teil, der in der Lage ist, sich seine Bedürfnis einfach durch das entsprechende Kapital auch selbst zu finanzieren, sondern eben zu schauen, dass die vielen Berlinerinnen und Berliner eben auch an dieser Stadt teilhaben können, die zunehmend mehr dieses Gefühl von Ausgrenzung, dieses Gefühl, am Rande zu stehen, empfinden. Und das ist die Herausforderung. Da, glaube ich, haben wir als Linke sicherlich immer wieder unterschiedliche, immer wieder neue Antworten zu geben – aber die Herausforderung ist eigentlich über die letzten Jahre gleich geblieben.
Berlin galt mal als eine linke Stadt – aber nach der Finanzkrise, der großen Koalition und der Startup-Ökonomie hat sich das doch auch wieder relativiert. Empfinden Sie Berlin heute als linke oder als politisch gleichgültige Stadt?
In Berlin gibt es auf jeden Fall lebendige, sehr intensive und sehr zugespitzte Auseinandersetzungen um stadtpolitische Zukunftsfragen. Man kann nicht mehr sagen, dass es eine ganz klassische Trennung zwischen einer linken Szene und der Rest-Stadt gäbe. Aber ich glaube, die hat's auch nie so wirklich gegeben. Dieses widerständige, auch ein bisschen aufmüpfige Moment, das auch Widerspruch gegeben bestimmte Automatismen der Entwicklung erzeugt, die mit dem Neoliberalismus einhergehen – gegen Verdrängung, den Ausverkauf der öffentlichen Räume, auch den Ausverkauf der öffentlichen Infrastruktur – dagegen hat es hier immer Widerspruch und auch Widerstand gegeben.
Und, wie man an der Volksbühne hier gegenüber jetzt auch augenblicklich erleben kann, gibt es auch eine sehr intensiv um Beteiligung ringende Kulturszene, die eben keine Lust hat, über ihre Köpfe hinweg die stadtkulturpolitischen Entscheidungen vorgesetzt zu bekommen.
Viele in dieser Stadt ticken nach wie vor tatsächlich libertär, also im weitesten Sinne links und modern. Das wird, glaube ich, auch daran deutlich, dass wir, nachdem wir 2006 gemeinsam mit der SPD, aber auf unseren Druck, die Möglichkeiten für direkte Demokratie hier deutlich erweitert haben. Viele Entscheidungen sind durch direkte Demokratie zu Stande gekommen, die ich durchaus als im weitesten Sinne sehr progressiv bezeichnen würde. Etwa die Frage der besseren Ausstattung der Kitas, die Frage der Nichtbebauung des Tempelhofer Felds. Da ging es ein bisschen um die Sorge, dass das Tempelhofer Feld auch wieder so ein öffentlicher Raum wird, der dann besetzt und verwertet wird, statt als Freiraum erhalten zu bleiben. Oder die Debatte um die Re-Kommunalisierung der Energienetze, um die Schaffung eines ökologischen Kraftwerks, wo wir auch mitgekämpft haben. Die ist knapp gescheitert, da fehlten 20.000 Stimmen an der Hürde, aber es gab deutlich mehr Ja- als Nein-Stimmen. Es gab da ein sehr, sehr großes Engagement. Also schauen wir uns diese Themen an, die in der Stadt diskutiert und ventiliert werden, schauen wir uns das Engagement und auch diejenigen an, die hier den Mund aufmachen, dann glaube ich, doch die Stadt ist pulsierend, die ist modern, die ist urban, aber sie ist in meinem Verständnis und im weitesten Verständnis auch eine linke Stadt.
Welche Möglichkeiten sehen Sie, solche Bürgerinitiativen – oder generell, die Zivilgesellschaft – mehr in die Organisation der Stadt miteinzubringen?
Naja, das fängt ja zunächst mal damit an, dass Verwaltung wieder funktionieren muss. Wir hatten in Berlin bis vor kurzem einen völlig überdimensionierten öffentlichen Dienst aus dem ehemaligen Osten und Westen, die dann zu einem gemeinsamen öffentlichen Dienst Berlin zusammengeschmolzen sind. Da tatsächlich nochmal einen Zustand zu schaffen, wo die Stadt selbst wieder in der Lage ist, im Rahmen ihrer Haushaltswirtschaft zu funktionieren und Schwerpunkte zu setzen, überhaupt erst wieder handlungsfähig zu werden – das war sicher nötig. Aber wir haben jetzt in den letzten Jahren erlebt, wie die Stadt in einem Maße zusammengekürzt und zusammengespart wurde, so dass im öffentlichen Dienst gar nicht mehr funktioniert. Und ein öffentlicher Dienst, der nicht funktioniert, der ist auch nicht kommunikationsfähig mit der Stadtgesellschaft.
Dann haben wir einen Politstil erlebt, der hat jetzt ja tatsächlich in dieser SPD-CDU-Koalition nochmal ganz besondere fröhliche Urständ gefeiert, dass Stadtpolitik meint, sie könne diktieren und ansagen, was für die Berlinerinnen und Berliner am besten wäre. Und das hat für viel Frustration gesorgt, das hat, glaube ich auch, Demotivation nach sich gezogen und gerade das, was Sie selber ja beschrieben haben – alleine diejenigen, die sich für die Stadt engagiert haben in den letzten Jahren, miteinzubeziehen und zu sagen 'Das ist unsere Stadt und wir wollen gemeinsam entscheiden, wie sich diese Stadt weiter entwickeln soll' und nicht nur auf Ansagen, auf Belehrungen und Disziplinierungen zu setzen, wie wir das gerade bei den städtischen Wohnungsbaugesellschaften erleben. Bei Mietern, die sich möglicherweise auch mal kritisch geäußert haben, dann nicht in Mieterräte gewählt werden dürfen. Oder, dass da wo Menschen Volksentscheide initiieren, wie beim Fahrradvolksentscheid, die Stadtpolitik dann kommt und mit einer Gegenkampagne antwortet und sagt, wir geben jetzt mal ein paar Steuergelder aus, um den Berlinerinnen und Berlinern zu zeigen, wie dufte wir sind. Das ist keine diskursive Politik, keine gemeinsam mit den Berlinerinnen und Berlinern Lösungen suchende Politik, sondern es ist eine Politik, die auf Ansagen und auf Durchstellen setzt – und ich glaube das passt nicht zu Berlin.
Jenseits der Gehaltsfrage, wie möchte Die Linke diesen Apparat wieder zum Funktionieren kriegen?
Naja, die Gehaltsforderungen stellen sie, und das auch zurecht, seit 2009, 2010, 2011, sprich die Angleichung des Berliner Gehalts an das Bundesdurchschnittsniveau. Das wollen sie zu Recht und das ist auch unter Rot-Rot versprochen worden. Weil wir ja im Rahmen des 'Solidarpakts' Arbeitszeit gegen Lohnkürzung zeitweise vereinbart hatten. Es gab Einschränkungen und es wurde über längere Zeit hinweg wurden die Bundesdeutschen Besoldungs- und Tariferhöhung nicht mitnachvollzogen.
Aber das schon seit Anfang der Nuller Jahre, oder?
