Popitz -Prozesse der Machtbildung
Nothing appears more surprising to those who consider human affairs with a philosophic eye thanthe easiness with which the many are governed by the few.“ (Hume, zit. n. Popitz 1992:185)
Dieses Zitat, mit dem Popitz seinen berühmten Essay zu den Prozessen der Machtbildung beginnt,zeigt die Faszination des Themas Macht auf. Die Macht scheint eine anthropologischeGrundkonstante zu sein, denn von keiner sozialen Beziehung oder Gesellschaft kann behauptetwerden, dass diese frei von Machtbeziehungen sei. Diese Arbeit, welche sich mit dem ThemaMacht auseinandersetzt, will ein omnipräsentes gesellschaftliches Grundphänomen näherbeleuchten und die vier Grundformen der Macht, welche Popitz in seinem Buch Phänomene derMacht (1992) postulierte, im Dialog mit anderen Machttheoretikern zu erläutern.Hierbei ist es zunächst notwendig, sich auf theoretischer Ebene in einen kritischen Dialog um denMachtbegriff an sich zwischen Popitz und anderen wichtigen Machttheoretikern zu begeben. Weitersollen alle Grundformen, die jedoch, dies sei erwähnt, als Idealtypen konzipiert sind, erläutert undkontrastiert werden. Abschließend wenden wir uns in einem Fazit den Möglichkeiten, aber genausoden blinden Flecken der Machttheorie Popitz‘ zu. Es gilt außerdem anzufügen, dass der Anspruchauf eine umfassende oder gar abschließende Diskussion dieser Thematiken nicht erhoben werdenkann, es sollen vielmehr zentrale Momente und Problemfelder innerhalb von Popitz‘ Machttheorieangerissen werden.2. Hauptteil2.1 Diskussion der MachtbegriffeIm soziologischen Diskurs herrscht keineswegs ein Konsens bezüglich der Definition von Macht.Eine herausragende Rolle in jenem Diskurs spielt jedoch die Machtdefinition Webers, die für Popitzeine wichtige Referenz ist. Weber postuliert: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialenBeziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf dieseChance beruht.“ (Weber 1980:28) Weiter stellt er fest, dass der Begriff „Macht“ soziologischamorph, damit also kaum zu präzisieren und schwer zu fassen sei (vgl. ebd.). Doch während Weber1
Macht als Willensdurchsetzung versteht, ist für Popitz bereits jedes „Verändern-Können“ Macht.Gleichzeitig sei jede Macht mit der Freiheit im Konflikt und ein Eingriff in die Selbstbestimmunganderer (vgl. Popitz 1992:19-23). Foucault stellt im Gegensatz dazu fest: „Macht wird nur auf ‚freieSubjekte‘ ausgeübt, und nur sofern diese ‚frei‘ sind.“ (Foucault 1987:255) So handle es sich etwabei Sklaverei nicht um ein Machtverhältnis, sondern vielmehr um ein physisches Zwangsverhältnis.(vgl. ebd.) Dann, wenn die Freiheit des Gegenübers nicht eingeschränkt wird, sondern dieser ausfreien Stücken dem Willen des Machthabers folgt, offenbare sich das wahre Potenzial der Macht.Byung-Chul Han bemerkt passend: „Wer absolute Macht erreichen will, wird nicht von der Gewalt,sondern von der Freiheit des anderen Gebrauch machen müssen.“ (Han 2005:14) Davon ausgehendlasse sich eine Kritik an der weberschen Definition formulieren, denn bereits das Vorhandenseineines Widerstands, der gebrochen werden muss, zeugt von der Schwäche der Macht (vgl. Han2005:9). 