Interview mit Jannis Lenz
Im Rahmen unseres Tutoriums durften sich zwei von uns mit Jannis Lenz, dem Regisseur des Kurzfilms „Schattenboxer“, mit welchem er auch beim Österreichwettbewerb beim VIS antritt, unterhalten.
dreh:moment: Wie geht es Dir eigentlich? Am Abend fängt ja der Österreichwettbewerb an – bist du schon etwas nervös?
Jannis: Ja so ein bisschen Anspannung ist ja glaube ich immer dabei, wenn man dann vor so vielen Leuten dastehen muss im Publikumsgespräch. Aber ich freu mich vor, dass wir den Film hier in Wien präsentieren können, weil auch viele der Teammitglieder dabei sein können die eben aus Wien kommen, und auch von den Darstellern werden die meisten da sein. Und deswegen freu ich mich eigentlich. Also es ist irgendwie angespannte Freude.
dreh:moment: Und wie schätzt du Deine Chancen ein?
Jannis: Ist schwer zu sagen. Es sind glaub ich sehr viele, sehr gute Filme im Wettbewerb. Da hab ich mir aber auch ehrlich gesagt noch keine Gedanken darüber gemacht. Also ich freu mich, dass wir den Film da jetzt zeigen können und freu mich auf ein spannendes Publikumsgespräch.
dreh:moment: Also lässt Du das Ganze eher auf dich zukommen?
Jannis: Ja, also dieses ganze Festivalerlebnis ist ja was extrem Schönes, und man kann es nie abschätzen. Man kann es eh nicht beeinflussen und darum versuche ich das Beste daraus zu machen, und das ist dann eben ein schöner Abend mit den ganzen Leuten gemeinsam.
dreh:moment: Du machst ja mit deinem Film „Schattenboxer“ beim Wettbewerb mit – Wie ist Dir eigentlich die Idee zu dem Film gekommen?
Jannis: Ich habe ja selber relativ lange Kampfsport gemacht, und hab dann eben überlegt, einen Film darüber zu machen, und wie ich das Ganze auch interessanter gestalten könnte, und bin dann eben auf diesen Gewaltfilm gekommen, weil es ein sehr spannendes Thema ist, das mich sehr interessiert, und womit ich mich irgendwie gern damit auseinandersetzen wollte. Ich hab dann auch recherchiert und dann hat sich das unabhängig davon so zusammengefügt, dass es eine ziemlich interessante Reibungsfläche gibt im Kampfsport. Nämlich dass es dessen Lebensinhalt ist zu kämpfen. Und dann eben dieses Antigewalttraining, wobei im Zuge eines solchen Trainings auch Kampfsport zum Einsatz kommt, um eben Aggressionen abzubauen. Also so wird das auch eingesetzt. Und dann ist eben diese Dualität die mich auch interessiert hat, gerade beim Kampfsport; dass es eben auf der einen Seite dazu dienen kann, Disziplin zu lernen, seinen eigenen Körper kennenzulernen, und es bei den asiatischen Sportarten es auch sehr viel mit Spirituellem zu tun hat. Auf der anderen Seite lernt man aber auch wie man gezielt Menschen verletzt. Und dieses Spannungsfeld aus dem der Mensch selber entscheidet, wie er das nutzt, ob jetzt zum Positiven oder zum Negativen, hat mich dann sehr interessiert. So hat sich das dann Stück für Stück entwickelt.
dreh:moment: Würdest Du sagen, dass somit eher der Kampfsport im Vordergrund des Films steht und weniger die Geschichte des Protagonisten?
Jannis: Also ich kann vielleicht etwas zur Entstehung dieses Film sagen. Ich hatte am Anfang das Drehbuch, was eben über diese Person war. Es waren aber eigentlich eher so Eckpunkte, also da waren jetzt keine ausgeschriebenen Dialoge oder so drinnen, sondern ich hab mehr versucht so den Rahmen für die Situation zu schaffen, in denen wir dann sehr viel improvisiert haben. Und dadurch hat sich dann der Ahmet sehr stark selber einbringen können, seine Vorstellungen von der Figur, und auch seine persönlichen Erfahrungen aus dem Kampfsport. Dadurch hat sich diese Figur dann auch während des Drehprozesses entwickelt. Mit der Zeit fand ich dann diese Figur immer spannender und hab mich dann immer mehr auf die Figur mit ihren Problemen konzentriert und nicht auf die ursprünglich angedachte Geschichte, sodass es im Endeffekt fast schon ein Porträt geworden ist von einer fiktiven Figur.
dreh:moment: Du hast dich ja auch mit einem Kurzfilm bei der Filmakademie beworben – ist das bei dir eher so, dass du die Kurzfilme als Sprungbrett siehst, also für größere Produktionen, oder sind sie eigentlich schon Deine Leidenschaft?
Jannis: Naja das ist schwer zu sagen. Also im Moment machts mir noch immer sehr viel Spaß, Kurzfilme zu machen, es ist auch jedes Mal eine neue Herausforderung. Aber das Ziel letztendlich wär natürlich schon einen langen Spielfilm zu machen. Aber ich arbeite da jetzt nicht gezielt daraufhin, sondern ich glaub das ergibt sich dann von alleine auch. Also ich denke wenn die Zeit reif ist, dann kommt der richtige Film oder das richtige Drehbuch das ich dann schreib.
dreh:moment: Und was macht für Dich einen Kurzfilm aus was jetzt ein Spielfilm vielleicht nicht übermitteln kann? Wo siehst Du die Stärke in einem Kurzfilm?