Das war Anfang der Nuller Jahre, so 2002, 2003, als der 'Solidarpakt' mit dem öffentlichen Dienst geschlossen wurde. Die derzeitige Koalition sieht diese Angleichung jetzt bis 2029 vor, was für viele keine Option ist, weil sie da längst im Ruhestand sein werden. Den Ärger darüber kann ich absolut nachvollziehen und die mangelnde Motivation, die dadurch entsteht, auch. Wir haben aber eine noch viel krassere Situation: Bis 2025 wird die Hälfte der jetzt noch im Öffentlichen Dienst Beschäftigten in den Ruhestand gehen. Darüber hinaus, kriegen wir derzeit, die letzten zwei, drei Jahre auf jeden Fall, jährlich Berlinerinnen und Berliner im Umfang einer Kleinstadt hinzu. Also die Stadt wird größer, die Stadt wächst, die Stadt knarzt sozusagen im Gebälk, und wir haben eine Situation, wo man tatsächlich versuchen muss, durch Investition in Infrastruktur und auch in den öffentlichen Dienst überhaupt erst wieder handlungsfähig zu werden.
Wir suchen auch nach Personal. Es ist nicht ganz so einfach, dann, wenn man dieses Ziel verfolgt, bis 2020 nur den derzeitigen Stand zu halten, müssten wir 5.000 Leute einstellen, jedes Jahr. Die stehen jetzt nicht draußen rum und warten, dass sie hier vom Land Berlin angestellt werden. Wir befinden uns mit dem Bund in der Konkurrenz, wir befinden uns mit Brandenburg in der Konkurrenz. Was auch immer nach dem 18. September passiert, das wird sich nicht von heute auf morgen ändern lassen. Aber wir müssen endlich rangehen, es ist die letzten fünf Jahre einfach Zeit verschenkt worden; Zeit, die wir dringend gebraucht hätten.
Sie haben jetzt die Verwaltung angesprochen, Kitas, sozialen Wohnungsbau...ich glaube Ihre Partei spricht von 100.000 neuen Wohnungen?
Also wir haben gesagt, wir wollen perspektivisch 400.000 Wohnungen im öffentlichen Wohnungsbestand...
Von derzeit circa 300.000.
Von derzeit circa 300.000, das ist jetzt kein Teufelswerk, das hinzubekommen, durch Neubau oder auch nur Ankauf. Das Problem ist, dass man die Wohnungsbaugesellschaften damit aber nicht alleine lassen kann. Wenn ich den Wohnungsbaugesellschaften jetzt sage 'Baut, kauft,' dann braucht es dazu Kapital. Dieses Kapital haben die Wohnungsbaugesellschaften aber nicht einfach im Bestand. Und zuzukucken, wie sie sich jetzt erneut verschulden, um dann den Druck auf die Bestandsmieterinnen und Bestandsmieter zu erhöhen, die Mieten nach oben zu treiben, das wäre sicherlich der falsche Weg – dann treibe ich den Teufel mit dem Belzebub aus. Ich schaffe neuen Wohnraum und diejenigen, die in den Beständen wohnen, sollen das dann über ihre Mieten mitbezahlen. Diese Situation haben wir aber jetzt. Und das führt dazu, dass die städtischen Wohnungsbaugesellschaften sich im Rahmen des Mietspiegels auch eher noch als Mietpreistreiber betätigen, statt hier, in dem völlig überhitzten Immobilienmarkt in Berlin, dämpfend zu wirken.
Die Linke will etwas anderes: Wir müssen die Kapitaldecke der Wohnungsbaugesellschaften stärken, das sind etwa 200 Millionen pro Jahr. So können diese ihre Bestände ausbauen. So entsteht aber auch Wohnraum, den Menschen mit mittleren oder auch sehr niedrigen Einkommen hier in Berlin beziehen können. Also, wenn (der Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, Anm. d. Red.) Geisel jetzt sagt, wir wollen jährlich zwischen 1.600 und 1.700 Wohnungen schaffen, die wir bezuschussen, damit sie mit einer Einstiegsmiete von 6,50 Euro pro Quadratmeter bezogen werden können, dann lege ich daneben, dass derzeit das Land Berlin den Empfängern von Transferleistungen 5,71 Euro pro Quadratmeter als Zuschuss zur Verfügung stellt – was ist denn mit dem Klaff? Was ist mit den fehlenden 79 Cent pro Quadratmeter? Der Senat hat in den letzten fünf Jahren vor allem bewiesen, dass er in der Lage ist, privaten Bauträgern für solche Geschäfte auch noch öffentlichen Grund und Boden zur Verfügung zu stellen und mit Bebauungsplänen-Plänen bebauungsfähig zu machen.
Die Frage, wie das soziale Wohnungsproblem der Stadt zu lösen ist, die hat dieser Senat komplett unbeantwortet gelassen und deswegen kommen wir mit unseren Vorschlägen ein, Beispiel war eben tatsächlich der Ausbau der Bestände und eine soziale Vermietungspolitik der öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften. Was wir hier nicht können, ist das Bundes-Mietrecht ändern, was natürlich auch problematisch ist. Wir wissen alle, die Mietpreisbremse ist komplett wirkungslos. In so einer urbanen Dynamik wie in Berlin verhindert die gar nichts. Das Mietrecht ansonsten hat auch wenige Möglichkeiten, im Interesse von Mieterinnen und Mietern Mietanstiege zu deckeln. Hier in Berlin lastet gerade ein großer Kapitalverwertungsdruck auf dem öffentlichen Grund und Boden. Das spüren dann auch alle. Die schwächsten, also die ökonomisch schwächsten sind die ersten, die die Leidtragenden sind.
Wenn wir die Immobilenfrage und die Frage nach den Investoren mal ausklammern: Sehen Sie viel Einsparungspotential in Berlin – oder würden Sie sich für Neuverschuldung aussprechen?
Berlin sollte sich nicht neu verschulden. Wir können bestimmte Projekte über eine Finanzierungsgesellschaft laufen lassen, das Geld für Investitionen auf dem Kapitalmarkt aufnehmen und über die Jahre hinweg refinanzieren, wie beispielsweise bei den Sanierungsaufgaben im Schulbereich.
Inzwischen macht Berlin ja Überschüsse. Das ist nicht endlos viel, aber ich kann überhaupt nicht verstehen, warum SPD und CDU jetzt zwei Milliarden getilgt haben, anstatt diese in die Infrastruktur zu investieren. Man muss sich ja immer vor Augen halten, wenn öffentliche Gebäudebestände verfallen, und nicht für Sanierung gesorgt wird, dann werden die letztlichen Sanierungsaufwendungen immer größer, je länger man den Verfall zulässt. Durch Nichts-tun entsteht ein stiller Schuldenberg, einfach durch Sanierungsstau.
Berlin ist eine Stadt, in der Mindestlohn schon für viel Zähneknirschen sorgt und in der prekäre Beschäftigungsformen und Praktika an der Tagesordnung sind. Wie wollen Sie gegen diese Seite des Problems ankämpfen?
Naja, zum einen haben wir ja die Ausführungsvorschrift für Mietzuschüsse im Hartz IV-Bereich mit der Grundsicherung, aber die müsste tatsächlich auch angeglichen werden. Ich kann in Berlin nicht behaupten, ich hätte leistbaren Wohnraum in einer Größenordnung, der nicht vorhanden ist und dann die Leute mit dem Problem alleine lassen. Wir haben andere Möglichkeiten: Ein Großteil der Berliner Dienst- oder Bauleistungen werden durch öffentliche Auftragsvergabe unterstützt. Wir haben damals dafür gesorgt, dass im Vergabegesetz ein Mindestlohn vereinbart wird und auch eine Tarifbindung.
