DER DÜRRE GOTT Sonettenkranz
I
Wie schlimm es sein muss, wenn man nicht darf. Wie schlimm es sein muss, nicht zuzugreifen. Träume fressen dich auf, wenn sie reifen. Träume sind kreischend und messerscharf.
Träume enthüllen den tiefsten Riss, den du geerbt hast vom Allerhöchsten. Dich wird kein Flug und kein Wunder trösten. wenn man dich eins aus dem Garten stieß.
Du suchst den Abgrund, – er dich zurück, und trefft ihr einst aufeinander, dann fällt dem Allvater von den Wangen
sein müdes Lächeln. Mit keinem Glück dieser Welt wirst du Licht erlangen. Wie schlimm es sein muss, wenn man nicht kann.
II
Wie schlimm es sein muss, wenn man nicht kann. Wenn nur Bücher in deinen Zimmern dich ans Leben der Lust erinnern; ans Gefühl, mit dem Welt begann.
Nie erreichst du den Gipfelbrand, der dir zeigt, wie des Weltalls Wehen Tod und Leben als Einheit sehen, welche Küsse und Kunst verband.
Deine Haut ist verstaubt und fahl, und du lenkst nicht das Dreigespann: Du zerreißt es, und fühlst dich bluten.
Und du siehst, wie du acephal untergehst in den Großen Fluten irgendwo zwischen Mädchen und Mann. ________________
Wir wollen uns nach aller Ganzheit sehnen: wir wollen Klang.
Rainer Maria Rilke, 1900
III
Irgendwo zwischen Mädchen und Mann, auf der Hälfte zum Bald-Geboren hat sich eine Gestalt verloren, und erinnert sich nicht daran.
Und die Nächte sind taub und schwer wie verbundene Menschenhände. Was vererbe ich, wenn ich ende? Sinkt mein Geist in das Nebelmeer?
Frag nur, frag nur. Ich ahne schon: Ich erfasse, – das heißt: Ich darf. Sag, wie selten begreift ein Andrer
deinen wirklichen Seelen-Ton? – Meistens trifft dich ein blinder Wandrer, Ding, das sich selbst dem Verbot unterwarf.
IV
Ding, das sich selbst dem Verbot unterwarf: Macht es glücklich, sich kleinzuhalten? In geschwungener Röcke Falten liegt noch eine, und dehnt sich straff,
darf nicht atmen, und scheut den Traum. Ach, wie sättigend. Keine Reime, – und wenn doch, dann nur strenggeheime, und am Ende: Geschirr und Zaum.
Ganz hervorragend! Alles sitzt, abends endend ihm Zucht-Gebot, und was innen liegt, fault und modert.
Denn man hat es dir eingeritzt: Was auch immer da in dir lodert, – Glaub an das Richtige. Sühne vor Gott.
V
Glaub an das Richtige. Sühne vor Gott. Keine Fehlschritte! – Wie beim Tanzen. Seele zu! – um dich fortzupflanzen: Bald schon trinkt dich das Abendrot
weingleich aus und du bist nur Luft, keine Hülle. Und dann? Die Tage antworten nicht auf die letzte Frage, weil die Frage nach Nächten ruft.
Doch die Nächte sind voll und leer vor den Menschen, die hundertfach dir nichts geben. Begreif doch bitte:
Deine Saite erwacht nicht mehr. … Dann verlier doch der Seele Mitte. Halt deinen Körper hungrig und schwach. ________________
Die Welt ist tief, Und tiefer als der Tag gedacht. Tief ist ihr Weh –, Lust – tiefer noch als Herzeleid: Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit –, – will tiefe, tiefe Ewigkeit!
Friedrich Nietzsche, 1883
VI
Halt deinen Körper hungrig und schwach. Halt dich an Regeln. Und reiß dich zusammen. Einer gefräßigen Schlange entstammen deine verborgenen Dränge. – Erwach
endlich aus dieser verschrobenen Lüge! Das ist dein Körper: Er ist das Gefüge, welches dich trägt und vereint mit dem Geist. Schau, wie ihn deine Beherrschung zerreißt!
