Einmal die Heimat umrunden. Was ist die Heimat? Da wo du dich wohl fühlst, da wo du dich zu Hause fühlst. Da wo du sicher bist - kurz: da wo das Herz ist. Und an jenem Wochenende vom 31.8. bis zum 1.9.18 war es verloren in der Sächsischen Schweiz. Patrick und ich haben uns zur Mission gesetzt, den Malerweg zu begehen. Komplett - in 2 Tagen. 118km - um die 4000 Hm.
Das klingt immer so einfach und als sei das für mich kein Problem.
„Die Anna macht das schon.“ „Was die sich vorgenommen hat, zieht die auch durch.“ Ja, vielleicht - vielleicht auch nicht. Es gehört einiges dazu, ein solches Unterfangen nicht nur zu denken, sondern es ebenso in die Tat umzusetzen - neben einem 40/50h Stunden Job, der mich auch nicht unerheblich fordert (was ja auch wirklich gut ist) Wie setzt man sowas in die Tat um?
Erstmal braucht man die Idee und natürlich die dahinterstehende Motivation - durch und durch intrinsisch
Der richtige Laufpartner-Leidensgenosse, Coach, Verbündeter, Gesprächspartner, Retter in der Not, Motivator und Schweiger
Körper und Geist müssen das wirklich wollen. Man darf zweifeln, aber man muss sich sicher sein, dass man das schaffen kann
Du musst deinen Körper kennen und dir deine Kraft einteilen können
Du solltest deine Bänder und Sehnen darauf langfristig vorbereiten haben
Und nun kommt erst die Ausrüstung:
Soviel vorweg. Genug der Palaverei. Jetzt wird es ernst.
Nach einer anstrengenden Woche sind Patrick und ich individuell nach Pirna zu meinen Eltern gedüst - zur Basisstation. Dort gab es vortreffliches Obdach und motivierte Eltern, die uns so haben fühlen lassen, als ob wir Profisportler sind, die nun den UTMB antreten wollen. Wir aßen zu Abend, freuten uns, lasen im Wanderführer und waren viel zu erledigt, um aufgeregt zu sein.
Am Freitag standen wir 6 Uhr auf, packten unsere kleinen Rucksäcke und der Papa fragte: soll ich euch an den Start nach Liebethal fahren? Na klar! Wir frühstückten und wurden dann zum Beginn des Malerwegs nach Liebethal chauffiert. Das Wetter: Bombe.
Und los gehts. Nächste Attraktionen: Wagner Denkmahl und der Koordinatenstein:
Wir schlossen einen Pakt: wir werden nicht über Arbeit reden. Zu 95% hat das auch gut geklappt :).
Kurz vorm Uttewalder Grund trafen wir ebenfalls 2 Runderer. Er sagte uns, er sei den Weg in einer Etappe in 18h gelaufen. Wir dachten uns: das ist doch machbar. (Wie naiv)
Wir liefen und könnten permanent Eier legen. Die ersten Etappen waren sehr einfach.
Und dann die erste große Attraktion.: die Bastei. Nachdem wir Wasser aufgefüllt hatten, suchten wir uns ein tolles Plätzchen für unser zweites Frühstück:
Die Familie fiebert mit.
Wir liefen, kletterten und grüßten. Die Zeit und km vergingen wie im Flug. Rathen, Amselfall, Brand, Altendorf.
Wir überlegten, wo wir unsere nächste Rast machen wollen. Wir trafen einen Jungen, der uns ansprach: kann ich Ihnen helfen? Einen großen Ranzen hatte er auf und Sandalen an. Er sagte uns, dass es bei der Ostrauer Mühle etwas zu essen gäbe. Er musste auch dahin. Er joggte mit uns und erzählte uns von seinem langen Schulweg, von seinem Gymnasium und dass er stolz sei, dahin zu gehen. Er erzählte uns von den Falken und dass er lieber den Weg durch den Wald gehen würde, als sich abholen zu lassen. Eine schöne Begegnung. An der Mühle füllten wir das Wasser auf und nun ging das Rennen los. Km 40 und ab in die Schrammsteine. Unwegsam, wundervoll, heimelig - hygge extreme oder so. Pause.
Wir liefen wieder ins Tal. Km 51 gab es dann das langersehnte Mittagessen gegen 16:30 am Lichtenhainer Wasserfall. Kartoffeln mit Quark - schön in der Aluform eines Schwanes verpackt:
Und wieder eine schöne Begegnung. Wir saßen am Tisch mit einer älteren Dame, sie sagte, sie sei 86 und gerade in der Reha in Bad Schandau. Sie sei mit der Kirnitzschtalbahn hinaus gefahren, um in Bewegung zu bleiben und einen Cappuccino zu trinken. Sie war Erzieherin. Wir sprachen über die DDR, Enteignung, wie es früher war und wie Kinder heute erzogen werden.