Wenn jemand sein Leben lang für Mindestlohn arbeitet, dann muss am Ende auch eine armutsfeste Rente da sein. Wenn wir jetzt diese Investitionen tätigen, haben wir auch die Möglichkeit, und das ist auch unser Ziel, dies mit einem Beschäftigungsprogramm für Langzeiterwerbslos zu verbinden, die sonst keine Möglichkeit haben, ohne weiteres hier im ersten Arbeitsmarkt, zu Mindestlohnbedingungen, also zu nicht-prekären Bedingungen zu arbeiten. Wir haben viele Leute, die hierher kommen, die gut qualifiziert sind, wir haben eine Steigerung der sozialversicherungspflichtigen Beschäftungsverhältnisse, aber wir haben eben nach wie vor auf einem hohen Niveau auch prekäre Beschäftigung, und Stadtpolitik kann nicht nur auf die zahlungskräftigen und die neu kommenden schauen, sondern vor allem auf diejenigen, die schon hier sind und die eben lange Zeit diese Teilhabechancen nicht hatten.
Sie haben im Wahlkampf mehrmals angedeutet, dass Sie AfD-Wähler sozusagen als 'verloren' ansehen. Denken Sie, dass diese Wir-gegen-Die-Mentalität der bessere Kurs ist?
Ich will da nicht missverstanden werden! Ich gebe überhaupt niemanden auf. Wir kämpfen um jeden und jede und wir haben an den Wahlständen auch täglich mit den Sorgen zu tun, klappt das alles, kriegt man das hin, die Frage stellen sich viele und ich finde es erstmal auch nicht falsch, dass die Leute sich diese Fragen stellen. Da muss sich auch eine Linke mit auseinandersetzen. Insofern will ich erstmal klar stellen, dass Menschen, die Fragen haben, von uns nicht abgeschrieben werden. Was ich immer gesagt habe und was ich auch für richtig halte, ist, dass wir als Linke nicht versuchen werden, unzufriedene Menschen mit Ressentiments zu bedienen, wie es die AfD gerade versucht. Wir werden nicht anfangen, rassistische Ausfälle, völkisch-nationalistisches Denken zu befördern und zu befeuern. Wir werden uns auch nicht mit christlichen Fundamentalisten gemein machen, indem wir nachplappern, was die so erzählen.
Sondern wir stehen hier in der Tat für eine Stadt, die in ihrer Vielfalt niemanden zurück lässt und alle, unabhängig von Herkunft, Religion gleichermaßen im Blick hat. Und wir werden uns dagegen wehren, dass versucht wird, auf dem Nährboden von Unzufriedenheit genau dieses Wir-gegen-Die zu befördern. Dieses 'Wir, die Deutschen, die hier immer schon wohnen, die ein angesammteres Recht haben als andere' und da, die 'Anderen, die sich anzupassen haben' oder denen man beispielsweise pauschal unterstellt, islamistischen Terror zu reproduzieren. Wir setzen uns mit den Ressentiments der AfD auseinander und wir werden nicht versuchen, mit der AfD um Ressentiments zu wetteifern. Das ist mir ganz wichtig. Und wenn Menschen dann meinen, die Linke sei für sie nicht wählbar, dann muss man damit leben. Aber rein prinzipiell ist es nicht so, dass Menschen, die eben Fragen, Ängste oder Sorgen haben, uns egal sind. Nein, überhaupt nicht.
Die AfD steht auch für den Vorwurf, die althergebrachte Unterteilung in 'linke' und 'rechte' Politik sei ein Ding der Vergangenheit wäre. Wie sehen Sie als Linker das?
Für mich ist es in der Tat rechts, wenn man Sündenböcke sucht, wenn man versucht, einzelne Teile, einzelne gesellschaftliche Gruppen für gesamtgesellschaftliche Missstände verantwortlich zu machen. Für mich ist auch eine Politik rechts, die darauf setzt, Einheitssteuern einzuführen und die Menschen mit ökonomisch breiteren Schultern freizustellen von der Finanzierung der Lasten des Gemeinwesens. Die AfD steht für die Abschaffung des Mindestlohns, die AfD steht für die Heraufsetzung des Rentenalters. Ich glaube nicht, dass Menschen, die sozial zurückgesetzt sind in unserer Gesellschaft, die ausgegrenzt sind, in der AfD eine Fürsprecherin für ihre Belange finden.
Links ist für mich, tatsächlich niemanden aufzugeben, den sozialen Zusammenhalt zu stärken, mehr Demokratie zu ermöglichen und tatsächlich auch eine im weitesten Sinne so inklusive Politik zu machen, dass Menschen in ihrer Verschiedenheit alle gleichermaßen die Chance haben, in unserer Gesellschaft an den kulturellen Möglichkeiten, an den Möglichkeiten des Arbeitslebens, an den Möglichkeiten von Bildung und Weiterentwicklung teilzuhaben. Also, im besten Sinne steht eine Linke für die Gleichheit aller, während die Rechte – und die AfD vorweg – die Verschiedenheit predigt und versucht, aus der Verschiedenheit heraus dann auch noch unterschiedliche Zugänge zu gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten abzuleiten. Das ist etwas, wofür wir nicht stehen – und wogegen wir auch kämpfen.
Nicht nur auf die Politik wird in diesen Zeiten gerne eingedroschen, auch wir Medien werden heftig kritisiert. Dies ist nicht ihr erster Wahlkampf in Berlin – wie nehmen Sie die Berichterstattung dieses Mal war? Und: Können die Berliner Medien mehr für die Stadt tun?
Also was ich natürlich insgesamt erlebe, insbesondere im Printbereich, ist, dass die ökonomischen Entwicklungen und die Härte des Konkurrenzdrucks massiv zugenommen haben, was natürlich dazu geführt hat, dass Journalisten heutzutage weniger Zeit haben, eine Geschichte auch mal längerfristig zu recherchieren, als es noch vor zehn oder fünfzehn Jahren der Fall war. Dass die Umschlagsgeschwindigkeit der Themen massiv zugenommen hat. Dass der Druck, schnell als erster mit einer Story draußen zu sein, massiv zugenommen hat. Dass natürlich der mit der Krise des Anzeigewesens in der Papierpresse verbundene Rückbau der Redaktionen und auch das Zusammenlegen von Redaktionen natürlich zu einer Einschränkung der Pressevielfalt geführt haben.
Ansonsten nehme ich in der Berliner Presse ein großes Interesse wahr an dem, was jetzt im Wahlkampf passiert, gerade jetzt auch im Sommer, wo die heiße Wahlkampfphase eigentlich noch gar nicht richtig begonnen hat. Sicherlich hat das auch zu tun mit diesem spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen, von dem Sie eingangs ja auch gesprochen haben, also dass das durchaus spannend ist, was da passiert. Aber meine Wahrnehmung ist schon, dass die Berliner Journaistinnen und Journalisten sich bemühen, ein vielfältiges und auch realitätsnahes Bild dieser politischen Auseinandersetzung zu transportieren.
Ihr Konkurrent von der CDU, Frank Henkel, moniert die linke Gewalt in der Stadt – Stichwort Rigaer Straße, Stichwort Manteuffelstraße. Sie haben sich danach öffentlich gegen jede Form von Gewalt gestellt – aber mal Butter bei die Fische, hat Berlin wirklich diesen gemeingefährlichen linken Untergrund, den wir aus der Presse kennen?
Dass Gewalt keine Form politischer Auseinandersetzung ist und dass man das auch immer wieder betonen muss, finde ich richtig, erstmal ganz prinzipiell. Ich glaube, dass die Zuspitzung, die Eskalation, die in der Rigaer Straße passiert ist, vermeidbar gewesen wäre, wenn Frank Henkel nicht versucht hätte, den dicken Max im Wahlkampf zu markieren. Sowohl die erste, als auch die zweite polizeiliche Maßnahme vor Ort sind rechtlich mehr als zweifelhaft, und im Übrigen ist es auch aus meiner Sicht unangemessen, in einer derartigen Größenordnung Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte in so eine Auseinandersetzung zu führen.
