Stobbe: “Vor ein paar Jahren las ich, dass das durchschnittliche Ausstiegsalter aus der linken Szene 28 Jahre beträgt. Das ergibt Sinn, da kommen die meisten an das Ende ihres Studiums, die linke Szene ist ja eine Akademikerszene. Vor allem aber brauchen sie dann eine andere Welterklärung, eine andere Lebensideologie.
Die linke Weltsicht - alles ist schlecht, alles müsste ganz und gar umgeworfen werden, ich kann nichts tun, muss aber dennoch permanent agitierend oder aktivistisch oder beides sein, das Leben ist bedeutungslos, entfremdet usw. - ist die Lebensideologie von orientierungslosen, mit sich und dem Leben überforderten Akademikerkindern in der Pubertät und in der früherwachsenen Depression. Sie rechtfertigt prima, nichts an seinem eigenen Leben zu verändern, sich für nichts anzustrengen, was das eigene Leben verbessert, weil ohnehin alles schlecht ist. Das heißt natürlich nicht, dass diese Kritik insgesamt falsch ist (vieles daran ist richtig), aber die eigene Unfähigkeit, das Leben in die Hand zu nehmen und die Möglichkeiten zumindest teilweise auszuschöpfen, die sich Abiturienten nach wie vor bieten, ein eigenverantwortliches Leben ohne Armut zu leben, wird politisch rationalisiert. Und damit machen die meisten dann halt Schluss, wenn sie merken, dass sie mal zuende studieren und einigermaßen Geld verdienen müssen.
Eine Gesellschaftskritik ist keine, wenn sie auf dem Hass auf diese kleinen Lebensziele, die man wenigstens erreichen könnte, aufruht. Zu den Dingen, die ein erwachsener Mensch aushalten muss, gehört die Ambivalenz. Etwa Arbeit scheiße zu finden und dennoch einigermaßen auskömmlich zu arbeiten. Eine grundlegende Kritik zu haben, aber dennoch sein eigenes Leben so zu gestalten, dass es unter den gegebenen Umständen erträglich ist. Linke Politik und linke Politsekten haben ja gerade deswegen so einen sektenartigen Charakter, weil das Privatleben, die bürgerliche oder kleinbürgerliche Privatexistenz dort so verpönt ist. Statt sich ein etwas besseres Leben zu erarbeiten, muss man alles für die Sache geben. Eine Kritikerexistenz führen, in einer Szene-WG leben oder in einem besetzten Haus. Alles, nur nicht einigermaßen unabhängig sein, nur nicht irgendwie am Markt reüssieren und die eigene, schnöde Existenz verbessern. Darum auch dieser Hass darauf.
Mich von solchen linken Wahnvorstellungen zu lösen und sie nicht als Rechtfertigung für irgendwas zu nutzen, daran arbeite ich bis heute. Das gehört zu den tiefsitzendsten Schäden, die linke Sozialisation jungen Menschen zufügt, dass sie nicht daran denken, wo sie bleiben, wovon sie wie leben und was sie in den verdammt vielen Jahren zwischen 30 und 70 eigentlich tun wollen und wie sie sich das vorstellen. Man trifft nicht wenige schon vollkommen vergreiste unter Dreißigjährige, die sich auf lebenslanges Leben vom Staat vollkommen eingestellt haben. Wie das eine Lebensperspektive sein soll, in der man nicht depressiv werden kann, hat mir noch keiner erklärt. “