2.2 Die vier anthropologischen Grundformen der Macht nach Popitz2.2.1 AktionsmachtMacht entspringt, so Popitz, primär der Verletzbarkeit des Menschen. Diese Verletzbarkeitermöglicht das Ausüben von Macht über andere Menschen. Diese Macht, die in ihrer physischenDimension bereits sui generis ungleich verteilt ist, setzt keine Organisation oder dauerhafteKontrolle voraus. Sie ist explizit eine Aktionsmacht. Diese Macht beschränkt sich jedoch nicht aufdie physische Verletzbarkeit, so ist der Mensch auch ökonomisch, etwa durch den Entzug vonspezifischen Ressourcen, oder sozial, man denke hier an den Entzug sozialer Teilhabe, verletzbar(vgl. Popitz 1992:24-25).Als vollkommene Macht bezeichnet Popitz die äußerste Steigerung der Gewalt, welche in derTötung gipfelt, die er als unüberbietbaren Gewaltakt versteht. Weiter erkennt er, dass dievollkommene Macht auch das Ausgeliefertsein und damit die vollkommene Ohnmacht, welcheAlternativlosigkeit und Handlungsunfähigkeit impliziert, bedingt (vgl. Popitz 1992:53-54). Hier stoßen wir auf einen kritischen Punkt innerhalb der popitzschen Machttheorie, den wir bereitsangeschnitten haben. Es erscheint mir nicht sinnvoll, den sozialwissenschaftlichen Machtbegriff aufdieses Phänomen auszuweiten, denn mit der vollkommenen Ohnmacht des Subjekts beim Akt desTötens wird dieses de facto entsubjektiviert, sprich zum Objekt gemacht, das Gewalt gleich einesGegenstandes passiv erleidet. So fällt es schwer, hier noch von einer sozialen Machtbeziehung zusprechen.2.2.2. Instrumentelle MachtDie Stabilisation einer Machtbeziehung und das Schaffen einer Basis zur permanentenUnterwerfung des Gegenübers erfolgt jedoch erst mit der instrumentellen Macht, in welcher nichtmehr die manifeste, sondern vielmehr die latent vorhandene Aktionsmacht von wichtiger Bedeutungist (vgl. Popitz 1992:25). Die instrumentelle Macht impliziert immer das Vorhandensein einerAlternative. So wird der Betroffene quasi zu einer Wahl zwischen Gehorsam sowie Ungehorsam,und daraus folgend natürlich die entsprechenden Konsequenzen, die er antizipiert zu erfahren,2
gezwungen. Wichtig ist, wie Popitz erkennt, die grundsätzliche Freiheit des Subjekts. Weiterschreibt er: „Die instrumentelle Macht ist die typische Alltagsmacht […]. Jedes langfristigeMachtverhältnis beruht auch auf instrumenteller Macht.“ (Popitz 1992:27)Zunächst ist allerdings die Definition problematisch, der zur instrumentellen Macht gibt: „Unterinstrumenteller Macht verstehe ich die Steuerung des Verhaltens anderer durch Drohungen undVersprechungen.“ (Popitz 1992:79) Denn das Steuern eines Verhaltens suggeriert eben doch dieDetermination der Handlungen des Subjekts, welche damit de facto nur noch als jenes Verhaltenbezeichnet werden können. Gerade die Möglichkeit des Gegenübers, sich aus freien Stücken anderszu entscheiden, natürlich unter Inkaufnahme der darauffolgenden Konsequenzen, macht die Qualitätdieses Typ von Macht aus.Foucault erkennt dies ebenso, hebt jedoch ein anderes Moment hervor. Für ihn ist ein Wechselinnerhalb der instrumentellen Macht für die Geschichte der Machtausübung zentral. Mit demWechsel von der Bestrafung hin zur Überwachung des Subjekt, den er auf staatlicher Ebenezwischen dem 18. und 19. Jahrhundert festmacht, wandte sich die Sanktion des Individuums wegvom physischen Marter hin zum komplexen Gefängniswesen, das auf die Umformung desIndividuums zielt und damit ein enges Zusammenspiel von instrumenteller und autoritativer Macht(s.u.), im Sinne Popitz‘ ist (vgl. Foucault 1976a:32-33; 1976b:14-15).Michel Foucault analysiert in seinem Buch Überwachen und Strafen (1976b) das Konzept desPanopticons, eine von Jeremy Bentham entworfene architektonische Gestalt, die alsDisziplinaranstalt gedacht wurde. Sie scheint ein Paradebeispiel für des Ausüben instrumentellerMacht, die der Kontrolle bedingt, zu sein, erweist sich bei näherer Betrachtung jedoch als eineMischform verschiedener Machttypen. So ist es dort möglich, alle Insassen zu jeder Zeit bewachenzu können, ohne dass diese die Möglichkeit haben, zu verifizieren, ob diese Überwachungtatsächlich geschieht. Damit ist die der instrumentellen Macht immanente Drohung von