Frank Henkel hätte sich um die öffentliche Sicherheit der Stadt verdient machen können, es gibt genügend Probleme, angefangen von Gewalttaten im öffentliche Raum bis hin zu Wohnungseinbrüchen, bis hin zu organisierter Kriminalität in der Stadt, dort hat die Polizei auch ein dankbares Arbeitsfeld. Dort ist in den letzten viereinhalb bis fünf Jahren außer Ankündigungspolitik und großen Worten nicht viel passiert. Dabei ist das doch eigentlich das, wofür ein Innensenator zuständig ist. Das ist ein relativ durchsichtiges Spiel und ich glaube, Herr Henkel wusste genau, was er da tut – aus medialer Sicht sehr erfolgreich, aus der Sicht des Gerichts schlicht rechtswidrig. Und jemand, der sich auf die Fahne schreibt, gegen rechtsfreie Räume zu kämpfen, sollte vor allem in seinem eigenen Büro damit anfangen.
Völlig ungeachtet vom Wahlergebnis, können Sie schon sagen, ob Sie in der Berliner Landespolitik bleiben werden oder ob Sie nächstes Jahr vielleicht doch für den Bundestag kandidieren werden?
Also, wenn man hier als Spitzenkandidat antritt, dann hat man nicht im Kopf, wie man hier schnell wieder wegkommt, sondern dann will man die nächsten Jahre hier auch Politik machen. Insofern stellt sich für mich die Frage des Weggangs in den Bundestag nicht.
Crystal Castles Live: Ein Vorgeschmack auf das Ende der Welt (Dezember 2012)
[Anmerkung: Dieser Report erschien am 12.12.12, während ich zu einer (humoristischen) Kolumne über das damalige Buzz-Thema "Maya-Apokalypsen" (und Weltuntergangsszenarios allgemein) recherchierte. Dieses Konzert war das brutalste und hemmungsloseste kulturelle Ereignis, dessen Zeuge ich je werden durfte - und dieses Gefühl von totalem Nihilismus habe ich versucht, zwischen den Zeilen einzufangen. Die verlinkten Videos stammen von mir.]
Alice Glass tanzt und singt: "I am the Plague! I am the Plague!"
Alice Glass ist eine Traumfrau... wenn man heftige mentale Probleme und ein Herz hat, das für Junkies höher schlägt.
Und ich schreie zurück: "You are the Plague! You are the Plague!"
Keine drei Meter trennen uns an diesem Samstagabend, und mein erster Gedanke bleibt auch mein beherrschendster: Kein YouTube-Video wird dieser Frau gerecht. Für eine 1,70 hohe Kanadierin mit Crystal Meth-Look ergibt sie doch eine extrem beeindruckende... Präsenz, wenn sie, mit hängenden Gliedmaßen und vorüber gebeugtem Kopf zum Bühnenrand schlurft - eine Zombie-Schönheit, die sich mit der Schrotflinte zu schminken scheint.
Doch in dem selben Augenblick, in dem meine Augen sich an ihr zu weiden beginnen, beginnt der menschliche Fleischwolf um mich herum, mich in Stücke zu reißen. Die Menge tobt, wie der Satzbaustein-Kasten sagen würde, und auch ich werde tobsüchtig. An diesem Abend lerne ich eine entscheidende, häßliche neue Facette über das berliner Feier-Verhalten: Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der hier Glatteis auf Gehwegen und Hipster in unserer Mitte toleriert werden, gehört es in Berlin auch zum Guten Ton, auf einem Konzert mit massiver Verspätung aufzutauchen - und sich dann den Weg in die ersten Ränge einfach im Schutz der Großstadtanonymität frei zu drängeln.
Also trat und schubste ich jeden, der mir zu Nahe kam... denn auch ich wusste um den Ruf von Crystal Castles-Konzerten, nur war ich aus eben diesem Grund rechtzeitig dort gewesen, hatte mir einen Platz in der zweiten Reihe ergattert & mich durch 2 nicht wirklich inspirierte DJ-Sets gequält, ohne zur Toilette zu gehen oder mein Bier nachzufüllen. Ich bin, nach wie vor, Fan der ersten Stunden.
Vor einigen Jahren stolperte ich über einen Sampler mit einem der ersten Hits von Crystal Castles - "Crimewave" - und war sehr angetan. Für jemanden, der auf einer steten Diät von Industrial Rock und Electro-Pop aufgewachsen war, schien der wirre Electro-Clash des kanadischen Duos Alice Glass und Ethan Kath eine völlig neue Geschmacksrichtung von Sound bereit zu halten. Hart wie EBM, aber melodisch wie Depeche Mode; wirr wie M.I.A., aber düster wie Joy Division...
"Untrust Us", oder wie ich es gerne nenne, "Der 'La Cocaina'-Song", damals der Opener ihres Debüt-Albums, ist seit jener Zeit mein Klingelton für besondere Anrufer - und manchmal der Weckerton für Termine, zu denen ich einfach wach werden muss.
Ich hatte bereits zwei Gelegenheiten verpasst, sie live zu sehen, und beide lasten noch schwer... aber ich bin es gewohnt, dass das Leben ein grausamer Scherz auf meine Kosten ist. Wir sind alle unseres eigenes Unglücks Schmied.
Wochen nachdem ich die zweite Konzertmöglichkeit, ein spontanes Geheimkonzert in Berlin verpasst hatte, blinkte mein digitales Radar erneut: Crystal Castles gehen nun offiziell auf Tour! Termine in Deutschland! Eventim!
Ich redete mit Katzenzungen auf meine beiden liebreizenden Mitbewohnerinnen ein, mich doch zu diesem Spektakel zu begleiten - und viel Überredungskunst war nicht nötig. Die Musik kannten sie bereits aus gemeinsam durchgefeierten Nächten... und eine Hand voll ausgewählter YouTube-Videos verlieh meinen breit grinsenden Prophezeiungen unwiderlegbare Schwere.
Meine Begleiterinnen würden mir später, nach dem Konzert,
berichten, wie sich das ganze aus ihrer Sicht abgespielt hat. Bis die Hausbeleuchtung ausging standen sie unmittelbar hinter mir & studierten die Menge. Wie auch ich waren sie fasziniert von der Vielseitigkeit des Publikums: glatzköpfige Rocker, besinnungslose Raster-Hippies, Party-Bitches mit platinblonden Haaren, Gays und Hipster mit unsäglichem Geschwätz, schmusende Pärchen, häßliche Singles... eine interessante Mischung war in diesen Fleischwolf gezwängt worden & wartete nun darauf, dass er zu rotieren begann.
"Wir standen hinter dir bis zum Ende des ersten Lieds", sagten sie später, "aber es wurde unerträglich! Sie drängten einfach wie dumm nach vorne, rammten und zogen mich weg. Ein Pärchen drückte sich an mir vorbei, danach sah ich garnichts mehr... und dann ging ich an den Rand. Aber es war sehr lustig, dir zuzusehen... wie hast du es geschafft, dich nicht da wegzubewegen?"
Kalkulierte Brutalität!
Anfangs dachte ich noch, es wäre nur der Schock des Konzertanfangs, der die Meute in einen Piranha-Schwarm verwandelt hatte - ohmeinGottdaistsieichwillsieanfassen!
