Meine bärtigen Lebensabschnitte
Seit Thomas Neuwirths spektakulärer Sieg beim Eurovision Song Contest ist er wieder in aller Munde. Der Bart. Eine Haarige Angelegenheit. FAZ und Frankfurter Rundschau überschlagen sich vor Enthusiasmus. Bartträger sind attraktiver, Bartträger sind vertrauenswürdiger. Beckenbauer trägt Bart, der Chefredakteur der Bildzeitung sogar einen Rauschebart (das wäre fast ein Grund sich zu rasieren), Gottschalk einen gepflegten Vollbart; und im Hinblick auf die Europawahl steht jetzt schon fest wer das Rennen macht. Bartträger Schulz. Die FR gibt dem zum Bartwuchs bereiten Neuling auch gleich Pflegetipps mit auf den Weg und zählt die Bartvariationen auf. Backenbart, Kinnbart, Vollbart…
Mich lässt der ganze Hype um die haarige Angelegenheit ziemlich kalt, kann ich mich doch nur allzu gut an Zeiten erinnern, wo Bärte als Karrierekiller angesehen wurden und man als einziger Bartträger in einer Menschengruppe sofort als Exot, Bergschrat, Futzi, Rübezahl, Rasputin, Jesus und im schlimmsten Fall als Penner angesehen wurde und so manche Nettigkeit hinterher gerufen bekam. Ab einer bestimmten Bartlänge droht sogar Gefahr. Zum Beispiel, wenn man in bestimmten Gegenden von muslimischen Jugendlichen oder Neonazis für einen Rabbiner gehalten wird. Es ei denn, dass man sich als frisch konvertierter Islamist outet. In Frankreich der 80ziger und 90ziger Jahre waren Bärte absolut out und galten als „barbarisch“ und proletenhaft. Irgendwo in diesem Zeitfenster bewegt sich auch meine einzige bartlose Phase, ausgelöst durch den zweitgrößten Fehler meines Lebens… Doch ich greife vorweg…
Musste wegen zu langer Koteletten und Haare die Lehrstelle wechseln
Lass ich meine Bärte an meinem inneren Auge vorüberziehen so ist das fast ein Stück Biografiearbeit. Meinen ersten Bart trug ich mit fünfzehn 1969, sechs Zentimeter lange Koteletten, die bis unter die Ohrläppchen reichten. Mein spießiger Vater flippte völlig aus und zog alle Register seines antisemitischen Nazi-Vokabulars. Ich würde wie ein „jüdischer Krämer“ aussehen, tobte er. Es wäre eine Schande. (Offenbar hatten 24 Jahre BRD-Demokratie samt Filme über den Holocaust bei meinem Erzeuger wenig bewirkt) Ähnliche, wenn auch nicht antisemitische Reaktionen erlebte ich auf meiner Lehrstelle, zumal auch meine Haare anfingen, die vom Arbeitgeber (SPD-Mitglied) vorgeschriebene Streichholzlänge zu überschreiten. Ich bewies Rückgrad und wechselte den Ausbildungsbetrieb. Bald hatten meine Haare „Wurst-Länge“ und meine Koteletten den Halsansatz erreicht.
Meinen ersten Vollbart lies ich mir 1972 auf einem Südfrankreich-Tramp-Urlaub wachsen. Weil ich auf dieser Fahrt bestohlen wurde, musste ich auf der Rückfahrt bei meinem Onkel – bekennender Sartre-Fan – in Freiburg Zwischenstation machte. Er galt wegen seiner liberalen Ansichten lange Zeit als mein Vorbild und Lieblingsonkel. Sein Lieblingssatz war immer: „Eberhard, das ist mir zu bourgeois!“. Als er mich sah, mit meinen langen Haaren und meinem Dreiwochen-Bart, gab er mir missmutig das fehlende Restgeld für die Rückfahrkarte und kündigte mir gleichzeitig die Freundschaft. Ich sah ihn nie wieder. Soviel zur Bart-Toleranz und doppelten Moral in den 60zigern und 70ziger Jahren.
Als Student, Anfang zwanzig, verhielt sich mein Bartwuchs konträr zum Haarwuchs. Meine Stirn wurde immer lichter, während mein Gesicht immer weiter zuwuchs. Im Jahr 1979- ich arbeitete als Religionslehrer und war Gründungsmitglied der Grünen - hatte mein Bart mit 15 Zentimetern seinen Zenit erreicht. Als „progressiver Vater“ wollte ich natürlich bei der Geburt meines Sohnes dabei sein. Es gehört sicher zu den denkwürdigsten Augenblicken meines Lebens, als man mir den kleinen Burschen in den Arm legte und er als erstes mit seiner kleinen Hand nach meinen langen Bart griff und sich daran festhielt. Ein Urreflex unserer tierischen Vorfahren als auch die Mütter noch Ganzkörper behaart waren.