Schau, wie die Zeilen, von denen du dachtest, dass sie erscheinen, dich scheuen und meiden: Gleich einem Wunder, dem Gott widersprach.
Reicht dir das nicht als Verkündung? Du trachtest ewig nach Büße. – Du sollst nicht mehr leiden: Folg deinem flüsternden, lüsternen Bach. ________________
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid, vergnüge dich an dir [..], nimm dein Verhängnis an. Laß alles unbereut. Tu, was getan sein muss. […] Schau alle Sachen an: dies alles ist in dir. […] Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann, dem ist die weite Welt und alles untertan.
Paul Fleming, 1636
VII
Folg deinem flüsternden, lüsternen Bach durch das Gebirge, und werde zur Flut. Schau, – wir bewirken: Die Dinge sind gut, seit uns die Brille der Sitte zerbrach.
Alles ist fließend, und alles ist rein: Nicht wie ein Kind, sondern rein wie ein Kern. Wasser und Eisen in einem: Verlern deine Notwendigkeit, sündig zu sein.
Sünde ist nur ein erfundener Schmäh. Geh deine Wege und fahre dein Boot, und du wirst sehen: Der Zweifel fällt nieder!
Tu nicht den Gräsern am Wegesrand weh, sprich deine Sprache, und kehre nie wieder zahm und gebrandmarkt zum alten Schafott.
VIII
Zahm und gebrandmarkt zum alten Schafott wie eine Kuh (bis zum Knochen gemolken) schleppte ein Volk sich, und sprach zu den Wolken, hoffnungsvoll glaubend, es spreche zu Gott.
Zweitausend Jahre und immer noch nicht einen Tag schlauer, verbüßten sie ihre schamvollen Träume. Nur Tränen und Tiere wussten es besser, und scheuten das Licht.
Und überm Land, das schon satt war von Last einer erfundenen Buß-Religion, hing nur ein Himmel, der schwieg und nichts wusste.
Wem du auch immer was angetan hast, was man auch immer dir anlasten musste: Zeig wie du leidest, und schreibe davon. ________________
Aber wahrhaftig, ich bin in keinem Augenblick mehr ein Mensch, als wenn ich mich mit hundertfacher Stärke leben fühle.
Hugo von Hofmannsthal, 1901
IX
Zeig wie du leidest, und schreibe davon. Schreib und verzweifle am eigenen Schweigen. Dir wird kein Gott sich im Abendrock zeigen. Zeig deine Demut und sühne synchron.
Mensch könnte Wunder sein; Mensch ist zu bang. Mensch ist halb Schimmer; ich bin halb Wald. Mensch ist die einzige Richtergestalt. Mir aber scheint er nicht klug und nicht Klang.
Mensch ist verrostet an eigener Lust, weil seine Wünsche nur kreisgeformt schleichen. Mensch kann nicht schaffen. Mensch ist zu jung.
Mensch kniet und betet. Mein Wald aber fußt mitten in Gottes erzeugendem Sprung. : Friss wie ein Silberfisch Bücher und Zeichen. ________________
Glaube mir, ich habe es erfahren, du wirst ein Mehreres in den Wäldern finden als in den Büchern; Bäume und Steine werden dich lehren, was kein Lehrmeister dir zu hören gibt.
Bernhard von Clairvaux, ca. 1120
X
Friss wie ein Silberfisch Bücher und Zeichen, aber du findest darin nicht das Echte: Nur in dem Muster der fließenden Flechte, nur in dem Kriechen geglätteter Schleichen
liegt eine Ordnung: Die Ordnung der Nähte. Ordnung des Magischen. Ordnung der Welt, die deine Zeit in der Handfläche hält, seit sie aus Neugier das Menschenkorn säte.
Lies und verkleide dich. Stirb in die Leere, wartend darauf, dass die Nussschale bricht. Schleich um die Schränke und flüstre die Namen,
während ich Träume wie Licht überquere. Folg deinen Regeln und stütze die Rahmen bis zum Erbrechen: Das sättigt dich nicht.