Aber je länger dieser Wahnsinn andauerte, umso schlimmer wurde es... drei, vier, fünf Menschen pro Quadratmeter, keine Luft zum Atmen, Druck aus allen Richtungen, Arme, Knien, Ellbogen, trampelnde Füße... und das alles zu ohrenbetäubendem Lärm und epileptischem Licht.
Ein Vorgeschmack auf das Ende der Welt.
An Tanzen war kein Denken. Selbst die Arme zu heben war töricht. Springen brachte Selbstzerstörung. Für weite Teile des Konzerts konnte ich nichts anderes tun als meine Arme vor der Brust zu verschrenken - zwei Ellbogen an den Seiten, um Drängler zu verletzen, zwei ineinander verschränkte Hände nach vorne, um den Typen zu malträtieren, der sich vor mich gedrückt hatte, als ich mit dem Filmen abgelenkt war, und Tritte nach hinten und unten, um mich gegen die Pogo-wütigen zu wehren wie ein genervtes Pferd, das einen Bienenschwarm verscheuchen will.
An einer Stelle glaubte ich in meiner Naivität, das nun ein ruhiges, melodisches Lied beginnen würde & versuchte, mir eine Zigarette anzustecken. Binnen Sekunden brach der Monsum wieder los, meine schweißnassen Hände weichten die Kippe einfach auf & ich sah mich gezwungen, sie entweder fallen zu lassen oder das Gleichgewicht - und dann mein Leben - zu verlieren.
Auf dem Höhepunkt des Wahnsinns kassierte ich plötzlich einen brutalen Tritt gegen den Hinterkopf, der mich fast zu Fall brachte. Ich drehte mich um, bereit zuzubeißen, doch die Bedrohung kam von oben: Ein breit grinsender Partylöwe war auf die Menge gesprungen & versuchte, sich nach vorne tragen zu lassen. Ich boxte einmal ungezielt nach ihm, als Dank für den Tritt, und sah noch voller Befriedigung, wie sich sein debiles Lachen in eine Maske der blanken Panik verwandelte, als er das Gleichgewicht verlor und hinab in die tosende Menge fiel.
Dass auf dieser Tour neues Material gespielt werden würde, hatten wir erst realisiert, nachdem wir die Tickets bereits geordert hatten. Aber warum auch nicht? Ich mag neue Musik.
Crystal Castles gehören zur Peter Gabriel-Denkschule, wenn es um das Benennen ihrer Alben geht: Jedes trägt den Namen der Band, weswegen sich mittlerweile die Schreibweise "(I)", "(II)" und "(III)" für ihr erstes, zweites, beziehungsweise drittes "Crystal Castles" Album eingebürgert hat.
"(I)" startete den ganzen Wahnsinn. Mit Elementen aus Glitch, House, Shoegaze, Bit- und Dreampop lieferten Kath und Glass ein kaum definierbares Album ab, das in hundert Richtungen gleichzeitig zu drängen schien, aus allen Töpfen fraß und doch eine innere Kohärenz besaß, die beeindruckte. Legenden ranken sich um dieses Album, über legendäre Myspace-Demos und zufällig aufgenommene Mic-Checks, die zu Chartstürmern wurden.
"(II)" knüpfte nahtlos an die Frechheit von "(I)" an, drang aber in dunklere Gefilde vor. Vom Albumcover über die Lyrics bis zur Anordnung der Tracks: Wenn Crystal Castles eine kaputte Maschine sind, dann war dies der Sound des Zusammenbruchs. "Fainting Spells" als Opener, "I am made of Chalk" als Closer: Ich war sehr angetan. Der Soundtrack zum Vergeuden eines Lebens.
Und nun setzt "(III)" diesen Trend fort... die Zeiten der Happy Gameboy-Sounds sind vorbei, Reverb und Vocoder ertränken Lieder, deren theoretische Schönheit man noch zu erkennen glaubt hinter einem eisernen Vorhang aus akkustischer Häßlichkeit... den man manchmal erst nach dem zehnten Anhören überwinden kann. Oder indem man einen tiefen Zug aus der Flasche nimmt und mitgröhlt: "I am the Plague!"
Dieses Album zu genießen kostet Nerven.
Reduziert auf eine Zauberformel, die man kopieren könnte, ist Crystal Castles etwa dies: Der introvertierte Ethan Kath macht die Beats & spielt sie live, die extrovertierte Alice Glass schreibt die Texte & lenkt live alle Aufmerksamkeit auf sich. Als sie sich zusammentaten war er 20, sie 15 - und diese Mischung aus Electro und Punk; aus zusammengelötetem Keyboard und verschmiertem Maskara ergab perfekten Sinn.
Und das ohne dass ihnen dieser Sinn je zu Kopf gestiegen wäre: Je erfolgreicher und bekannter die Band wurde, umso spärlicher und kryptischer wurden ihre Äußerungen gegenüber den Medien. Jede einzelne Review von "(III)" basiert auf einer Hand voll aus den Fingern gesaugten Statements, die die Band über ein paar Ecken verlautbaren ließ. Manche deuten ihr Auftreten als Arroganz, doch andere wissen: Es ist nichts als das unverblümte Selbstbewusstsein, als reine Fan-Band von Mundpropaganda leben zu können. So sind sie groß geworden, wieso sollten sie sich jetzt anbiedern?
[Anmerkung: Dieser Report erschien einen Tag nach der Rede von US-Präsident Barack Obama am 19. Juni 2013 auf dem Pariser Platz in Berlin. Obamas Staatsbesuch war zeitlich schlecht gewählt gewesen: Zwei Wochen zuvor hatten die Snowden-Leaks den Deutschen erneut eine Heidenangst vor US-Amerika eingeflösst...]
Wenn Demokratie durch Mitmachen gestaltet wird, dann sitzen wir bis zum Hals in Problemen. Stell dir vor, der Leader of the Free World kommt in deine Heimatstadt - wärst du nicht neugierig? Ich meine, komm schon... John F. Kennedy? "Ich bin ein Berliner?" Der Hauch der Geschichte…
Abgesehen davon bin ich ein Fan von Staatsoberhäuptern & ärgere mich immer noch darüber, dass ich Vladimir Putin letzten Herbst verpasst habe. Also: Barack me, Obamadeus!
"You know, it will be totally closed," sagte der Franzose, ein guter Freund, den ich am Tag vorher spontan zum Mitkommen überreden konnte. Die Berichterstattung war eindeutig: Für die Dauer des Aufenthalts würde Berlin zur Festung ausgebaut werden; das gesamte Regierungsviertel bis hin zum Ritz Carlton würde zum Todesstreifen werden. "It doesn't matter," meinte ich - mir ging es eher darum, zu kucken wie weit wir überhaupt kommen könnten, welche Vorkehrungen für die Öffentlichkeit getroffen wurden, welches Publikum das anlockt, ob es zu Protesten kommen würde... außerdem war ich schlicht neugierig: Ich wollte Deutschlands Polizeiapparat mal in höchster Alarmbereitschaft erleben.
"Bring me to your Leader!"
Kurz, ich war naiv: Trotz der klaren und unmissverständlichen Aussage unserer Herrscher, dass es eine private Party für die gerade mal 4.000 handverlesene Gäste der CDU werden würde, wollte ich trotzdem einen Tag damit vergeuden, der Geschichte hinterherzujagen. Es war meine journalistische Pflicht: Was, wenn ich der nächste Abraham Zapruder sein könnte?
