Sich selber und gruppenkonform sein
friedl-iche Gedanken
Eine meiner Studentinnen schreibt in einem Reflexionsbericht über ihren Lernprozess: «In dem Moment, ich dem ich es sagte wusste ich, dass es nicht meine Meinung war. Ich habe etwas gesagt, von dem ich annahm, es würde zum Gruppenkonsens passen. Ich habe mich im Nachhinein fürchterlich über mich selber aufgeregt.» Ich verharrte einen langen Moment mit meinem Blick auf dieser Passage und dachte: Das kenne ich.
Kennen Sie das nicht auch: Sie sagen etwas, das Ihnen gegen Ihr Herz geht, das nicht Ihrer Meinung entspricht? Woher kommt das?
Es gibt in Gruppen so etwas wie Konformitätsdruck. Gruppen mögen es, wenn es eine Übereinstimmung und Homogenität gibt. Das macht das Gruppengeschehen berechenbar und das Verhalten von Menschen voraussehbar. Abweichende Meinungen können als Bedrohung wahrgenommen werden. Es ist mit Unberechenbarkeit zu rechnen. Solomon Asch hat mit seinen Experimenten nachgewiesen, dass rund 76% der Menschen bereit sind, ihre eigene Meinung zu verleugnen zu Gunsten einer Gruppenmeinung. (Eine Linie musste mit drei unterschiedlich langen Linien verglichen und festgestellt werden, welche der drei gleich lang ist wie die eine. In der Gruppe waren bis auf eine Person in den Versuch eingeweiht. Diese Personen behaupteten bewusst eine ungleich lange Linie sei richtig.) Immerhin stehen 24% gegen jeden Gruppendruck zu ihrer Meinung. Der Hauptgrund für die Verleugnung der eigenen Überzeugung war: um des Friedens willen.
Konformität hat durchaus seine Berechtigung. Dank konformen Verhalten können sich in einer Gesellschaft gemeinsame Verhaltensstandards entwickeln. Diese ermöglichen ein mehr oder weniger konfliktfreies Zusammenleben. Auf der persönlichen Ebene tut es einfach auch gut, in einen sozialen Kontext eingebunden zu sein und Gemeinschaft zu erfahren.
Wo ist nun aber die Grenze zwischen diesem Eingebundensein und der Selbstverleugnung? Denn das Bedürfnis, als einzigartiger Mensch wahrgenommen zu werden, ist genauso stark und berechtigt, wie das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit. Wenn wir uns immer nur zurücknehmen und nicht zu dem stehen, was uns wichtig ist, verkümmern wir. Vor allem ist es wichtig, dass das Sich-zurücknehmen ein bewusster Akt ist und nicht ein nur halbbewusster Dauerzustand.
Die eingangs erwähnte Studentin schreibt weiter als Folgerung dieser Erfahrung: «Wichtig ist, dass ich mich überhaupt wahrnehme, dass ich merke, was mir in der jeweiligen Situation wichtig ist. Ich höre etwas mehr auf mich und etwas weniger auf die anderen. Wenn es mir dann wichtig ist, sage ich es.»
Da hatte ich wohl wieder ein Lächeln im Gesicht, denn das ist auch meine Erfahrung: Innehalten, Kontakt mit sich selber aufnehmen, merken, was wichtig ist und dann mit Blick in die Augen des Gegenübers zu sprechen beginnen. Mit dem inneren Empfinden, auch ich bin wichtig.















