Warum ich nie einen deutschen Freund bekommen werde
Die Schlange war lang und sie ging nicht weiter. Die Tussi aufm Klo hatte entweder mal zu heftig gesnifft oder musste zumindestens Zwillinge zur Welt bringen. Der Typ nach mir in der Schlange sah so aus, als würde er in ein paar Sekunden in die Hose machen.
”Weisst du”, schrie ich über die brüllende Musik, ”wenn du wirklich dringend musst, kannst aber nicht, musst du nur Listen machen.”
Er starrte mich fragend an.
”Ich meine, als ich Kind war, listete ich immer die Harry Potter -Figuren auf, wenn ich aufs Klo musste, aber kein finden könnte. Dann vergisst man, dass man eigentlich Notdurft hat.”
Ich, oder der Wodka in mir, war ziemlich sicher, dass ich jetzt meine Gedanken ordentlich genug erklärt hatte und er mir den Nobel-Preis bald in die Hand drücken würde.
”Wo kommst du her?” sagte er stattdessen.
”Wieso? Was hat das mit den Harry Potter -Listen zu tun? Wir sprachen ja über das Thema wo zu pullern und wo nicht. Und dazu über Zwergen und Zauberer.”
”Kann nicht sein! Bist du völlig besoffen?”
”Aber du bist doch Ausländerin. Wo kommst du her?”
Ein kleines Lämpchen leuchtete über seinen Kopf auf.
”Hey, that’s really cool”, sagte er mit seinem steifen Akzent. ”Why are you here in Berlin?”
”Porque vivo aquí,” antwortete ich.
”What?” Jetzt war er wirklich ratlos.
”Ach, ich dachte wir spielen dieses Spielchen: ich rede Deutsch, du Englisch, ich Spanisch, du eventuell… Niederländisch? Und so weiter und so fort,” sagte ich.
”I don’t speak Spanisch,” sagte er. Manchmal überlege ich, ob meine Scherze wirklich so schlecht sind oder ob ich bloss das falsche Publikum habe.
”Okay, ich wohne hier in Berlin, sage und schreibe, deshalb bin ich hier,” verriet ich ihm.
”How long do you live here?”
”Warum willst du das wissen?”
”I am just asking, you don’t need to be so rude. When will you go back to Amerika?”
”Hast du dich überlegt, wann du sterben willst?”
Nun war er wirklich beleidigt. Er schmollte wie ein Vierjähriger, sonst sah er eigentlich gar nicht übel aus. Ein bisschen zu trendy nach meinem Geschmack, aber unter der Rayban-Brille, die er trotzig in der dunklen Club trug, blinkten schöne, braune Augen.
”Heul nicht, mein Kleiner. Ich bin ja überhaupt keine Amerikanerin. Können wir noch mal ganz von vorne anfangen?”
”Wenn du mir wirklich erzählst, wo du herkommst. Lüg mich nicht an. Ich weiss nicht, warum es dir so schwierig ist, die Wahrheit zu erzählen.”
”Okay. Wenn es deine Welt in Ordnung bringt, kann ich es dich verraten. Ich bin ——-.”
”Ich dachte so! Ich hatte mal eine Freundin, die eine Freundin hatte, Mandy, die da ein Austauschjahr verbracht hat. Kennst du sie?”
Endlich machte die Frau die Tür auf. Sie stopelrte weiter und ich ging rein. Es roch nach Kotze und Wein. Als ich auf dem Klo sass, dachte ich an den Typ. Es gab doch schlimmere Männer, dieser war letztendlich in Ordnung. Wie hätte er das wissen sollen, dass mich jeden Tag gefragt wurde, ob ich eine wirklich gute Rechtfertigung zum Dasein hatte. Vielleicht nahm ich die Fragen über was ich tagsüber tue und wo ich herkomme auch zu ernst: sie waren letztendlich small talk und keine existentiellen Fragen. Trotzdem wäre es toll gewesen, wenn jemand irgendwann gefragt hätte, wo ich hingehen will oder was ich im Laufe des Tages denke. Ich wischte ab und spülte die Toilette.
Er war noch da, als nächster dran.
”Hey”, sagte er. ”Kannst du auf mich warten? Ich hab nie eine Ausländerin zum Bier eingeladen.”
Ich überlegte es mir. Er war hübsch, zugegeben, aber hübsch genug zum Mitnehmen? Ich wusste es nicht. Ich könnte ihn mit nach Hause bringen, ihn ordentlich ficken und im Fall er bleiben würde, ihm am Morgen sogar Kaffee kochen. Das könnte ich mich auf jeden Fall leisten. Aber was danach? Vielleicht würde ich ihn nie wieder sehen, am nächsten Tag wäre ich schon eine Anekdote geworden – die Skandinaverin, die einen phänomenal blasen kann, ist Skandinavien letztendlich nicht die Pornoheimat oder sowas – oder schlimmer: wir würden ein Pärchen werden. Fünf Jahren zusammen, inzwischen hätte ich auch Deutsch gelernt, noch würde er die Geschlechter der Wörter korregieren. ”Kannst du Liebling mir das Milch geben?” ”Die Milch, bitte schön.” ”Ich hab mein Job verloren…” ”Meinen Job verloren, du dumme Kuh.”
Dann – was dann, wir wären schon dreizig, er ein bisschen älter, vielleicht sollten wir uns auch ein paar ausgezeichnete Kinder schaffen, warum nicht? Er würde mich in seiner Art und Weise lieben, ich auch ihn, ab und zu würden wir mein Land besuchen, ab und zu seine Eltern in Bayern oder Wilmersdorf oder Düsseldorf oder Dorf. Er hätte inzwischen ein paar Wörter meiner Sprache gelernt. An seine Kollegen wäre er immer der Typ mit der ausländischen Frau.
”Verstehst du mich? Can you wait for me?”
Ich würde lächeln und wie ein Idiot in die Hände klatschen jedes mal er sagt: den tyske øl er god, saksalainen olut on hyvä, þýska bjór er góður, das deutsche Bier ist gut, das stimmt. Meine Sprache ist echt unmöglich zu lernen. Ein einziger Satz würde reichen, mich glücklich zu machen: guck mal, er gibt sich Mühe!
”Aber ich will nicht die ausländische Ehefrau sein! Unsere Kinder werden deswegen gemobbt und sie werden sich vor mir schämen, weil ihre Mutter mit einem Akzent spricht und Behörden duzt! Und wir können auch nicht bei mir wohnen, es reicht nicht, wenn man nur das deutsche Bier loben kann! Die Nazionalisten werden dich zu Tode prügeln! Und auf keinen fucking Fall darfst du mit meinen aussergewöhnlichen Schwanzlutschensfähigkeiten angeben! Das ist nicht in Ordnung! Ausserdem wurde der erste Pornofilm in Frankreich gedreht, nicht in Skandinavien, you ignorant bastard.”
Er blinkte sprachlos und verschwand hinter die Tür.
Ich glaube, die Zeit, die ich als Single verbringen muss, wird gar nicht kürzer, nicht einmal beim Auflisten der Harry Potter -Figuren.