Wir gingen die Sache taktisch an: Zum Brandenburger Tor direkt zu fahren schien sinnlos, also vereinbarten wir die Friedrichstraße als Treffpunkt, um uns von Außen an die Sache heranzutasten. Es würde Zugangsstellen geben, die näher am Pariser Platz liegen als andere... und auch wenn die Recherche nichts derartiges ergeben hatte, hoffte der kleine Junge in mir doch, dass es eine Art Public Viewing geben würde, irgendwo, und sei es in einem Restaurnt... oder dass man zumindest Lautsprecher aufstellen würde, die die Rede zu den Ausgesperrten überträgt. Wenn wir die Rede schon nicht sehen könnten, könnten wir sie vielleicht hören.
Als Kennedy 1963 in Berlin auf die Bühne trat, war das weiter im Süden, vor dem Rathaus von Schöneberg. 450.000 Menschen kamen damals zusammen, gut ein Fünftel der Gesamtbevölkerung Westberlins. Aber das waren andere Zeiten: Eine Mauer trennte uns vom bösen Erzfeind, die ganze Welt richtete ihre Nuklearwaffen auf uns, Fuchs und Hase sagten sich noch 'Gute Nacht'. Kennedy kam als Freund, Retter und Hoffnungsträger.
Obama will in Kennedys Fußstapfen treten, zu einer neuen Generation von Politiker gehören. Er will den Idealismus, den Geburtsfunke der USA, für etwas anderes und besseres einsetzen als für die morbide Selbstfixierung, in der sich sein erzchristlicher Vorgänger verstiegen hatte. 2009 verlieh man ihm den Friedensnobelpreis dafür - Vorschusslorbeeren, die zu sagen schienen "Egal was Sie tun, es wird schon besser werden als die letzten 8 Jahre!"
Vier Jahre sind in der Politik eine Ewigkeit, und viel von Obamas jugendlichem Charme und seiner dynamischen Körpersprache sind seitdem gewichen. Nur seine Reden werden immer besser. In seiner Heimat wird er gehasst, auch wenn er jeden Rat Machiavellis befolgt hat, seine Feinde mit ins Boot zu holen. Die konservativen sehen in ihm einen Laberer mit schizophrenen Zügen... den Smiler. Der Mann, der von Frieden und Gerechtigkeit spricht... von Nahrung und Gesundheitsversorgung für jeden... einer neuen Ökonomie... Bildung und Forschung... alles sehr hohe Rösser. Der aber gleichzeitig eine menschliche Armee durch computerisierte Drohnen ersetzt. Der Stellvertreter-Kriege im alten Stil der CIA anzettelt. Der, wie Nixon in Vietnam, den Krieg in Afghanistan zwar beendet, aber nicht gewonnen hat. Und der, wie wir heute wissen, das perverseste Spionage-Programm der Menschheitsgeschichte zu verantworten hat. Als hätte man das Kaliber .50 der Ära Bush durch ein Präzisionsskalpel ersetzt - und das Morden geht munter weiter.
Aber Kennedy hat uns auch gezeigt, dass aus eben solchen Gründen das Bad in der Menge nicht die beste Idee ist, wenn man Repräsentant der Vereinigten Staaten sein möchte. Der Moment, als sein Kopf über den Dealey-Plaza von Dallas verteilt wurde, ist die Geburtstunde aller modernen Verschwörungstheorien und Paranoia-Konzepte. Heute gilt als erwiesen, dass ihn seine eigenen Landsleute ermorden ließen - und die Frage, ob er Opfer von verzweifelten Geheimdiensten wurde oder ihn seine eigene Vergangenheit einholte, ist dabei reine Makulatur. Wichtig ist: Der Apparat um ihn herum hatte es geschehen lassen.
Die Bundesregierung hat nur eine wirkliche erkennbare Agenda im Umgang mit US-Präsidenten: Lass sie um Himmels Willen nicht hier sterben! Deutschland versteht sich als so etwas wie ein schlummernder Polizeistaat. Ich schätze, wir geben damit international auch ein wenig an... und es hätte mich nicht gewundert, wenn Abgesante internationaler Diktaturen an diesem verwerflichen Mittwoch unter's Volk gemischt gewesen wären, aus dem selben Grund, aus dem auch ich gekommen war: Um diesen wunderbaren Polizeiapparat beim Arbeiten zu beobachten.
Die Errichtung der Mauer 1961 zeigte der ganzen Welt, wie wir Deutschen Probleme lösen, wenn Worte versagen: mit Beton. Für den 19. Juni 2013 mussten aber kosteneffektivere Materialien verwendet werden: Gitterwände, Stahlbarrikaden, Plastikfolie, Absperrband und tausende und abertausende von Polizisten.
Unter den Linden runter spazierend kamen wir ziemlich genau bis Höhe Glinkastraße, ehe wir "Die Masse" fanden. Es war erbärmlich: 800 oder 900 Leute standen da, irritiert die Polizei anstarrend, die irritiert zurück starrte. Als wir eintrudelten muss wohl gerade der finale Befehl zur Räumung gekommen sein, etwas unbeholfen gingen die Polizisten in lockeren Reihen zur Arbeit. Wir gingen zwischen ihnen durch, irgendeinen Winkel suchend, von wo aus wir das Brandenburger Tor zumindest sehen könnten.
Für deutsche Verhältnisse war die Polizei wirklich zuvorkommend. Die meisten trugen nur noch ihr Hemd, die Hitze und die direkte Sonne wäre sonst kaum auszuhalten gewesen. "Kommen Sie schon, ich weiß es ist kleinlich, aber deswegen heißt es halt Gehweg... also bitte, treten Sie zurück auf den Gehweg," sprach mich ein Blondschopf an, sein Gesicht eine Maske aus Verlegenheit und Erschöpfung. Wir traten in die Menschentraube & ich landete neben einem amerikanischen Veteranen in Marine-Kluft, ein Schwarzer Ende 50, der gerade einen anderen Polizisten anschnautzte: "You know, you could be a little more Höflich!" Er sprach das Wort perfekt aus. "It's not nice to shove people like that. You don't have to touch them. They will contemplate anyway!"
Kein Mensch wollte eine Szene. Es war viel zu heiß dafür. Ich wandte mich nochmal zu dem Blondschopf: "Ganz ehrlich, wissen Sie ob wir von irgendwo anders aus besser sehen können?" Er schaute mich traurig an: "Nein, kann ich ehrlich nicht sagen. Soweit wir wissen, gibt es überhaupt keine Vorkehrungen für die Bürger." Der Franzose klingte sich ein: "So, werden wir wenigstens hören können von hier aus?" Der Polizist warf einen Blick über die Schulter, sah die Straße runter, wo in der Ferne das Brandenburger Tor hinter einer Wand aus Plastikplanen verschwunden war - und in dem Moment realisierte ich, dass er sich das selbst den ganzen Tag schon gewundert haben muss. Aber er hatte Pech gehabt, ihm war ein Platz auf offener Straße & in praller Sonne zugewiesen worden, an einem der wenigen Sammelpunkte für Massenandrang... und er würde selbst nicht einmal ein Echo davon mitbekommen. "Nein," sagte er schließlich, "glaube ich nicht. Sorry."
Ich bedankte mich für die ehrliche Auskunft & machte auf dem Absatz kehrt. Ich nickte dem Marine nochmal freundlich zu & einigte mich mit dem Franzosen, dass wir uns einfach die Absperrung entlang vorarbeiten würden. Mein Gedanke war, auf die Rückseite des Brandenburger Tores zu gelangen, wo vielleicht die Akkustik besser wäre. Also wanderten wir nach Süden, alle Querstraßen auf ihre Passierbarkeit abklappernd. Der Mauerstraße folgend kamen wir bis zum U-Bahnhof Mohrenstraße... von wo aus wir bis zum Potsdamer Platz fuhren. Wir entfernten uns immer weiter von unserem Ziel.
