Mal etwas Kirchengeschichte aus der ostfriesischen Heimat, auch weil es viel zu wenig Wissen über andere Religionen gibt. Das gilt eben auch für reformierte Gemeinden, ihre Geschichte und Besonderheiten. Hier ein paar Fotos Anfang Januar 2016 von der Neuen Kirche in Emden, die nicht nur auf den ersten Blick ziemlich "holländisch" aussieht, sondern auch immer war... Dazu muss man wissen, dass Emden um 1640 mit 20.000 Einwohnern (heute: 50.000) eine der größten deutschen Städte war - allein 5.000-6.000 davon waren holländische Glaubensflüchltlinge - vertrieben von den katholischen Spaniern im 80 Jahre langen Unabhängigkeitskrieg ab 1568 der niederländischen Generalstaaten. Die zumeist calvinistischen, oft reichen Kaufleute brachten einen enormen Aufschwung, etwa 30 Jahre war Emden der größte Seehafen und Handelsplatz Europas, mit mehr Schiffen als in London... Seit einer "Emder Revolution" 1595 war die Stadt Emden eine quasi völlig autonome, reformierte Stadtrepublik ohne Landesherrn. Nur die Calvinisten durften öffentlich ihre Religion ausüben. Schutz dafür leisteten die niederländischen Generalstaaten, die auch Soldaten in der Stadt hatten. Im Rest Ostfrieslands galt übrigens: Jede Gemeinde durfte sich nach der "bisher ortsgewohnten Auslegung" des Augsburger Religionsfriedens richten. Das hieß im bunten Durcheinander protestantischer Richtungen, dass seit den "Emder Konkordaten" 1599 in einigen Dörfern lutherisch gepredigt wurde, in anderen reformiert - vor allem an der Grenze zu Holland in der Krummhörn, Rheiderland und eben Emden. Nun aber zur Kirche: Vor diesem Hintergrund war klar, dass eine nach der "Großen Kirche", die als "Moderkerk" der calvinistischen Flüchtlinge galt, zweite große refomierte Kirche nur nach holländischem Vorbild gebaut werden konnte. Den Kirchenbau beschloss der Magistrat der Stadt, Stadtbaumeister Martin Faber (der auch schon in Rom tätig war) machte sich 1643-48 ans Werk. Finanziert wurde der Kirchenbau nur durch Spenden der vermögenden Gemeindemitglieder. Schon bald nach dem Bau und dem alles ändernden Westfälischen Frieden kehrten viele holländische Flüchtlinge zurück in ihre Heimat - Emden wurde immer unbedeutender in den wilden Zeiten des Kapitalismus, blieb aber bis zum Ende der Grafschaft Ostfriesland und der preußischen Besetzung 1744 unter dem Schutz der Generalstaaten - und ihrer Soldaten, Priester und Kaufleute. Am 6. September 1944 wurden bei der schwersten Bombardierung Emdens mehr als 80 Prozent der Stadt zerstört - sie lag zu nahe auf dem Weg der "Royal Air Force". Auch die Neue Kirche brannte bis auf die Grundmauern nieder. 1949/50 wurde die Kirche mit stark verändertem Innenraum wieder errichtet. Leider kann man als Tourist heute nur Fotos von außen machen, was auch mich bis heute sehr verwundert. Nun ist die Kirche innen wie alle reformierten Kirchen eher schmucklos - das zweite Gebot "Du sollst dir kein Bildnis machen" wurde von den strengen Calvinisten immer so interpretiert, dass alle Bilder und Darstellungen aus dem Kirchenraum gehalten werden - das "Wort Gottes" in der Predigt soll nicht gestört werden. Das wirkt heute anachronistisch, gewiss. Ebenso unverständlich und bis heute ungeändert ist, dass man die Kirchen wirklich nur zu Gottesdiensten und Veranstaltungen betreten darf, sie also einfach fest verschlossen ist. Auch hier steckt der strenge Glaube dahinter, Gottes Haus sei nur für die Gemeinde da - ein christlicher Glaube ist hier nur als Gemeinde vorstellbar, nicht im persönlichen Gebet im Kirchenraum. Damit kann die reformierte Kirchengeschichte nur beispielhaft an einer Kirche und kurz angerissen werden. Wer mehr wissen will, schaut in die Eigendarstellung und viel Literatur, etwa in der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden: http://reformiert.de/kirchengeschichte.html Hier wird auch deutlich, dass "reformiert" und "calvinistisch" immer sehr vielfältig waren und keineswegs einheitlich und nur streng. Kaum bekannt ist so etwa, dass es in Emden noch mehrere kleine christliche Gemeinden und Kirchen gibt: - Mennoniten, die Anhänger des "Täufers" Menno Simons - eine der bekanntesten Familien sind die Kaufleute Brons. Von Antje Brons (1810-1902) ist zuletzt eine tolle Biografie erschienen, die auch auf ihr pazifistisches und humanistisches Mennonitentum eingeht - kurze Infos dazu auf https://www.emden.de/kultur/frauenort-emden/ - Altreformierte Gemeinde, diese hatten sich 1834 in den Niederlanden und nachfolgend auch in Campen und Emden von den Reformierten getrennt - sie lehnten einige liberale Strömungen dieser Zeit ab. - Baptisten-Gemeinde - auch diese lehnen die Kindertaufe ab und verstehen wie die Reformierten und Mennoniten das Abendmahl nur symbolisch.






