Depp vom Dienst (II)
Den wirklich sehr agitierten Herrn Glubsch haben wir in mühsamer Überzeugungsarbeit und unter Einsatz meinungsangleichender Medikamente dazu überreden können, eine CT-Untersuchung seines Schädels der Lindenstraße vorzuziehen. Eine liebliche Schwesternschülerin hat guten Draht zu ihm aufbauen können und begleitet ihn bis zur Untersuchung, sodass Frau Dr. Mrs. Sporty und ich kurz aufatmen und uns vom Schreck des Reanimationspiepers erholen können. Drei Atemzüge später klingeln jedoch unser beider Telefone fast gleichzeitig. Ich ziehe los in die vierte Etage, um dort einer sehr lieben, alten Frau einen Zugang zu legen (die zuständige Krankenschwester ist entzückt über einen Studenten im Dienst und belohnt mich mit Schoko-Doppelkeksen). Auf dem Rückweg lege ich auch einem schlecht gelaunten jungen Sportler auf der Unfallchirurgie einen Zugang (er macht dabei Geräusche wie eine Katze im Mähdrescher und leidet deutlich mehr als das Ömchen aus dem vierten Stock) und bemerke am steigenden Arbeitsaufkommen, dass sich die Existenz eines Studenten im Dienst langsam aber sicher auf den Stationen rumspricht. Deswegen rufe ich Schnell Frau Dr. Mrs Sporty an, die gleich rangeht und dabei aber sehr gestresst klingt. Im Haus haben sich nach dem erfolglosen Sterbeversuch des alten, kranken und dementen Herrn Glubsch drei Patienten ganz hinterhältig abgesprochen und gleichzeitig einen Herzinfarkt ausgebrütet, obwohl keiner von ihnen wegen kardiologischer Probleme stationär aufgenommen war. Ich sehe ein, dass diese Situation meine Kragenweite übersteigt und überlasse den schon informierten Kardiologen das Schlachtfeld. Beim Eintreffen in der Ambulanz habe ich das Gefühl, den Höllenschlund zu betreten. Die eben noch menschenleere Notaufnahme platzt aus allen Nähten und die Patienten sitzen bereits auf den Fluren. Ohne Rücksicht darauf, dass ich zum ersten Mal internistisch in der Notaufnahme arbeite, bekomme ich gleich drei Patienten zugewiesen. Heillos überfordert damit, deren Probleme in Diagnosen zu formulieren, gebe ich trotzdem mein Bestes. Ich diagnostiziere den ersten Appendix meiner ärztlichen Laufbahn. Ich erkenne an den Symptomen Durchfall und Erbrechen bei Zustand nach Kartoffelsalat eine akute Gastroenteritis. Ich erkenne sogar, dass die Magenschmerzen der bekloppten dritten Patientin wohl dem täglichen Lutschen einer dreifachen Standarddosis Ibuprofen geschuldet sind. Und dabei fühle ich mich großartig, denn trotz allem Stress, der latenten Überforderung und steigender Müdigkeit arbeite ich nicht sooooo langsam, dass die Pflege endgültig ihre Geduld mit dem Studenten verliert.
Als ich nach dem Ende meines Dienstes durch ein Gewitter nach Hause fahre und mich schließlich völlig fertig auf das Bett in die Arme meines Liebsten schmeiße, habe ich ein komisches Kribbeln in der Magengegend. Das erste Mal seit Beginn meines Studiums habe ich das Gefühl, dass am Horizont so etwas wie eine Zielgerade in Sicht gerät. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich heute Nacht so gefühlt, als wäre ich fast ein bisschen Arzt.









