Ich bin auf dem Weg zur Mensa und überlege mir, ob ich mir das wirklich antun will. Es ist Klausurzeit und die Aktion mit dem Selbstreflexionsgespräch hat mich gestern eindeutig vom Lernen abgehalten. Danach konnte ich nicht mehr klar denken. Sobald ich in der Mensa angekommen bin halte ich Ausschau nach einzelnen Personen, zu denen ich mich setzen könnte. Doch zunächst finde ich niemanden, bei dem ich mich traue. Sollte ich es gleich bei einer ganzen Gruppe versuchen? Ich erspähe einen rothaarigen Mann, vielleicht 25 Jahre alt. Er erwidert meinen Blick. Ich hole mir erst einmal mein Essen. Dann gehe ich auf seinen Tisch zu. Mein Ziel sieht angestrengt in sein Smartphone. Ich zögere. Ich frage ihn, ob ich mich zu ihm setzen kann. Zunächst reagiert er nicht darauf. Er ist sich nicht bewusst, dass ich mit ihm spreche. Als er mich schließlich bemerkt erscheint er überrumpelt und misstrauisch, aber er sagt ja. Während ich meine Jacke ausziehe und meinen Rucksack absetze frage ich mich, ob er denken könnte, dass ich schwul sei. Wieso sollte ich mich plötzlich ohne ersichtlichen Grund zu ihm setzen? Ich grinse hysterisch. Bevor ich es verhindern kann, besorgt sich mein Gehirn eine Ausrede. Ich erzähle ihm, dass es letztes Semester eine Aktion gab, bei der man zufällig Menschen zum Mittagessen zugeteilt wurde. Da es diese Aktion nun nicht mehr gebe, organisiere ich mir nun eigenständig Partner zum Essen. Sobald ich ihm das erzähle wirkt er freundlicher. Oder bilde ich mir das nur ein? Ich stelle mich vor, wir reichen uns die Hände, seinen Namen vergesse ich innerhalb von fünf Sekunden wieder. Er studiert Physik auf Master im zweiten Semester. Wir reden über Quantenphysik und das Verhältnis von Philosophie zur Physik. Samsung vermarktet ihre neuen Fernseher als Quantendotfernseher. Er versucht mir zu erklären, was ein Quantendot sei. Irgendwas mit einer zweidimensionalen Ebene, Halbleitern und drei Slots die gefüllt werden können. Um Wellen gehe es natürlich auch. Ich verstehe nichts, selbst nach dem zweiten Erklärungsversuch. Doch was immer es auch ist, es ist “fancy”. Das betont er mehrmals. Wie erwartet, halten die meisten Physiker Philosophen eher für Spinner, da ihre Wissenschaft harten Prüfverfahren unterliegt. Er versteht meine berufliche Sorge, denn auch Physiker haben es schwer mit der Berufsfindung nach dem Studium, selbst wenn sie promoviert haben. Er verabschiedet sich als er fertig gegessen hat. Ich entschuldige mich für meinen Überfall.