Wir füllten die Flaschen auf und begaben uns auf die letzten 17km für heute. 3 Anstiege - der letzte ist der höchste, dann geht es runter und wir haben es für heute geschafft. Los gehts.
Wir liefen den kleinen Winterberg nach oben, ganz hoch, oben dann rechts und runter. Und: wir standen auf einmal wieder da, wo wir los gelaufen sind. Wieder im Kirnitzschtal. Der Boden unter den Füßen weggerissen. Wenn wir es nochmal versuchen, kommen wir ins Dunkel. Wenn wir ein Auto anhalten.. es hielt nicht. Patrick sagte, dass wir es schaffen können. Wir haben eine Stirnlampe, es wird gehen. Ich zweifelte. Wir liefen los. Wir können es schaffen. Wir sahen den Abzweig, an dem wir uns verlaufen haben. Es gibt sogar ein Video davon:
Ich rief den Herbergsvater an, dass es später wird. Kein Problem. Wir liefen Richtung großen Winterberg und trafen Wandersleute, die uns den besten Weg nach Schmilka erklärten. Es wurde dunkel. Wir im Wald - im Dunkel. Mit 70k und 2400 hm in den Beinen und einer Stirnlampe. Wir waren sehr optimistisch beim Tasche packen. Wir waren oben, wir entschieden uns, den kürzeren Weg - sprich die schmale Stiege nach unten zu nehmen. Mein Vater und meine Mutter waren vorher schon hier. Mitfiebern hautnah. Leider waren wir zu spät. Sie sagten uns, dass wir lieber die Straße nach unten nehmen sollen. Aber wir wollten ankommen. Außerdem war das der Malerweg. Am Fuße des Winterbergs war unsere bescheidene Berghütte. Reicht. Toll. Da.
Gestärkt. Nun duschen, etwas dehnen und Rollern. Schlaf.
Am nächsten Tag gingen wir 7:30 zum Frühstück ganz gemütlich mit anderen Wandersleuten in der Küche des Herbergsvaters. Joghurt, Ei, Tomate, Kaffee. Das glutenfreie Brot musste ich stehen lassen, da es in der Bäckerei gleichzeitig mit dem anderen Brot zubereitet wurde. 8:45 saßen wir auf der Fähre. Endspurt:
Das Wetter meinte es weniger gut mit uns - aber es ging. Es rollte, es war herrlich. Wir waren dankbar. Angekommen in der Natur, eins, zufrieden - trotz brennender Oberschenkel und dem Regen ab und an. Einige Anstiege warteten auf uns: Paffenstein, Gohrisch, Papstein, Königstein und zu guter letzt der Rauenstein.
Es wurde nicht leichter. Der Regen zehrte an den Kräften. Patrick hatte viele Gels dabei. Die Rettung. In Königstein stellten wir uns erstmalig die Frage, ob wir in den Zug steigen sollen. Zweifel. Nein. Wir können es schaffen. Ein Schritt nach dem anderen und es dauert so lange wie es dauert. Trinken, Wiener, Babybell, Gel.
Weiter. Es lief. Nächster Stop: Weißig - Feuerwehrfest. Wir wurden skeptisch beäugt, fragten nach Cola und Fanta, nach Toilette und Wasser auffüllen - und nach einem Foto.
Wir erzählten, was wir taten. Die Augen der Damen wurden größer, sie sagten uns, dass es ja nun nach Pirna nur noch nach unten rollen würde. Herrlich. Das wollte ich hören. Wir liefen los. Es ging nochmal richtig nach oben. Der Rauenstein. Wunderschön und beeindruckend - wenn man frische Beine hat. Es war hart. Richtig hart. Wir liefen den kürzesten Weg nach unten und erreichten Wehlen. Ich sagte: ich laufe keinen Meter mehr nach oben. Wir liefen im Regen die letzten 8km auf dem Elberadweg. Einen Schritt nach dem anderen. Die Luft war raus. Die Stimmung ungetrübt. Wir wussten: wir werden bald auf dem Markt einlaufen. Meine Eltern und meine Schwester werden da sein. Ich hoffte nur, sie bringen Decken und Tee mit. Noch 1km. Wir liefen links um die Ecke, an der Marienkirche vorbei und ab auf dem Markt. 2 Exoten in Laufklamotten, liefen nass und strahlend 17:30 am 1.9.18 auf dem Marktplatz in Pirna ein. Wir wurden hervorragend empfangen mit Decken, Tee, Sekt und Bier. Tränen in den Augen. Dankbar und voller Freude. Für alle, für die Familie, für uns. Einmal um die Heimat und dann ankommen. Einfach ankommen.
Es war mir ein Fest! Beim schneiden des Videos hatte ich direkt einen kleinen Flashback - es war schön, es war amüsant, es war überraschend. Wir hatten tolle Teilnehmer, denen es genauso ging. Es hat einfach Freude gemacht, ihnen beim Lösen der Rätsel zuzusehen. Das schreit nach einer baldigen (und diesmal vielleicht auch kilometermäßig kürzeren) Wiederholung.