Nachdem dieses kurze Glück oder besser Unglück meiner ersten Ehe vorbei war, griff ich wütend und beherzt zur Schere und Rasierklinge. Ich wollte ein anderer werden. Wenn das so einfach wäre. Das Ergebnis meiner Umwandlung: Ein Schnurr- und Kinnbart, kurz und dynamisch und gleichzeitig romantisch. So eine Mischung aus Lenin-Ulbricht-HeinrichHeine-Musketier-Bart. Er war gleichzeitig der Startschuss für meine Berufslaufbahn als Journalist in der Randprovinz nahe der Französischen Grenze. Auch mein Chef trug einen solchen. Vielleicht war das sogar ein Teil des Einstellungskriteriums.
BARTLOS IN BINGEN ALS BLATTMACHER
Dann lernte ich meine zweite Frau kennen. Französin und Barthasserin. Das letztere hätte mir eine Warnung sein müssen. Frauen, die das Outfit ihres Mannes bestimmen, sind auch auf anderen Gebieten Tyrannen. Ich arbeitet als Blattmacher in Bingen. Die Redaktionssekretärin stand auf Machos und hasste mein weiches Gesicht. Aber noch mehr hasste sie mich, wenn ich unrasiert zur Arbeit kam. Wahrscheinlich konnte sie mich nicht einordnen. Sie ekelte und intrigierte mich erfolgreich raus.
In meiner neuen Arbeitsstelle bei einem sozialen Verband in Frankfurt folgten zaghafte Versuche meine männliche Zierde ansatzweise zur Geltung zu bringen, zum Beispiel durch einen gepflegten gezwirbelten Schnurrbart. So wie Marcel Proust oder Alexandre Dumas.
Gleichzeitig begannen meine Haare wieder zu wachsen. Ich trug sie nach hinten gekämmt zu einem geflochtenen Zopf, was sogar in der Frankfurter Chefetage gut ankam. Das passte dann nicht mehr zum Schnurrbart. In dieser Zeit sah ich mit Zopf und ohne Bart aus wie Friedrich Schiller - und wenn ich die Haare auskämmte - wie Hölderlin. Irgendwann war dieser ständige Kampf vorbei, aber auch meine zweite Ehe. Meine Exfrau erkrankte unheilbar an Krebs, gleichzeitig machte man mir auf der Arbeit das Leben zur Hölle. Ich brauchte einen Schutz, eine Maske. Etwas, wohinter ich mich verstecken konnte. Was ist besser dafür geeignet als eine dichte Gesichtsbehaarung.
Nach dem Tod der Französischen Barthasserin lernte ich meine Lebensgefährtin kennen. Sie nahm mich so wie ich war. Mit Bart! Und ermutigte mich sogar dazu ihn wieder länger wachsen zu lassen. Fast so lang, wie in meiner Ökobewegungs-Zeit. "Da kann ich mich so schön reinkuscheln". wenn das keine Liebeserklärung ist.
TOLERANZ KANN MAN NICHT INSITUTIONALISIEREN
Fazit: Seit Mitte der 90ziger Jahre trage ich wieder Vollbart. Er ist ein Teil von mir, und es ist mir „Wurst“ ob meine Behaarung gerade in oder out ist. Der Rummel um Thomas Neuwirth, alias „Conchita Wurst“ ist mir befremdlich. Sein Lied, eine tausendmal gehörte dahinplätschernde Ballade aus der Massenproduktions-Konserve. Der Typ sieht aus wie eine Jahrmarkstattraktion des 19. Jahrhunderts. Seine Wahl ist vor allem politisch motiviert um in der aufgeheizten Anti-Russland-Stimmung Putin eins auszuwischen. Ob er damit zur Toleranz gegenüber Homosexuellen beiträgt, mag ich bezweifeln. Die ist gerade durch solche aufgesetzten von Medien und Politikern forcierten Outings- und Propaganda-Kampagnen wieder erschreckend rückläufig. Das geben auch Homosexuelle zu. In Berlin beispielsweise machen Jugendliche mit islamischen Migrations-Hintergrund regelrecht Jagd auf Schwule. „Normalität“ und „Toleranz“ kann man nicht mit der Medienkeule herbeiprügeln. In den 80zigern und 90ziger Jahren dagegen war das Verhältnis zu Homosexuellen viel entspannter. In der Zeitung bei der ich volontierte, gab es im Typografiebereich einen schwulen Abteilungsleiter, der seine Mitarbeiter gerne mit folgenden Satz liebevoll zusammenstauchte: „Wenn du noch mehr Fehler machst fi…. ich dir in den Ar…., dass dir der Schwanz wackelt!“
Unser Gelächter war bis auf die Straße zu hören. Toleranz kann man nicht institutionalisieren. Sie muss von Herzen kommen.