Berlin fornever!
#170322Berlin #ueberfranktentler
2. Tag Berlin. Es wird nicht besser, die Stadt ist durch. Eine schreiende Frau auf der Straße, offensichtlich traumatisiert. Oder voller Drogen. Oder beides. Spreche sie an, sie schreit noch lauter. Ich mache zwei Ordnungsamt-Menschen darauf aufmerksam. Sie zucken mit der Schulter und sagen, das sei hier normal. Unten in der U-Bahn treffe ich Jakob. Er fragt nach Geld, wie so viele hier. Aber er wirkt gar nicht wie jemand, der Probleme hat. Guter Mantel, intakte Schuhe. Typ Web-Designer, oder so. Ich frage ihn, was ist los? Er sagt, es gibt kein Netz mehr für ihn. Er ist durchgefallen. Er steht noch, weiß aber nicht mehr wie lange. Scheiß Geld. Alles ist so teuer. Gegenüber schwankt ein betrunkener Mann mit seiner verschmutzten Bettdecke am Rand des Bahnsteig entlang. Jeden Augenblick fällt er runter. Aber dann wendet er sich ab und legt sich wieder auf seine Bank. In Berlin habe ich immer Euro-Münzen in der Tasche. Ich gebe Jakob etwas und steige in die S-Bahn. Er winkt mir hinterher. Ich fahre Richtung Rummelsburg. In eine andere Welt.
Der Heikonaut ist Basis der Agentur anschlaege. Hier treffe ich mich mit Freund und Kollege Axel Watzke. Ein ehemaliger Kindergarten zwischen Plattenbauten auf einem großen, und unbebauten Gelände. Das muss in Berlin ein Vermögen wert sein. Das Haus selbst: gelebtes, geliebtes Arbeiten. Es riecht nach Kreativität, fühlt sich an wie harte, aber glückliche Arbeit und sieht aus wie gebraucht. Auch etwas verbraucht. Das bleibt nicht aus. Alles fühlt sich an wie Sinn. Axel ist schon da, er macht mir auf und wir freuen uns beide, nach so langer Zeit uns wieder im realen Leben zu treffen.
Johanna, die dritte in unserem Bunde von studiovorort.de, kann leider nicht persönlich dabei sein. Das ist nicht nur schade, sondern tut auch ein bisschen weh. Wir sind keine Firma, wir sind Menschen, die gerne zusammen, füreinander und miteinander für andere arbeiten. Wenn es passt. Wenn es für uns und für unsere Projekte Sinn macht. Wir helfen uns gegenseitig, ohne abhängig, verpflichtet zu sein oder uns einzusetzen, wo wir uns eigentlich nicht brauchen. Es ist…ein großer Spaß. Offen, ehrlich, transparent und…macht glücklich. Besser geht kaum. Aber wir wollen es besser machen. Wir wollen andere Wege finden, wie wir uns Zukunftsprojekten gemeinsam für Kunden stellen können. Wir wollen unsere Angebote verändern und wir wollen uns verändern. Wir wollen, dass wir gemeinsam viel, viel mehr Sinn machen, als alleine. Wir wollen neue Wege in der Beratung, in der Weiterbildung, im Erstellen von Konzepten und von Umsetzungen entwickeln. Das ist heute unsere Aufgabe.
Und wir erledigen sie verdammt gut!
Klar, das kann man so behaupten. Aber glaub mir, das gelingt uns. Kein Werbe-Gaga-Blabla. Es geht um Zukunft. Es geht darum, wie man in einer Welt als Berater*, Entwickler*, Konzeptor* und Designer*in zufrieden arbeiten und leben kann, wenn man eigentlich genau weiß, dass eigentlich alles, was man heute erlebt für den…wenig Sinn für eine bessere, zumindest gute Zukunft macht.
Wir haben - jede*r in einem Spezialgebiet - uns auf Städte spezialisiert. Auf Lebensräume von und für Menschen. Wir haben uns auch spezialisiert, Städte dabei zu beraten, wie sie eine Zukunft betreten, die eben nicht reintechnisch ist. Es ist eine Zukunft, wo Menschen ihren Halt verlieren, ihre Zusammenhänge und ja, wahrscheinlich auch ihre Arbeit. Alles wird sich verändern. Wir stehen mit beiden Beinen in einer Zukunft, die keine Rücksicht darauf nimmt, wer wir sind, was wir machen und was wir wollen. Diese Zukunft besteht darin, dass in der Digitalisierung alles digitalisiert wird. Verstehst du, was ich damit meine? Wirklich alles. Stell dir irgendetwas vor, dass du heute analog machst. In Zukunft wird es dafür eine digitale Alternative geben. Ob wir wollen oder nicht. Ich spreche hier gerne über einen direkten Vergleich mit der Industriellen Revolution. Sie veränderte alles, und die letzten 200 Jahre haben uns gelehrt, was es bedeutet, dieses alles. Könige? Weg damit! Kaiser? Brauchen wir nicht! Massenvernichtungswaffen? Kein Problem! Bedenkenlose Ausbeutung von Menschen und Natur? Machen wir! Eine Welt so zu zerstören, dass unsere Kinder in ihr - Stand heute - nicht mehr leben können? Welche Eltern stört das noch! Nichts, absolut nichts ist verschont geblieben. Dafür hat die industrielle Revolution knapp 200 Jahre gebraucht. Die Digitale Revolution wird vielleicht noch zehn Jahre brauchen um global einen Effekt zu bewirken, der die Industrielle Revolution dazu wie ein süßes, weißes Kaninchen zu einem Tyrannosaurus Rex wirken lässt.
