Sollten wir sie vielleicht doch ernst nehmen?
Ihre Eltern sind Kommunisten, sie selbst wurde es während ihres Geografie-Studiums. Im April wird sie gerade einmal 24, aber ihren Namen kennt die Welt bereits. Sie erregt Aufsehen, wenn sie spricht, hört man zu – selbst wenn man des Spanischen nicht mächtig ist. Ihre Reden hält sie absolut frei, leidenschaftlich, rhetorisch genial. Sie ist sie eines der vielen Gesichter unserer Generation – einer Generation, die tagtäglich mit dem Wort „Krise“ konfrontiert wird, die studieren muss, um Geld zu verdienen, und nicht um lernen. Unserer verträumten Generation, die zu jung, zu idealistisch, zu naiv ist – und die man daher an der Nase herumführen kann und nicht ernst zu nehmen braucht.
Sie kämpft für ein Bildungssystem, zu dem alle sozialen Schichten Zugang haben, sie kritisiert den weltweiten Neoliberalismus, sie setzt sich für ein faireres Gesundheitssystem ein. Längst reichen die Forderungen über den universitären Bereich hinaus.
Auf der anderen Seite trifft sie sich auf Kuba mit Fidel Castro, lobt sein Regime und verweigert den Dissidenten ein Treffen. Schattenseiten einer Heldin? Facetten eines Menschen, dessen Schwächen und problematischen Ansichten nie thematisiert wurden?
Als „leader degli 'indignados'“ wurde sie von der italienischen Tages Zeitung Il fatto Quotidiano betitelt, als „Gesicht des Kommunismus“ von der FAZ, für den britischen „Guardian“ ist sie die „sympathischste Revolutionärin seit Subcommandante Marcos“, der in den 90er Jahren für die Rechte der indigenen Bevölkerung in Mexiko kämpfte.
Da ist eine junge Frau, die sich vor die Studierenden stellt und sie mitreißt. Eine, die die Welt verändern will. Eine, die träumt, die jung ist, idealistisch und vielleicht sogar naiv. Und doch eine, die sagt, die Proteste hätten nicht mit ihr begonnen und würden nicht mit ihr aufhören.
Ob das stimmt? Vielleicht sollten wir sie zumindest ernst nehmen - egal, ob sie ihre Ziele erreicht oder nicht. Das gilt nicht nur für Camila Vallejo! Vielleicht sollten wir auch Südamerika ernster nehmen, Chile, die Kommunisten, junge Menschen und ihr Bedürfnis, sich zu bilden. Vielleicht sollten wir uns selbst ernster nehmen – unsere Generation. Denn wir sind wir – und damit das Produkt unserer Zeit und eines Systems, das wir selbst nicht bestimmt haben. Natürlich träumen wir. Natürlich sind wir jung. Natürlich sind wir idealistisch. Natürlich sind wir naiv. Und das ist auch gut so.
Il fatto quotidiano: "Cile, la leader digli Indignados: "Fuori dal paese gli uomini di Pinochet""
The Guardian: "Chile's Commander Camila, the student who can shut down a city"
FAZ: "Camila Vallejo: Das Gesicht des Kommunismus"
taz: "Chilenin Camila Vallejo: Die Eine aus einer Million"