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P.S.
Treppenszene/ Staatsrechtslehrer
1.
Auf Tafel 79 hält Warburg zwei oder drei (je nach Zählung) Treppenszenen fest, weil er alles auf der Tafel mindestens zweimal zeigt. Sie ist selbst eine von zwei Tafeln.
Der heilige Stuhl als kurulischer Stuhl taucht noch als Campingstuhl wieder auf, die Begehrende als verkehrt Begehrende, der Knieende als verkehrt Kniender und der Beugende als verkehrt Beugender, das antike und gezeigte Opfer als zeitgenössisches und verstecktes Opfer, die Stadt als Stätte und der Vertrag als Zug. Er zeigt den kleinsten Buchstaben als großes Scharnier und den Kardinal als Carne. Alles zeigt Warburg zweimal, einmal hoch, groß, edel und einmal niedrig und frivol.
Auch die Treppenszene zeigt er zweimal, einmal im linken und rechten Teil der Messe von Bolsena und einmal auf dem Hamburger Fremdenblatt vom Ende August 1929. Warburg kennt seinen Gegenstand und er weiß, dass Treppenszenen zur Staatsrechtslehre gehören, denn was ständig, stattlich und stabil stehen will, das hat ein Hoch und ein Runter. Aby zeigt 1929 zwar keine echten deutschen Staatsrechtslehrer, aber die Posen und ihre innere und äußere Architektur zeigt er. Ist ja auch sein Fachgebiet als Bild- und Rechtswissenschaftler.
2.
Dass Treppenszenen dazu gehören, das wissen die Staatsrechtslehrer auch. 2018 posieren sie zum Beispiel mal wieder innerlich und äußerlich getreppt oder gestiegen, diesmal treibt's die Szene in Bonn, einem Studienort Warburgs am Rhein. Während 1929 bei Aby Warburg die Details richtig ausgerichtet sind, sind sie 2018 unausgerichtet. Links und und rechts sind nämlich zwei Taschen in letztem Moment unausgegoren abgelegt und nicht aus dem Bild geräumt worden. Das sind Manta, Manty oder 'Mantelungen', denn Mäntel nennt man die Objekte nur dann, wenn Personen darin stecken. Eine statistische auffällige Anzahl von Personen in der ersten Reihe kürzen ihre Hosen nicht mehr. Als würde es nicht reichen, nicht mehr beim Schneider vor Ort fertigen zu lassen, lassen sie sogar die Anpassung des Stangenmaterials weg, koscht zuviele. Husch Husch! Sophrosyne, wo bist Du, wenn man Dich braucht?
Treppenszene
Nicht nur Freud hält Treppenszenen für Szenen des Begehrens. Auch Eisenstein macht eine Treppenszene in Odessa zur Szene des (Klage-) Begehrens. Dass fest stünde, was das Begehren ist, das halte ich für ausgeschlossen. Das Begehren geht auf und ab.
Unter dem Titel A bordello scene ist dieses Bild von Jacob Duck archiviert worden, eine Treppenszene. Mich interessiert das Bild, weil dort im Hintergrund eine berühmte Karte von Recife/ Olinda an der Wand hängt. Die Karte spielt auch in Elisabeth Suttons Studie zu Kapital und Kartographie ("Possessing Brazil") eine Rolle, also im Kontext einer Studie zu Mediengeschichte der Besitzergreifung und des Besessenen, insbesondere der graphischen Medien. Auch dort taucht sie auf, und zwar so:
Das heißt: rein wissenschaftlich interessiere ich mich dafür. Die Karte ist berühmt und viel kommentiert, ich interessier mich unter anderem für die simulierte Schichtung der Karte, das, was in ihr in quod-libet und Augentäuschung übergeht. Warum?
Wegen des Projektes zu Aby Warburg, wegen Tafel 79 - und wegen der dort aufgeschichteten Tafeln. Mich interessiert die Geschichte der Bilder, die rekursiv mit Schichtung umgehen. Die Karte in einer Treppenszene und unter dem Titel Bordello Scene wiederzusehen, kommt überraschend und erscheint doch konsequent.
Haikuss
Die Treppe steht. Die Treppe rollt.
In Bockenheim rinnt Regen über beide.
Unter'm Schirm gibt sie den Abschiedkuss.