Sanktionenbei abweichendem Verhalten, was potentiell immer beobachtbar ist, stetig präsent (vgl. Foucault1976b:256-263).Das Konzept der instrumentellen Macht Popitz‘ konsequent weitergedacht, lässt sich diebourdieusche Theorie der „symbolischen Macht“ darauf anwenden. Die symbolische Machtexistiert, so Bourdieu, nur insoweit, als diese anerkannt wird. Für Popitz ist entscheidend, dass derUnterworfene die überlegene Position des Machthabers, sprich die Befähigung, die angedrohtenSanktionen auszuführen, anerkennt (vgl. Popitz 1992:84). Im extremsten Fall wird etwa dasstaatliche Gewaltmonopol nicht anerkannt und dementsprechend genauso wenig die staatlichenGesetze, in Antizipation einer Straflosigkeit bei dessen Übertretung. Auf persönlicher Ebene scheintein bestimmter Habitus eine Machtposition zum Gegenüber zu suggerieren. Bourdieu formuliertdahingehend: „Vermittelt über diese verborgene Beziehung quasi-körperlichen Verwachsenseins übtdie symbolische macht ihre Wirkung aus.“ (Bourdieu 1992:82)12.2.3. Autoritative MachtWährend bei den bisherigen Machttypen die Kontrolle des Gegenübers zentral zur Ausübung derMacht war, ist dies bei der autoritativen Macht, die als eine „innere Macht“ verstanden werdenkann, nicht der Fall. Diese Macht wirkt über die Kontrolle hinaus, der Mensch verhält sich über den1 Ein ähnlicher, sozialkonstruktivistischer Ansatz lässt sich bei Dreher (2016) finden.3
beobachtbaren Bereich hinaus konform. Durch die damit einhergehende Anpassung der Einstellunghin zu jener der Autoritätsperson, sprich durch die Einnahme seiner Perspektiven und Standpunkte,kontrolliert er sich im Sinne der Autorität selbst und erkennt implizit die Überlegenheit der Autoritätan. Damit kommt die autoritative Macht ohne die Drohungen der instrumentellen Macht und dietatsächlichen Sanktionen der Aktionsmacht aus (vgl. Popitz 1992:108-109).Durch diese Macht, deren Basis die „Maßstabs-Bedürftigkeit“ ist, spricht das Bedürfnis nachOrientierung des Menschen, entsteht ein „zweifacher Anerkennungsprozess“. Die Überlegenheit desAnderen wird mit der Erwartung anerkannt, dass er von diesem selbst ebenso anerkannt wird. DieSpiel mit der erhofften Anerkennung und den befürchteten Anerkennungsentzügen zur Steuerungdes Verhaltens bezeichnet Popitz als das Ausübungen autoritativer Macht, die jedoch eng mit derinstrumentellen Macht verknüpft bleibt (vgl. Popitz 1992:27-29).Popitz unterscheidet hierbei zwischen verschiedenen Typen sozialer Subjektivität, die nach jenerAnerkennung streben. Ein Beispiel wäre hier das Bedürfnis zur Zugehörigkeit zu einer Gruppe, dienach Popitz bis hin zum Staat reicht. Da jede soziale Einheit spezifische Anforderungen stellt undLeistungen fordert, müssen diese erst erlernt und dann erfüllt werden (vgl. Popitz 1992:139-140).Nach Popitz würde damit das Anerkennen der Rechtsordnung des Staates auf der Erwartung desIndividuums als Staatsbürger anerkannt zu werden beruhen, und zudem immer die Möglichkeit desEntzugs der anerkannten Rechte im Bewusstsein sein. Han hingegen betont genauso dieMöglichkeit des Rechtsstaats der Verhängung von negativen Sanktionen, bestreitet jedoch, dassdiese Grundlage des Rechtsstaates sind. So bemerkt er dazu: „Man vermeidet des Verbrechen inerster Linie nicht aus Furcht vor der Strafe, sondern aus Anerkennung der Rechtsordnung, d.h. ausdem Grund, daß [sic!] das Recht mein Wille, mein eigenstes Tun, meine Freiheit ist.“ (Han2005:25) 2.2.4 Datensetzende MachtIn kulturelle Leistungen, als die wir etwa ganz grundsätzlich die Infrastruktur verstehen können, istMacht eingeschrieben. Diese Macht beschränkt sich nicht nur auf eine Macht über die Natur,sondern wirkt genauso auf Menschen und besitzt damit einen „doppelten Machtcharakter“. JedesArtefakt, wie Popitz das Resultat eines technischen Handelns nennt, fügt „demWirklichkeitsbestand der Welt eine neue Tatsache hinzu, ein neues Datum.