[Zu misstrauen sind den] ringenden Menschen, die permanent im Kampf mit sich selbst, in Entscheidungen unter Einsatz der ganzen Person leben. […] [D]ie Macht, welche die Konflikte lenkt, das Ethos von Verantwortung und Aufrichtigkeit, ist allemal autoritärer Art, eine Maske des Staates. […] Die ganze Balgerei ist inszeniert von der ins Individuum eingewanderten Gesellschaft, die zugleich den Kampf überwacht und mitspielt. Sie triumphiert um so fataler, je oppositioneller die Resultate sind: Pfaffen und Oberlehrer, deren Gewissen ihnen weltanschauliche Konfessionen abnötigte, die sie mit ihren Behörden in Schwierigkeiten brachten, sympathisierten stets mit Verfolgung und Gegenrevolution. Wie dem sich selbst bestätigenden Konflikt ein wahnhaftes Element beigesellt ist, so liegt in der angedrehten Dynamik der Selbstquälerei die Repression auf dem Sprunge. Sie entfalten den ganzen seelischen Betrieb nur, weil es ihnen nicht erlaubt ward, Wahn und Wut draußen loszulassen, und sind bereit, den Kampf mit dem inneren Feind wiederum in die Tat umzusetzen, die nach ihrer Meinung ohnehin am Anfang war. Ihr Prototyp ist Luther, der Erfinder der Innerlichkeit, der sein Tintenfaß dem leibhaftigen Teufel, den es nicht gibt, an den Kopf warf und schon die Bauern und Juden meinte.
Theodor W. Adorno