Der Potsdamer Platz war zwar weiter abgelegen, bot aber auf den ersten Blick eine spannendere Kulisse. Die Polizei hatte ganze Arbeit geleistet, das Gebiet weiträumig abgesperrt und bereits gepanzerte Einsatzfahrzeuge mit Wasserwerfern und Tränengas in Stellung gebracht. Die Oberen hatten wohl erkannt, dass wenn es zur Schlacht kommen würde, dann hier.
Doch das Verhältnis zwischen Protestierern und Polizisten lag bei etwa 1:70. Nur eine Hand voll Kurdinnen demonstrierte für die Aufklärung politischer Morde an drei PKK-Mitgliederinnen, die Obama vergangenes Jahr in Paris angeordnet haben soll. Es war merkwürdig: Nach Occupy, nach Prism, nach Swift, nach dem Chemische Waffen-Faux Pas vergangene Woche... wenn man das Tönen der letzten Tage auf Twitter verfolgt hatte, hätte man erwarten können, dass unsere glorreichen linken Wutbürger zu tausenden in die Berliner Innenstadt strömen würden, um ein paar gottverdammte Antworten auf sehr unangenehme Fragen zu verlangen. Doch dem war nicht so. Es war das erste Freibadwetter der Saison, also pack die Badehose ein, nimm das kleine Schwesterlein, und dann nüscht wie raus aus diesem elenden 'Regierungsviertel'...
Wir peilten zunächst das Sony-Center an, das eine gespenstische Kulisse für die geradezu militärische Polizeipräsenz bildete, suchten uns dort eine Lücke im Kordon und spazierten in die östliche Spitze des Tiergarten. "You know, this is becoming ridiculous," sagte der Franzose irgendwann, als wir am hundertsten Einsatzwagen vorbei kamen. "Look at all these cops! I mean, isn't it obvious: If there is any danger here today, it will be a policeman! If I wanted to shot this guy, I would just get myself an uniform!" Ich lachte: "Yeah, the police may be watching us, but the CIA is watching them." Was wir uns ausdenken können, denken die sich schon lange. "And we are watching the CIA!"
In der Tat sind die nicht so schwer zu erkennen. Man muss einfach zwei Beobachtungsfähigkeiten kombinieren: Zivilpolizisten erkennen und Touristen zuordnen können. In den Tagen vor Obamas Besuch waren sie überall in Berlin zu sehen, machten sich mit dem Terrain vertraut, studierten die Infrastruktur. Berlin war einmal mehr Spook Country. Wir hielten unsere Handys ausgeschaltet, einfach um nicht in die automatische Funkturmauswertung zu fallen. Bevor ich an dem Tag das Haus verließ, entfernte ich alle bedenklichen oder fragwürdigen Dinge aus meinem üblichen Inventar. Mein Ziel war Infiltration, nicht Konfrontation.
Nach dem langen Marsch kamen wir schließlich zur Straße des 17. Juni, die in gerader Linie zwischen Brandenburger Tor und der Siegessäule verläuft. Das war mein Ziel gewesen - und wenn ich im Bundespressesamt was zu sagen hätte, wäre dort die massivste Public Viewing-Installation in der Geschichte der Stadt aufgebaut gewesen. "You know, they'll make more effort for any fucking soccer game," jammerte ich schließlich, als wir am Ende unserer Reise ankamen. Auch hier hatte sich eine kleine Menschentraube gebildet, alles in allem vielleicht 100 Leute. Die wenigsten blieben lange, viele kamen, starrten enttäuscht die Straße runter auf die missmutig dreinblickenden Polizisten, und spazierten weiter. Doch konnten wir jetzt in der Ferne zumindest das Tosen von Applaus hören, klares Zeichen dafür, dass die Show längst begonnen hatte.
QED
Doch gerade mal 300 Meter von Der Magie entfernt blieb uns am Ende nichts anderes übrig, als uns in den Schatten zu verziehen, das Handy rauszuholen & uns die Rede im abgehackten Live-Stream der ARD anzusehen. Wir hockten keine zwanzig Meter von der Straße entfernt, gegen einen der improvisierten Metallzäune gelehnt, das Handy auf voller Lautstärke, um die ganze Lichtung zu beschallen: iPhone - le roy de situation. Meine Stimmung war sichtlich getrübt, ich hatte den Anfang verpasst, der Stream hatte immer wieder Aussetzer... und der Inhalt der Rede machte mich nur noch angepisster.
Wir schalteten ungefähr zu dieser Stelle ein:
As Americans, we believe that "all men are created equal" with the right to life and liberty, and the pursuit of happiness. And as Germans, you declared in your Basic Law that "the dignity of man is inviolable." Around the world, nations have pledged themselves to a Universal Declaration of Human Rights, which recognizes the inherent dignity and rights of all members of our human family.
And this is what was at stake here in Berlin all those years. And because courageous crowds climbed atop that wall, because corrupt dictatorships gave way to new democracies, because millions across this continent now breathe the fresh air of freedom, we can say, here in Berlin, here in Europe - our values won. Openness won. Tolerance won. And freedom won here in Berlin.
Ich grunzte. "It is ironic, isn't it? Making that speech behind an expensive wall of fucking paramilitary security to a rich elite crowd of good germans," sagte ich zu dem Franzosen. "Instead of, you know, just facing the people he's talking about." Im ARD-Stream wurde immer wieder zu den geladenen Gästen geschnitten, eine schwitzige, rotgegrillte Masse aus weißem Fleisch in weißen Hemden, die auf asynmetrisch angeordneten Tribünen in der Gluthitze schmorten. Der Jubel war frenetisch, doch mir schoßen bösartige Fragen durch den Kopf: Mit wem musste man befreundet sein, um zu diesen 4.000 Leuten zu gehören? Genossen sie die Exklusiv-Show, die der deutsche Steuerzahler ihnen spendiert hatte? Diese Ehre... doch, viel konkreter: War nach Stunden des Wartens in der Mittagshitze überhaupt noch jemand in der Lage, dem Wortlaut der Rede konzentriert zu folgen?
Vielleicht lag es an den sommerlichen Outfits & den Sonnenbrillen, doch dieses im Stream gezeigte Publikum hatte den beängstigenden Beigeschmack einer Promi-/Schickeria-Crowd beim gemeinsamen Zelebrieren eines EM-Abschlussspiels. Später würde ich im Transkript der Rede einen Satz fnden, der diesen irritierten Eindruck noch mehr verfremdete: Here, for thousands of years, the people of this land have journeyed from tribe to principality to nation-state; through Reformation and Enlightenment, renowned as a 'land of poets and thinkers'...
Tribe. Genau das war das Wort. Genau das war die Parallele, die mein Gehirn die ganze Zeit herstellen wollte: Barack Obamas Besuch in Berlin fühlte sich an wie der Besuch eines römischen Kaisers in der Hauptstadt seines unterworfenen germanischen Bundesgenossen. Unsere, nennen wir sie mal 'patriarchalische' Gastfreundschaft und die technokratische Paranoia der Amerikaner vor den Konsequenzen ihres eigenen Handelns ergeben eine Wahnsinns-Kombination des Misstrauens und der Menschenverachtung.
In seiner Rede sprach er von wirtschaftlicher Zusammenarbeit, atomarer Abrüstung und einer neuen "Balance" im Krieg gegen "Den Terror" (a.k.a. die globale Zivilbevölkerung). "It's all about cutting costs and asking for money," prophezeite ich dem Franzosen. "They ask for economical collaboration, because in twenty-five years, the USA will be a third world country. They want for the Russians to reduce their nuclear stockpile, because they cannot afford to keep up theirs. And they wish for the EU to cooperate with them, because they cannot take on China on their own any more."
