April
1.
Warburg Bild- und Rechtswissenschaft ist Geschichte und Theorie einer Unbeständigkeit, die er mit dem Begriff der Polarität assoziiert. Polarforscher ist er, weil er zur Polarität forscht, und das auch noch mit einer Methode der Polarforschung, wenn nicht der Methode schlechthin, nämlich der Aussetzung. Was er macht, kann man sich zwar als eine Art Abstandnahme vom Gegenstand seiner Untersuchung vorstellen. Er bevorzugt, zumindest in der letzten Version der Einleitung zum Atlas, den Begriff Distanzschaffen. Das ist aber nicht das, was man sich nach dem Dogma der großen Trennung als theoretische, objektive, abstrahierende Distanz eines Wissenschaftlers unter Abstandnahme vorstellen sollte. Die Aussetzung ist elliptisch, sie kreist, beides sowohl im Sinne rhetorischer Institutitionen als auch im Sinne der Geometrie und Physik und ihres Zusammenspiels in der Kosmologie sowie im Sinne ihrer höheren und niederen Wissenschaften, der Astronomie und der Astrologie. Das Kreisen kreischt, sein Logos ist vague, wüst und verschwenderisch, dieser Logos speist (trotzdem) auch.
2.
Das Forschungsprojekt zu Warburgs Staatstafeln hat den beinahe letzten Ort der Recherche besucht (muss noch nach Rom) und die Vermutung bestätigt, dass Warburgs Wissenschaft deswegen so fruchtbar für eine Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken ist, weil Warburgs Wissen (um mit Vismann zu reden und vor allem Schwarzwälders und Spindolas unbändig sprudelnde Anregungen aufzugreifen, statt findet. In konkreten Räumen und Zeiten passiert dieses Wissen.
Den Raum und die Zeit, die in Ort und Geschichte übersetzt sind, nennen wir Stadt, weil Stadt die Stätte ist, an der Raum in Orte und Zeit in Geschichten übersetzt wird. Darum sprechen wir von MuliPliCity oder aber Poliplipolis. Die Mitreisenden nach Ferrara waren mitreissend. Vielen Dank den Referierenden, lang leben die Referendarinnen und Referendaren. So lange sie leben, wird berichtet.
3.
Francesco del Cossa ist der Künstler, der für den April zuständig war. 1436 soll er in Ferrara geboren worden sein, 1477 oder 1487 sirbt er in Bologna. Sein oder Nichtsein, der Kalauer liegt nahe: Was Cosima Tura mit seiner Zeit gemacht hat, das hat del Cossa mit seiner Zeit gemacht. Del Cossa malt, auch um die Frage zu beantworten, wozu der Mensch zwei Augen hat. Also malt er Bilder, die geteilt sind, aber es sind Tafeln und Tafeln sind nun mal Operationsfelder der Teilung (ihrer Trennungen, Assoziationen und Austauschmanöver). Immer mal wieder malt de Cossa auch Tabellen, kleine Tafeln.








