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church - piuro
piuro 2021-09-17
Wie misst man die Zeit?
1.
Man muss sie schon verwalten können, sie mitmachen und begehren können, dann geht es.
Piuro ist einer der Orte, die ihre Apokalypse bereits erledigt und damit hinter sich haben. Orte, die dann auf gespeicherte Weise apokalyptisch bleiben, sind Orte einer [sic!] FAQ, einer haufenweise gestellten Frage: Wie wollen wir leben?
2.
Wenn es ausgemachte Orte gibt, dann sind es solche Orte, die alles hinter sich haben: dann sind sie verrückt, weil sie alles im Rücken haben.
Piuro ist einer solcher Orte. Hier fand die Apokalypse bereits 1618 statt. Der Berg kreiste, stürzte und fiel auf den Ort. Dauer: ein paar Minuten. Überlebende: Keine. Die anschließenden Schätzung gehen auseinander. Im Nachbarort Chiavenna erstellte der Kommisar mit dem sinnvollen Namen Fortunat Sprecher einen Bericht, in dem es heißt, 900 kleine und große Seelen lägen unter dem Schutt. Sie müssen dort alle so liegen, wie Pflanzen im Hebrarium und wie zur Vorbereitung dafür, als Fossil gefunden zu werden. Andere sagen, es seien 1200. Keine Apokalypse ohne Moral. Sie seien selbst schuld gewesen heißt es, hätten den Berg ausgebeutet. Wo sie schon zum Fossil werden, könnten sie später eventuell als Beweis für das Anthropozän noch dienen. Kein Vertun: es war schrecklich - und rührte Europa und die Presse. Noch in Frankfurt druckten die Merians Bildberichte von dem höllischen Geschehen, die dem Muster einer Besserung gleichen, weil sie zweigeteilt sind und ein vorher/ nachher zeigen. Vorher stand zwar das Dorf noch und sah schön aus, nachher würde man aber eines Besseren belehrt.
3.
Das Leben geht weiter. Das ist dasjenige an Apokalypsen, was nicht unerheblich zu ihrem Schrecken beiträgt. Leben wird vernichtet und das Leben kümmert's nicht. Der Tod kommt und den Tod kümmert's nichts. Heute erinnern Denkmale an den Moment, die insoweit einer anonymen Matrix folgen, kreischen und zum Kreischen sind. Da ist vor allem dieses Ei, das nicht nur keine schlechte, sondern auch eine gute hel(l)enische Idee ist, weil sie daran erinnert, dass auch der Urknall ein Knall war:
4.
Die Herren von Piuro (oder Plurs) lebten nicht im Ort. Dass man die Bauten der Familie Vertemate Franchi heute Palazzo nennt, nicht Villa, scheint wie ein schlechtes Gewissen derer, die überlebt haben, wo sonst niemand überlebte. Sie waren dann Leute, die noch länger asymptomatisch so leben können, als würden sie überleben. Ihre (heute musealen) Gebäude sind Villa, das sind nämlich Bauten außerhalb des Ortes, die mit dem angeborenen oder im Verlauf großer An- und Bereicherung erworbenen Talent, Kosten auszublenden, als autonomer, autopoietischer oder autochthoner Haushalt errichtet wurden.
Dass man diese Bauten Palazzo nennt, ist aber nicht nur dem Schein schlechten Gewissens in die Schuhe zu schieben. Diese Bauten sind wie ein Palazzo, nur eben vor der Stadt und lange vor der Erfindung von Ferienwohnung oder Ferienhaus. Der Palazzo Vertemate Franchi erlaubt einen fantastischen bis überwältigenden Einblick in die Lebensweise jener Verwalter, Richter und Gesetzgeber, die mit dem Recht der Vergütung, Gutmachung und Veredelung sowie dem Recht des Passenden und Passierenden operierten. Er erlaubt einen Einblick in die Lebensweise römischer Walter und römischer Damen. Hier stehen auf den Tischen Polobjekte, hier findet man einen kreisenden Monatssaal und das wohl schönste Sekretariat, das ich je gesehen habe und jemals sehen werde - es trägt das Motto: industria auget imperium.
Wohl wahr. Wie misst man die Zeit? Viel hilft (alte Apothekerweisheit).
Was ist ein Polobjekt?
Ein Polobjekt ist ein Objekt, mit dem man Polarität operationalisieren kann. Das heißt, dass durch dieses Objekt eine Regung geht, in der Kehren, Kippen oder Wenden vorkommen und die in der Regel mit einer kreisende Bewegung einhergeht. Polobjekte sind zum Beispiel Uhren, Globen, Astrolabien, Türen, Fenster, Kalender, Klappstühle und -altäre. Diese Objekte helfen oft, Meteorologie zu händeln, also mit Körper umzugehen, die vorbeigehen, zu säumigen Zeiten auf- und abtauchen und deren Bewegung schwer zu berechnen oder notorisch unkalkulierbar ist.