Jannis: Also ich mag Kurzfilme, die in sehr kurzer Zeit sehr viel erzählen können, anhand von einer spezifischen Person, indem man alles was sonst drum rum ist weglässt und sich einfach nur aufs Wesentliche konzentriert, und dadurch eben schafft in sehr kurzer Zeit ohne Schnörkel sehr viel zu erzählen, und hauptsächlich irgendeine Form von Energie zu transportieren. Was ich glaube dass das bei einem kurzen Film irgendwie besser funktioniert, einfach aufgrund der Dauer. Weil bei einem langen Spielfilm gibt’s dann oft Stellen wo es dann mal (meistens im zweiten Drittel) ein bisschen langweiliger wird. Und das darfs bei einem Kurzfilm irgendwie nicht geben finde ich eben aufgrund von der kurzen Dauer. Das finde ich ist eine sehr spannende Herausforderung auch als Übung eben im Hinblick auf Langspielfilme.
dreh:moment: Und jetzt noch eine Frage die wahrscheinlich ziemlich oft gestellt wird: Wie bist Du eigentlich zum Filmemachen gekommen?
Jannis: Also ich hab angefangen, also da schließt sich der Kreis dann wieder, durch den Kampfsport bin ich zum Parkour gekommen. Wir waren damals so eine Gruppe von ein paar Freunden, und irgendwann wollten wir dann auch so ein Video für Youtube machen, und dann hab ich grad irgendwie Geld über gehabt, und hab mir dann dafür so einen kleinen Camcorder gekauft. Und der erste Kontakt mit Film war über diese Parkourvideos, wo wir uns selbst gefilmt haben. Ich hab das dann auch selber geschnitten, und dann ging es alles eigentlich ziemlich schnell. Also gleich nach den Parkourvideos kamen dann eigentlich so die ersten narrativen Filme und dann hab ich mich mit denen auch auf der Filmakademie beworben.
dreh:moment: Ist es für Dich gerade als junger Filmemacher wichtiger, dass die Filmkritiker deine Filme mögen, oder das Publikum?
Jannis: Das ist ganz unterschiedlich, je nachdem wer im Publikum sitzt sag ich mal. Also ich hatte sehr spannende Gespräche im Hinblick gerade auf den Film. Bei der Diagonale gibt’s diese Schulscreenings, wo dann Schüler da sind, und das war extrem spannend, weil die halt wirklich so total witzige Fragen gestellt haben, also so ganz intuitive Fragen, auf die ich gar nicht gefasst war. Und die haben mich dann auch positiv verunsichert, wo ich dann teilweise Blicke auf meinen Film bekommen hab, die ich so gar nicht erwartet hätte. Und das fand ich total spannend. Und das freut mich dann auch wenn das dann quasi so einen Diskurs anregt, wenn die Leute sich dann Gedanken darüber machen. Was ich eben nicht mag ist, wenn man das dann so in der Theorie zerpflückt und das dann auf irgendwelche Sachen bezieht und in Verbindung setzt. Also wenn es ehrlich ist und intuitiv, gefällt mir das immer besser; und ob das dann die Kritik ist, oder vom Publikum aus, ist dann eigentlich Nebensache.
dreh:moment: Also du findest, man sollte die Filme nicht überanalysieren?
Jannis: Schwer zu sagen. Also ich persönlich, wenn ich mir Filme anschaue, dann gefallen die mir oder sie gefallen mir auch nicht. Und dann kann man dem nachgehen, warum gefällt mir das und warum nicht. Das ist glaub ich auch eher so etwas Persönliches. Da hab ich mich glaub ich irgendwie in was verrannt (lacht).
Aber um nochmal auf deine Frage zurückzukommen, also man freut sich natürlich, auch wenn man eine gute Kritik kriegt, aber wenn die Publikumsreaktionen gut sind oder interessant, und dadurch dann auch interessante Gespräche entstehen, also auch vor allem nach dem Screening, außerhalb vom Kinosaal, was ja auch oft so ist, dann find ich das schon sehr spannend. Und da geht’s auch gar nicht drum, dass das denen dann gefällt, sondern mich interessiert dann eben ein ehrliches Feedback. Und was das mich auch dann zum Denken anregt (ich lern ja selber noch) und auch reflektieren lässt über die eigene Arbeit.
dreh:moment: Und zum Schluss noch, wie bist du zu dem Titel „Schattenboxer“ gekommen?
Jannis: Schattenboxen ist eben eine Technik, und ich war da auch relativ viel im Vorfeld im Boxstudio, und hab dem Ahmet dann auch beim Training zugeschaut. Und der Ahmet hat dann neben seinen normalen Trainingseinheiten eben auch dieses Schattenboxen gemacht. Und das fand ich visuell sehr spannend, und wollte das dann auch aus dem Grund im Film drinnen haben, und hab dann eben diese eine Szene gehabt. Und in dem Moment hab ich das dann auch schon gemerkt, dass es darauf hinausläuft, dass es um den Kampf, den er gegen sich selber führt eigentlich geht, und hab dann versucht, das auch so zu visualisieren. Also bei diesem Schattenboxen sieht man ihn dann nur als Silhouette, und das Thema ist eben auch der Kampf gegen sich selbst. Und nicht der Kampf gegen die Umwelt, sondern er muss sich selber besiegen, damit er mit seinem Umfeld klarkommt.
Danke, dass du dir die Zeit genommen hast für dieses Interview, und alles Gute für heute Abend!