“ (Popitz 1992:30) Der„Datensetzer“ übt also objektvermittelt eine spezifische Art von Macht auf alle „Datenbetroffenen“aus. Diese Macht muss jedoch nicht immer offen erscheinen, sondern ist häufig in einem latentenStatus vorhanden, kann aber jederzeit manifest werden. Aufgrund der grundsätzlich verletzbarenExistenz des Menschen und seiner Angewiesenheit auf die Artefakte ist diese Form derMachtausübung ebenso als eine anthropologische Grundkonstante zu verstehen (vgl. Popitz1992:30-33).Es lohnt sich weiter ein Blick in die Architektur. So bilden Gebäude zumeist eine Grenze zu einem„Außen“, sie grenzen sich von dem ab, was nicht mehr zu ihnen gehört. Qua Architektur und darineingeschriebene Zugehörigkeiten wird auf die Struktur von Gesellschaften verwiesen (vgl. Popitz1992:175-176). In seiner Analyse beschäftigt sich auch Han mit der Macht im architektonischenBereich, wenn er feststellt, „[d]ie Macht läßt ihn [den Architekten, V.K.], sein Selbst gleichsamräumlich werden und räumlich wachsen.“ (Han 2005:42) Hier lässt sich auch ein produktives und4
formschaffendes Moment der Macht feststellen. Besonders deutlich wird dies allerdings bei derEntwicklung von Produktionsmitteln. Diese können zu den verschiedensten Zwecken hergestelltwerden, und haben implizit immer eine Macht in sich. Zudem beruht technischer Fortschritt auchauf dem Verlangen, Machtpositionen innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen zu verbessern (vgl.Popitz 1992:174-175). In diesem Sinne kann Macht als produktiv bezeichnet werden.Als ein gutes Beispiel in der heutigen Zeit scheint das Thema der digitalen Infrastruktur. Wirkönnen im Sinne Popitz‘ bereits im ungleich verteilten Zugang zu den entsprechenden Technologie,der einerseits durch die Hardware, andererseits aber auch durch den Zugang zum Internet bestimmtwird, eine Wirkung der Macht erkennen. Wichtig scheint mir hier, insbesondere im Lichte derWissensgesellschaft, in der wir heute leben, die Differenz im Zugang zu Wissen, die darausresultiert. Damit ist es möglich, dass in gewissen geographischen Gegenden, sei es ausökonomischen oder aus strukturellen Gründen, eine Informationsquelle, sprich das Internet, de factonicht verfügbar ist, was also den Zugang zu Wissen einschränkt, welcher etwa für den politischenMeinungsbildungsprozess essenziell ist.3. FazitIn der Arbeit ist klar geworden, dass das Phänomen Macht sehr unterschiedlich verstanden undbetrachtet wird. So merkt man, dass etwa Foucault andere Dimensionen der Macht fasst als Popitz.Ich möchte in meiner Arbeit eine Synthese der erwähnten Machttheorien vorschlagen, hin zu einempräzisieren und umfassenderen Machtbegriff. Die in dieser Arbeit geschehene Kontrastierung undErweiterung der Machttheorie Popitz‘ soll als eine Anregung dazu dienen.Es bleibt also zu erwähnen, dass die Machttheorie Popitz‘ es meiner Meinung nach nicht schafft,alle auftretenden Formen der Macht gut zu fassen. Viele werden Aspekte, die auch in dieser Arbeitnicht angeschnitten wurden, die Macht der Sprache im Kontext des Gender-Diskurses sei alsBeispiel erwähnt, nicht ausreichend berücksichtigt. Dennoch lassen sich die Typen auf vielePhänomene anwenden, und schaffen es, einen differenzierten Zugang zu den Phänomenen zuermöglichen. Persönlich möchte ich die Fragen der datensetzenden Macht hervorheben, nach denmenschlichen Artefakten und deren Macht, dessen Analyse sich in der heutigen, hochtechnisiertenGesellschaft lohnt.