Schlangenlinien
1.
Tafel 78 protokolliert den Abschluss der Lateranverträge und das diplomatische Protokoll 'drum herum'. Warburgs Vorstellung nach erscheint der Vertrag als ein Vertragen, das heißt: als ein graphischer Vorgang des Distanzschaffens, der etwas tragen und trachten lässt. Darin erscheint das Recht nicht nur von Außen sondern auch als Außen. Das juristische Distanzschaffen ist symbolisch, man kann seine Effektivität als Wahrnehmung und Ausübung beschreiben, indem man auch die Körper, Flächen und Linien des Rechts beschreibt.
Tafel 78 ist erstaunlich gradlinig, chronologisch und aristotelisch, denn Raum und Zeit lassen sich hier schnell vereinheitlichen. Die Szene ist in Rom, die Zeit ist die Lösung der römischen Frage.
2.
Nicht nur die Bank (als Schule, Gericht oder Kreditanstalt) auch die Schlange davor ist ein Modell der Institution. Sie lässt (er-)warten. Bei Aby Warburg ist die Schlangenlinie sogar instituierend, immer wieder. Noch in seinem amtlichen Schreiben aus dem Sommer 1929, mit dem die Institution neu auf Linie gestellt wird, erinnert er daran, dass die Schullektüre von Lessings Laokoon in gelehrt habe, zu lernen und zu lehren, wie er es tue. Du lebst und thust mir nichts: Das Motto seiner Entwürfe, die Zeichnungen (allen voran die Zeichnungen und Kommentare zu O und S, zur Spirale S und zur Tafel O aus dem Sommer 1896) das sind Schreiben und Scribbeleien, die Schlangen nicht nur im Blick haben, sie haben sie auch im Bild, mehr noch: Das Motto und die Zeichnungen schlängeln, wenn sie instituieren.
Das sind Wahrnehmungen, auch als Übung oder, wie Bruno Lima sagt, als Meditation. Warburgs Protkoll der Lateranverträge und seine Kommentare zu den Lateranverträgen sind schlangenlinienförmig instituierend, vom Ideal oder wenigstens der Idee der Schlangenlinie ausgehend.
3.
Und sie schlängeln sich doch. Selbst auf Tafel 78 tauchen Schlangenlinien auf, noch rar, allerdings an einer Stelle, die in Warburgs Kosmos 'zentral' ist, nämlich in der Geste und Gebärde der Kniebeugen. Auf Tafel 79 sammeln sich solche Gebärden: Knieende. Das sind biegsame, "allzu biegsame" (Warburg) Subjekte, fast alle sind sie Diplomaten. Biegsam zu sein ist Bedingung dafür, gesandt und geschickt zu sein.
Graphic law, die englische Sprache bewahrt etwas davon, dass das Graphische lebhaft, leuchtend oder energetisch sein soll. Das ist explizites Recht, impliziertes und appliziertes Recht aber auch, das ist Recht, das faltet, wendet, kehrt oder kippt, wenn man (wie Warburg) den graphischen Vorgang als ein Distanzschaffen versteht, der (multi-)polar operiert. Pablo Schneider spricht (in Bezug auf Warburg Schüler Wind) von einem Interesse an Polarisierunghandlungen, man sollte das nicht so verstehen, dass der graphische Vorgang polarisiert, wo sonst keine Pole wären. Vielleicht wäre es besser von einer Operationalisierung zu sprechen.








