Welcome to the Real World
- "Duuhuuu, Brainzz?" Ich blicke noch etwas verschlafen drein, habe mich gerade erst umgezogen und wollte eigentlich erst kaffeetrinkend Arztbriefe schreiben, bevor ich so richtige Arztsachen mache. - "Mhhmm?", mache ich und öffne auch das zweite Auge. Der Blutentnahmestudent steht hinter mir und guckt schräg. - "Ich war gerade bei der Frau Katastropha auf der 22. Ich wollte der Blut abnehmen, aber die schläft sooo fest, dass ich sie gar nicht wecken konnte. Ist das dringend, oder kann ich später nochmal wiederkommen?" Meine Augenbraue schnellt in die Höhe. - "Wie tief genau schläft sie denn?", frage ich und stehe auf. - "Ich hab sie nicht wachgekriegt." This is a bad thing, schießt es mir durch den Kopf. Frau Katastropha schläft nie fest! Eilig fliege ich über den Flur. Patientin hängt auf halb acht im Bett, Erbrochenes zwischen Kopfkissen und Bettdecke versteckend, laut schnarchend. Nicht erweckbar, keine Reaktion auf Schmerzreiz. GCS von3 , Patientin tief komatös. Shit Shit Shit Shit Shit, denke ich, löse Alarm aus und rufe meine Oberärztin an. - "Guten Morgen, Herr Brainzz!", sagt sie fröhlich. "Was gibt es so früh?" - "Guten Morgen, Dr. Sunshine. Ich brauche jetzt sofort Ihre Hilfe bei Frau Katastropha!" - "Bin unterwegs!", erwidert sie mit plötzlichem Ernst und legt auf.
Wie ich später erfahren durfte, ist meine Oberärztin wie von der Tarantel gestochen aus der Frühbesprechung geflüchtet und fünf Stockwerke in weniger als einer Minute nach oben gebrettert.
Etwa fünf Minuten später sind wir mit Volldampf auf dem Weg in Richtung Intensivstation. Alle Akteure haben ineinander gegriffen wie Zahnräder und die Notfallversorgung kam blitzschnell aus einem Guss. Wir arbeiten dem Intensivteam beim Intubieren zu. Besonders beeindruckend finde ich die respektvolle Zurückhaltung meiner Oberärztin. Sie ist präsent, ansprechbar und macht hilfreiche Kommentare zu unbemerkt aufkommenden Problemen, hält sich aber im Hintergrund und überlässt der jungen Intensivärztin das Schlachtfeld.
Als wir fertig sind, machen wir uns auf den Weg zurück auf unsere gemütliche Peripherstation. Dabei stehen wir im Aufzug dem Spiegel gegenüber und sehen uns im flackernden Neonlicht kurz in die Augen. Offenbar steht mir ins Gesicht geschrieben, wie tief der Schrecken von gerade mir noch in den Knochen sitzt. - "Welcome to Inner Medicine", sagt Dr. Sunshine mit hochgezogenen Augenbrauen. "Wo die Todgeweihten überleben und die sterben, die wir retten wollen."







