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Ernest Hemingway wird nachgesagt, den klarsten, kargsten, knochigsten und direktesten Stil gepflegt zu haben. Er gilt als Meister der Shortstory. Er gilt sogar als Meister der Kurzsatztechnik. Dass er obendrein auf Jagd gegangen ist und seine Beute mit einem Schuss erledigt hat, reichert die Legende an. Dass er sich 1961 kurzerhand selbst erschossen hat - mit einer Flinte, die er im Hemingway-Stil als „glatte, braune Geliebte“ bezeichnet hat - rundet die Legende ab.
Nun ist eine App nach Hemingway benannt worden. Tatsächlich fackelt sie nicht lange, wenn sie es mit Texten zu tun bekommt, deren Sätze zu lang, zu verschachtelt, überfrachtet oder einfach nur schlecht gebaut sind. Dafür kann meine seine eigenen Produktionen kopieren und ins Prüffeld einfügen. Dann zeigen Markierungen in unterschiedlichen Farben an, wo man noch kürzen und schleifen muss.
Ob das den Texten wirklich hilft, ist nicht ausgemacht. Letztlich folgt die App ja nur der Idee, dass Texte klar und übersichtlich sein müssen, um gut zu funktionieren. Das mag für bestimmte Textsorten zutreffen. Für andere tut es das nicht. Vor allem dort nicht, wo es darum geht, den Gegenständen, mit denen man es zu tun hat, nicht dadurch die Luft zu nehmen, dass man sie für den einfachen Lese-Konsum übersetzt. Schreiben kann auch bedeuten, mit dem Gegenstand zu spielen. Und zwar nach jenen Regeln, die der Gegenstand selber setzt, wenn er sich dem Verstehen hingibt. Adornos berühmter Essay über den Essay gibt da Hinweise genug.
Das aber spricht gar nicht gegen die Hemingway-App. Es spricht nur für ihren sinnvollen Einsatz. Vor ein paar Jahren hat der Literaturwissenschaftler Michel Chaouli in einem längeren Gedankenspiel ein Computerprogramm entworfen, das es möglich macht, Texte so zu bearbeiten, wie man Musik am Synthesizer bearbeiten kann. Nämlich durch stufenloses Regulieren einzelner Aspekte.
Man könnte, so Chaouli, Adverbien herausfiltern. Oder langatmige Passagen beschleunigen. Man muss nur alle Beschreibungen rauskürzen. Oder alle Dialoge löschen. Innere Monologe beseitigen. Hochaffektive Sprache runterdimmen.
Oder aber man zieht die Regler hoch und verstärkt, was da ist. Also einfach noch mehr Adverbien. Noch langatmigere Passagen. Beschreibungsorgien. Dialoge aus der Hölle.
Ein und derselbe Text würde, wenn man ihn mit immer anderen Einstellungen durch das Programm laufen lässt, in immer neuen Varianten erscheinen. Die wären dann Werke genauso wie es Tracks sind, die neu gemixt worden sind. „Der Remix von Literatur“, schreibt Michel Chaouli, „könnte sich zu einem eigenen literarischen Genre entwickeln. Manche würden ihre Versionen auf Websites zum Herunterladen anbieten. Besonders talentierte Remixer könnten sogar Geld verlangen für ihre Arbeiten. Schließlich könnte eine neue Form der Kommunikation über Literatur entstehen, etwas, was kein kein vollkommen neues Produkt wäre, sicher aber auch von der Rezension oder dem kritischen Essay unterschieden."
Dabei geht es wie in der Remixkultur nicht um die Zerstörung der Texte. Es geht um ihre produktive Erweiterung. „Remixe könnten sich zu literarischen Collagen entwickeln, Kombinationen von zwei oder mehr Erzählungen in der Art des Grey Album von Danger Mouse, einer skurrilen Fusion des White Album der Beatles und des Black Album von Jay-Z."
Damit wird ein produktives Lernen in Gang gesetzt, bei dem Leser durch das Hands-On mehr über die Texte erfahren als jene Rezipienten, die Gedrucktes als Unantastbares verstehen, das allenfalls mit philologischer Vorsicht geöffnet und im Hinblick auf das ausgelegt werden darf, was im Text schon drin steckt, weil irgendjemand es in sie hineingelegt hat.
Liest man den wirklich großartigen Text von Michel Chaouli und klickt dann noch mal auf die Hemingway-App, so wird klar, wozu man sie benutzen kann.
Denn die App ist nichts anderes als ein kleiner realisierter Teil von dem, was Chaouli in seinem Gedankenspiel entworfen hat.
Wir können jetzt probeweise Hemingway über unsere Texte laufen lassen. Nicht weil wir sie damit objektiv verbessern. Wir erweitern sie. Und wir erweitern unser Verständnis von dem, was ein Text ist. Nämlich eine gewobene Textur, die nicht auf Zwangsläufigkeit beruht, sondern immer auch anders aussehen könnte - und dabei immer andere Effekte hervorbringt.
Wer das eigene Schreiben so beobachten kann, ist einen entscheidenden Schritt weiter. Wer nach diesem Prinzip sogar Texte produzieren kann, darf Meister oder Meisterin genannt werden. Wer es perfekt beherrscht, hat gute Chancen, dass der eigene Name irgendwann mal auf einer App stehen wird.
http://www.hemingwayapp.com