Er will, dass die Welt auf einmal doch langsamer und fairer wird, weil die USA einfach nicht mehr zu Atem kommen bei dem apokalyptischen Game, das sie selbst angezettelt haben. Der Dritte Weltkrieg, so wollte es die Bush-Administration, sollte ein "perpetual and just war" sein, unendlich und (selbst)gerecht. Das Kalte Kriegs-Schema von West gegen Ost war dem neuen Top-Down-Modell gewichen. Reich gegen Arm. Westlich gegen Islamistisch. "Aufgeklärte" gegen "Stämme". "Intelligence" gegen "Terrorists". Wasser gegen Öl. Und Obama muss diesen Schlammassel heute abwickeln & dabei retten, was von seinem einstmal so stolzen Land noch übrig geblieben ist.
Während ich diese Zeilen tippe, fühle ich mich wahrlich dumm & bin in bester Stimmung, mir selbst Vorwürfe zu machen: Was hatte ich auch erwartet? Dass Geschichte sich wiederholen würde? Polizeiausschreitungen wie in Frankfurt? Wütende Nerd-Proteste gegen Big Brother? Ein symbolischer Moment, der in die Geschichte eingehen würde?
Nein. Ich war noch naiver: Ich dachte, ich gehe einfach da hin & hol mir ein wenig von der Kennedy-Magie, die es in unserer deutschen Politik so schnell nicht wieder geben wird. Der kleine Junge in mir will wirklich daran glauben, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben sollen, dass wir in einer kooperativen, transparenten und nachvollziehbaren Demokratie die Probleme unserer Zeit in Rekordzeit lösen könnnten. Das mag ich an Obamas Reden: Er hat diese Vision.
Ich hingegen bekam keine Visionen. Die Absperrgitter waren so weit hinten auf dem Gehweg positioniert, dass man nicht einmal einen guten Winkel zum Fotografieren hinkriegte. "Oh my god," staunte der Franzose, "they thought of everything!"
Allen bunten Presse-Blurbs und netten Fotos zum Trotz, dieser Gig hatte rein garnichts von dem freundschaftlichen Besuch eines demokratischen Staatsoberhauptes bei demokratischen Freunden. Die (para)militärische Aura, die tagelang hochgepeitsche Polizeipräsenz in allen kritischen Vierteln, das drückende Wetter und nicht zuletzt der Anblick von Tausenden von Polizisten, die letztlich halbleere Straßen einer desinteressierten Geisterstadt bewachten... als wir die Straße des 17. Junis entlang gingen, alle 7 Meter ein Polizei-Auto mit voller Mannschaft zählend, fingen wir irgendwann an zu kichern. "You know, this whole situation is very ridicoulus," lachte mein Kumpel, als wir gerade aus einer Traube schwer bewaffneter SEK-Leute heraus kamen, "I mean, even if there was something happening, all of them would just obstruct each other…"
Doch ich war mir sicher, dass dem nicht so sei. Ich versuchte mir die Stadtkarte vorzustellen, und den Polizeikordon darum. Im Fall der Fälle würde sich eine gigantische Maschinerie aus Menschen und Fahrzeugen bewegen, jeder nur wenige Meter, und ein hermetischer Riegel wäre um den sensibelsten Bereich der Republik gelegt. Wie das Schloss einer mittelalterlichen Schatztruhe... in gigantischen Dimensionen. In gewisser Weise bewunderte ich die Paranoia, die zu solchen Planspielen nötig gewesen war.
"...and, to be honest with you, never in my life have I been sourrounded by so many people carrying guns. And I did not feel save - at all!"
Akte X hat uns eins gelehrt: Macht bedeutet nicht nur Geld und Kraft. Wahre politische Macht liegt im Zugang: Die Möglichkeit, zu jemandem zu gehen und mit ihm direkt sprechen zu können. In einer Welt, in der keine private Kommunikation über technische Mittel mehr möglich ist wird das Vieraugen-Gespräch, die tatsächliche Präsenz, das journalistische Klinkenputzen, zu einem unglaublich wertvollen und erstrebenswerten Gut. Für den Preis einer Fahrkarte hätte jeder der gut 4 Millionen Menschen in Berlin die selbe Erniedrigung über sich ergehen lassen können, die ich mir da gab - ohne Einladung zur Privatparty von Angela Merkel auftauchen, den Weltkongress nicht zahlender Journalisten repräsentieren. Keine glaubwürdigen Credentials, keine Connections, nicht einmal Geld, um etwas davon kompensieren zu können.
An einer Absperrung war eine ältere Frau ins Gespräch mit einer Polizistin verwickelt, eine Brünette Mitte 30. Wie ich raushörte, hatte die alte Dame wohl ihr Mitleid ausgesprochen, dass die jüngere Frau bei dieser Gluthitze auf offener Straße rumstehen musste. Die Polizistin antwortete konsterniert: "Naja, letzte Woche waren wir noch Sandsäcke schaufeln. Diese Woche machen wir diesen Spaß. Es kann nur besser werden."
"And you have to imagine the costs of all of this," sagte ich zum Franzosen. "Last time Bush was here, it costed millions and millions of Euro just to keep him save. Afterwards, they fought over the bill." Ich scherzte: "And unlike Obama, the Germans really wanted Bush dead!"
Die Verwendung von Literatur in einer epischen Fernsehserie am Beispiel von Lost (Magisterarbeit)
-> Link (pdf, ca. 27 mb)
In meiner 2013 eingereichten Magisterarbeit untersuche ich die Phänomene im Zusammenhang mit der Verwendung von Literatur in modernen, "epischen" Fernsehserien. Das Beispiel Lost bot sich aufgrund des hohen Datenbestandes an - über 90 Bücher spielen im Laufe des komplizierten Plots eine mehr oder weniger wichtige Rolle.
Untersucht werden u.a.: Losts Konzept von Epik, Fragen der Kanonizität, Formen der Literatur-Referenz, innerfiktionale wie außerfiktionale Funktionen dieser Referenzen, Losts Wiki-basierte Rezeption und das ARG-Konzept.
Baut auf vorausgehenden Forschungen von Roberta Pearsons, Henry Jenkins und M.J. Clarke auf.
In der gesamten Konzeption flexibel genug, um auf beliebige andere Serien angewandt zu werden (z.B. Sopranos).
Die Arbeit sollte eigentlich in der Reihe Living Handbook of Serial Narration on Television der Universität des Saarlandes erscheinen, aber diese Pläne sind anscheinend im Sand verlaufen. Als Zwischenlösung poste ich den Text hier als “Grey Literature”, auf dass er kommenden Studenten und Lost-Forschern helfen möge.
Die Arbeit wurde mit 1,3 (sehr gut) bewertet.
Beim Verwenden bitte als Online-Quelle mit Link zu diesem Post angeben.
Mein erstes “professionelles” Webdesign war die Komplettumstellung unserer damaligen Institutswebseite - von einem Custom HTML/CSS-Projekt meines Vorgängers in die neue, hochgradig minimalistische “Corporate Identity” der Universität des Saarlandes.
Plattform: Typo3, HIS-LSF, Clix
Zeitaufwand: Plusminus 3 Monate
Die Webseite wurde nach meinem Fortgang Anfang 2012 noch einige Male verändert. Mein ursprüngliches Layout machte exzessiven Gebrauch von [eckigen_Klammern_und_Unterstrichen], eine Schwäche meines früheren Ichs…