Ich habe "Sprachkampf. Wie die Neue Rechte die deutsche Sprache instrumentalisiert” gelesen.
Das Buch ist im Frühjahr 2021 erschienen. Henning Lobin, Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, zeigt darin, wie bestimmte Diskurse über Sprache in der Öffentlichkeit verhandelt werden und wie Akteure von Rechts diese Diskurse für sich vereinnahmen.
Zunächst reißt Lobin dafür verschiedene sprachliche Themen an, die bereits in der Vergangenheit breit in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, darunter die ewigwährende (vergebliche) Schlacht gegen Fremdwörter, der rechtliche Status des Deutschen in Deutschland und der EU sowie diskriminierende Sprache und die Rechtschreibreform von 1996.
Lobin zieht schon hier Verbindungen zwischen den sprachlichen Themen und verwandten, oft identitätspolitischen Ideen, die sich damit verbinden. Schön zeigt er auch auf, wer in welcher der “Sprachschlachten” eigentlich auf der “anderen” Seite steht - das ist nämlich in der Regel niemand: Es gibt keine andere Sprache, die dem Deutschen in Deutschland den Rang ablaufen würde. Niemand ist dafür, alle deutschen Wörter durch Fremdwörter zu ersetzen etc.
Das sprachliche Thema, mit dem sich das Buch hauptsächlich beschäftigt, ist die geschlechtergerechte Sprache. Kein Wunder, das Gender ist ja seit ein paar Jahren Dauerbrenner im öffentlichen Diskurs. An diesem Thema kann man auch besonders leicht erkennen, dass es dabei eben nicht nur um Sprache geht, sondern das sie ein Proxy für andere Interessen ist. Es geht dabei nicht nur um Arten der Bezeichnung, sondern damit wird für mehr Anerkennung und Respekt für geschlechtsbasierte Gleichberechtigung und geschlechtliche Vielfalt geworben. Entsprechend ist es auch kein Wunder, aus welcher politische Ecke viele (nicht alle!) der Gegner_innen der gendergerechten Sprache kommen.
Und das ist das Stichwort, um die Antagonisten des Buchs einzuführen: Lobin konzentriert sich auf den Verein Deutsche Sprache und die AfD und zeigt auf, wie sie sprachpolitisch agieren, argumentieren und welche Ziele sie damit verfolgen. Für analysiert Lobin die Parteiprogramme der großen deutschen Parteien (noch ausführlicher als im Buch in diesem Blogpost) und wertet Leserbriefe aus der “Sprachwelt”, dem Veröffentlichungsorgan des Vereins Deutsche Sprache aus. So kommt er zu dem Schluss, dass es zwischen VDS und AfD einige Gemeinsamkeiten in Themen und Argumentation gibt und stellt den konservative Sprachpolitik als "moderaten Ersatznationalismus” heraus.
Für Neurechte Kräfte ist Sprachpolitik ein geschickter Euphemismus für Nationalismus. Denn das man damit in Deutschland nicht großflächig punkten kann, ist bekannt. Wenn man aber über vermeintliche Angriffe auf “unsere Sprache” zu Angriffen auf “unsere Kultur” kommen kann und aus dieser Position gegen “Gegner_innen” zu Felde zieht, dann kann man damit wunderbar auch Konservative überzeugen.
Dabei ist man beim VDS in der Argumentation sehr flexibel: Die da oben beim Duden sollen uns nicht vorschreiben, wie wir schreiben und sprechen sollen (nicht, dass der Duden das täte oder könnte), aber wir wollen dem Duden vorschreiben, dass nicht so viele Fremdwörter oder mit Klimapolitik in Zusammenhang stehende Wörter ins Wörterbuch aufgenommen werden. Und dem öffentlichen Rundfunk vorschreiben, wer wie gendern darf (Niemand niemals, natürlich).
“Sprachkampf” ist ein interessantes Buch, das sich gut für den Einstieg in die Themenwelt Sprachpolitik und öffentlicher Diskurs über Sprache eignet. Es ist verständlich geschrieben, vermeidet zu viel Fachjargon und quantitative Auswertungen. Davon hätte ich mir persönlich etwas mehr gewünscht, aber im Rahmen eines solchen Buchs kann ich auch gut damit leben, dass kaum Zahlen genannt werden. Ich kann es empfehlen für alle, die sich für Sprachpolitik, Sprachenpolitik, Strategien der Neuen Rechten und öffentlichen Sprechen über Wissenschaft interessieren.









