Kippsale
Kippsale sind den Schicksalen und den Rinnsalen verwandt. Sie sind deren biegsame Verwandten. In Kippsalen gibt es unbedingt Kurven, Krümmungen, Wellen, Wenden, Drehungen, Wirbel, Strudel, Spiralen, Ellipsen, Kehren und die namensgebenden Kippen. Wie die Verwandten Schick- und Rinnsale, so führen Kippsale von Stellen zu Stellen (nicht unbedingt von hier nach da), an ihnen lagert sich Geschichte ab. Im Sal kann alles kippen, die Aktion in Passion, ein Glas vom Tisch und eine Laune. Eines der berühmtesten Bilder einen Kippsals hat Albrecht Altdorfer gemalt, das hängt heute in München und zeigt die Darius-, Alexander-und- Zehntausenderschlacht, die man der Einfachheit halber Alexanderschlacht nennt. Altdorfer behauptet dort, die Erde sei nicht flach, das liegt vielleicht auch an krummen Kippsalen, zumindest krümmt er dort die Erde und lässt alles an ihr wirbeln.
Man kann vom Monte Borla bis zum Gorgonenfelsen auf der Isola di Gorgona schauen und weil das zur Dämmerung fast so aussieht wie bei Altdorfer, erheischt man zu dieser Zeit einen Blick auf Kippsale. Carrara ist Steinhauerland und gehört dringend, solange die Maschinen noch etwas vom Gebirge stehen lassen, ins Archiv der Quellen. Das Calciumcarbonat für den Marmorblock, aus dem Michelangelo den weißfleischigen David mit Schlägen und Schleifen herausgepult hat, stammt von den Schalentieren aus dem Meer, die hatten es sich zuerst genommen. Danach hatte sich was ausgestülpt und das Meer war etwas zurückgewichen. Darum sagt man, dass die Quelle des Blocks Carrara sei.
Das größte Moor der Welt, das im Kongo, soll kippen können, heißt es heute morgen in der Zeitung. Es kann zum Meer oder zur Wüste werden. Kippsale kommen größer und kleiner vor, auch als Schick- und Rinnsal kommen sie vor.