XI
Bis zum Erbrechen: Das sättigt dich nicht. Was ist der Sinn eines hungrigen Lebens? Du überzeugst dich und wartest vergebens auf die Erlösung. Doch Göttliches spricht
nicht deine Sprache der Tugend: Das sagen nur die Verbitterten. Mögen sie welken in ihren trocknen, gestellten Gebälken, die ihre Scham als Entschädigung tragen.
Gott! Wie ich fürchte den trieblosen Geist! Schlimmer ist jener nur, der sich Sanktion auferlegt, und seine Liebe als Lücke
nachtlang beschimpft. Denn er weiß doch: Er reißt irgendwann ein. Und er bricht sich in Stücke, stets auf der Jagd nach dem innersten Ton. ________________
Verzauberte: wie kann der Einklang zweier erwählter Worte je den Reim erreichen, der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.
Rainer Maria Rilke, 1907
XII
Stets auf der Jagd nach dem innersten Ton, ohne den Mut, Melodien zu schreiben. Ich bin gekommen, um einzuverleiben. Ich war gerufen, und komme davon.
Meine geöffnete, schlagende Brust sah mit libellen-verwandten Pupillen auf deinen himmelwärts deutenden Willen. Keine Erlaubnis, – ich sage: Du musst.
Mach, dass ich schreibe. Erzeuge das Wort. Bette den Reim in das bloße Gedicht. Hör, wie ich klinge: Mein Tonfall umfasst schon
zwei Galaxien und weht uns hinfort. Du folgst den flammenden Noten, und fast schon stellst du in Schatten dein eigenes Licht.
XIII
Stellst du in Schatten dein eigenes Licht, kommt es zurück wie ein Ruf in den Bergen. Nichts kann ein Ewiges Leuchten verbergen. Nichts überdeckt eine innere Sicht.
Aber du musst aus dir raus. Und du lässt deine verborgenen Züge nach außen dringen, als wären sie winzige Pausen zwischen dem Bühnen-Gesicht und dem Rest,
hoffend, dass jemand sie wiedererkennt, und deine Lücken den anderen gleichen, doch deine Angst macht dich hässlich. Du wirkst
ganz wie ein staubiges Zier-Pergament. Alle verstehn, was du krampfhaft verbirgst, durstig und wütend: Denn Wort wird nicht reichen.
XIV
Durstig und wütend: Denn Wort wird nicht reichen. Nichts wird dir reichen. – Du machst nichts daraus. Manch einer baut ein erhabenes Haus. Manch einer deutet gewaltige Zeichen.
Du aber klagst, und erlaubst es dir kaum, deine verschlingende Leere zu stillen. Ich aber folge dem äußersten Willen, der sich mir zeigte im innersten Traum.
Wald ist mein Zeuge. Ich sah meine Zeit, habe gesehn, wie die Eishand mich warf von meinem Sockel. Ich kann nicht mehr warten.
Ich war schon früh für das Feuer bereit (seit man mich stieß aus dem blühenden Garten). Wie schlimm es sein muss, wenn man nicht darf!
XV
Wie schlimm es sein muss, wenn man nicht darf. Wie schlimm es sein muss, wenn man nicht kann. Irgendwo zwischen Mädchen und Mann: Ding, das sich selbst dem Verbot unterwarf.
Glaub an das Richtige. Sühne vor Gott. Halt deinen Körper hungrig und schwach. Folg deinem flüsternden, lüsternen Bach zahm und gebrandmarkt zum alten Schafott.
Zeig wie du leidest, und schreibe davon. Friss wie ein Silberfisch Bücher und Zeichen bis zum Erbrechen: Das sättigt dich nicht.
Stets auf der Jagd nach dem innersten Ton stellst du in Schatten dein eigenes Licht durstig und wütend: Denn Wort wird nicht reichen.













