Ein Beispiel für eine Bilderschrift – bzw. eine Ideenschrift – sind die mit dem Messer in Rindenstücke eingeritzten Liebesbriefe der Jukagirenmädchen aus Nordostsibirien. Die Abbildung zeigt eine neue Zeichnung nach einer Veröffentlichung von Gustav Krahmer aus dem Jahr 1896. Das Volk der Jukagiren (Eigenbezeichnung Odul) zählte schon 1926 nur noch etwa 2000 Köpfe, von denen nur noch etwa 400 in der alten Sprache redeten... man kann davon ausgehen, dass ihre Sprache "aussterben" wird. Da den jungen Mädchen nach der herrschende Sitte verboten war, ihre Liebe einem Mann in Worten zu gestehen – dieses Recht hatten nur die Männer – verfassten sie Briefe, wie den hier abgebildeten und steckten sie bei Tanzfesten den Männern zu. Der Brief besagt: "Du gehst fort. Du liebst eine Russin, die Dir den Weg zu mir versperrt. Es werden Kinder kommen, und Du wirst Freude an ihnen haben. Ich aber werde ewig trauern und nur an Dich denken, wenn es auch einen anderen Mann gibt, der mich liebt." Der Rahmen A/B ist ein Haus; darin wohnt C, das trauernde Mädchen, gekennzeichnet durch die der jukagirischen Tracht entsprechende schmale, fächerförmige Rocklinie und der Zopf (punktierte Linie). Im Hause kreuzen sich zwei Bündel von Linien; das bedeutet Kummer. Links von ihrem Haus steht ein zweites (der Rahmen, der nicht bis unten ausgezogen ist); das bedeutet, dass dessen Bewohner F und G abwesend sind. F ist eine Russin, wie der weiter abgesetzte Rock H zeigt. Sie ist ihrem Gatten in Liebe eng verbunden (gekreuzte Linien zwischen F und G). Außerdem geht von der Russin F die Linie J aus, welche die Linien K und L durchschneidet. K und L stellen die unerwiderte Liebe der Jukagirin zu dem verheirateten Russen G dar. Das Liniengewirr M zeigt an, dass das Mädchen trotz der Trennlinie J mit seinen Gedanken bei dem Geliebten ist. O ist ein Jukagire, dessen Neigung N dem Mädchen gehört. P und Q schließlich sind die Kinder des Paares F und G.








