Heute in der FAZ. Jürgen Kaube über Evgeny Morozov
"Viele Enthusiasten des Internets pflegen dabei, so Morozov, Ressentiments gegen den Staat und traditionelle Berufsrollen."
liest man heute in der Auseinandersetzung, die Jürgen Kaube Evgeny Morozovs Buch "Smarte neue Welt" angedeihen lässt. (Jürgen Kaube: Ist Ingenieur sein denn glamourös? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.2013, S. 27) Der zweite Teil der Ressentiments erinnert unvermeidlich an aktuelle Diskussionen zum Berufsbild im Bibliothekswesen, wobei die Frage der Eigenpositionierung der Internetenthusiasten in Bibliotheken noch unbeantwortet ist. Kombinationen mit "Enthusiasten" kommen im Artikel übrigens viermal (auf 1123 Wörter) vor.
Da ein Kernstück von Evgeny Morozovs Kritik der Kampf gegen die Phrase ist, muss man hier natürlich aufpassen, obwohl der Diskurs insgesamt oft genug zeigt, wie schwierig es oft ist, ein stolperdrahtfreies Vokabular für eine treffende, aber nicht Klischees bestätigende bzw. erzeugende Diskussion von Netzphänomenen zu finden.Die Zielscheibe "Technikenthusiast" ist da so leicht in den Raum gehängt, wie "Technologieprophet", was im Falle des so benannten Kevin Kelly wahrscheinlich nicht verkehrt ist.
Zwei Punkte des Artikels sollen hier herausgehoben werden. Einerseits der Verweis auf Open Access, was offenbar bei Morozov Teil des von ihm attackierten "Solutionismus" der Digitalideologie ist:
"Es ist also der Verzicht auf soziale Urteilskraft, die Morozov den Technikenthusiasten vorhält. Während Unsummen in „Open Access“ zu wissenschaftlichen Aufsätzen gesteckt werden, liegt deren Durchschnittsleserzahl bei ungefähr 1 und wissen Romanisten im sechsten Semester nicht, wer Flaubert ist. Das spricht nicht gegen die Digitalisierung, aber gegen die „solutionistischen“ Erwartungen. Die größten Gewinne der technologischen Versprechen fallen meist nicht dort an, wo die Probleme liegen, sondern bei den Ausrüstern."
Das ist selbstverständlich eine für die wissenschaftlichen Bibliotheken relevante Frage, zumal die Open-Access-Debatte auch auf Seiten der Wissenschaft bisweilen in ein wenig abgewogenes Ideologisieren abgleitet. Die genaue Argumentation Morozovs kenne ich leider nicht, aber an dieser Stelle sollte man trotzdem beachten, dass natürlich zugleich ebenfalls Unsummen in Zeitschriftenabonnements gesteckt werden, deren Durchschnittsleserzahl kaum höher liegt. Das wissenschaftliche Publizieren zielt per se in bestimmten Verästelungen zwangsläufig auf Spezialisten und nicht auf Masse. Das im obigen Zitat mitschwingende Argument eines Verhältnisses von Kosten und unmittelbarer Rezeption würde also jede Art von Nischenwissenschaft mit kleinen Communities in Frage stellen sowie eine Verengung der Wissenschaft auf populäre bzw. popularisierbare Forschungsfelder einfordern. Es ist eigentlich nicht vorstellbar, dass Morozov in diese Richtung denkt.
Die zweite Textstelle, die uns auffällt, ist Jürgen Kaubes Schlussfolgerung:
"Der Autor selbst liest offenbar Tag und Nacht, auf jeder Seite bekommt der Leser neue Hinweise auf jüngste technologische Erfindungen – [...]"
Ein Anruf bei seinem Redaktionskollegen Jordan Mejias könnte ihm diesen Eindruck bestätigen. Denn ist noch gar nicht so lange her, dass Evgeny Morozov diesem im Interview für dieselbe Zeitung folgende Zukunftsplanung offenbarte;
"Wenn ich wollte, könnte ich unterwegs sein und jeden Tag einen Vortrag halten. Ich habe aber gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich ist, allein, weil ich intellektuell nicht einmal an der Oberfläche von dem gekratzt habe, was ich tun muss, und weil ich in der Bibliothek sitzen muss, durch die Archive gehen und dieses Jahr fünfhundert Bücher lesen muss." vgl. LIBREAS-Tumblr, 13.10.2013
Man könnte nun süffisant anmerken, dass das (gründliche) Lesen von 500 Büchern in einem Jahr fast nur machbar wird, wenn man es mit Werkzeugen der Digital Humanities unterstützt. Aber andererseits ist in der Rhetorik dieses Diskurses auch nicht jedes Wort gegen das Gold der Fakten zu wiegen.
Während die Redaktion der Zeitschrift "für Elektronische Lebensaspekte" DEBUG im November forderte Befreit uns von Morozov, bleibt Jürgen Kaube in der Einschätzung von "Smarte neue Welt" ein bisschen unbestimmt. Während er mit dem Anliegen der Morozov'schen Netzkritik durchaus zu sympathisieren scheint, hat er offenbar ebenso wie die DEBUG ein bisschen mit der Form des Vortrags dieser Kritik zu tun. Denn wenn er vom "moralischen Überschuss des Anti-Propheten" schreibt, ist das nichts anderes als eine höfliche Umschreibung dessen, was DEBUG so formuliert:
"Der kämpft halt so lange gegen die Windmühlen, bis einem so schwindlig ist, dass das Argument zu Brain-Body-Memory geworden ist."
Ben Kaden, 09.12.2013