Du machst den Menschen Angst, sagt Axel. Ja, vielleicht weil ich auch welche habe, sage ich. Wir müssen anders daran herangehen. Da sind wir einer Meinung. Und wir haben Lösungen. Wie werden erklären, wir werden Augen und Gehirn öffnen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Und diese Lösungen werden gut sein. Du wirst sehen.
Im Flur vom Heikonauten hängt eine Neonlicht-Skulptur. Ein Vogel, der überraschend und mutig „Miau“ sagt. Vielleicht reicht das nicht mehr. Vielleicht müssen wir kleinen Vögelchen laut brüllen, damit sich etwas ändert. Überraschend, mutig sein und wachrütteln.
Es gibt so viele Beispiele von Unternehmen, die als Berater Smart Citys entwickeln, die keine Seele, keinen Sinn und keine Menschlichkeit haben. Ich habe Unternehmen erlebt, die gierig in Städte einfallen und Technik verkaufen. Sensoren, Maschinen, Maschinenlösungen und Lösungen für Probleme, die niemand hat. Hauptsache, Geld regnet in die eigenen Taschen. Sie verstehen nicht, was sie da machen, anrichten. Menschen sind nur Dekoration.
Digitalisierung ist eine Mischung aus einer analogen und digitalen Welt. Diese beiden Welten sind miteinander verwoben. Sie können nebeneinander und miteinander existieren und man muss lernen, was für welche Stadt in welchem Projekt am besten nutzbar ist. Wo ergänzen sich diese Welten, wo muss man sie entflechten und wann müssen Menschen vor digitalen Auswüchse geschützt werden, wenn sie doch vielleicht irgendwo auch eine Erleichterung für sie darstellen? Siehst du, wie weit wir noch entfernt sind von einer sinnvollen Auseinandersetzung mit der Digitalen Revolution? Die meisten Menschen stellen sich keine Fragen dazu. Vielleicht haben sie Angst. Haben Angst, dass ihre Daten missbraucht werden. Dass sie rund um die Uhr überwacht werden können. Aber wirklich verstehen, was das mit den Menschen und mit ihrer Stadt Gesellschaft macht, das tun sie nicht. Es verknotet Gehirne und würgt Seelen, wenn man sich ohne Begleitung auf diese Reise begibt. Wir sehen unseren Sinn darin, dass wir genau diese Begleiter werden, die Menschen für diesen Weg brauchen.
Nachmittag ging es wieder zurück nach Kreuzberg. Ich verlief mich in Friedrichshain. Nicht, dass ich die Orientierung verlor, sondern ich verlief, erging mich in den Seitenstrassen. Friedrichshain hat sich auch verändert. Ist heute sehr, wie soll ich sagen, anders. Ich will nichts schlechtes sagen, ich kenne es nicht gut genug. Ein Schickimicki-Lokal nach dem andern, kleine Geschäfte, mit völlig überteuerten und oft sinnlosen Produkten, irgendwie ein Paralleluniversum zu den anderen Teilen der Stadt, die ich gestern und heute gesehen habe. Dennoch schön anzusehen. Und überall wird gebaut.
Die Warschauerstraße ist nicht wiederzuerkennen. Ein riesiges Einkaufszentrum (ich ging hinein und sah den Leerstand) neben einer neuen, schicken Bahnstation. Weg sind die kleinen Imbissstände, die Straßenmusiker und all das halblegale und illegale Drumherum, was sonst hier zu finden war. Es war früher bestimmt nicht schöner hier, aber eindeutig ehrlicher. Wer braucht all den Scheiß?
Im Sommer bin ich bei der re:publica22. Ich habe mich dafür in eines meiner Lieblingshotels, dem Michelberger einquartiert. Es ist in der Nähe. Und ich muss nicht immer mitten in Kreuzberg wohnen. Auch wenn ich es liebe. Ich schau vorbei, ob es noch da ist. Nicht das Gebäude, sondern die Seele. Und ja, sie ist da. Ich freue mich darauf.
Gemeinsam mit dem Stadtarchivar der Stadt Aschaffenburg, Joachim Kemper, habe ich einen Vortrag und einen Workshop eingereicht. Thema ist natürlich die Zukunft von Städten. Ich bin gespannt, ob er genommen wird. Wir beide haben auf jeden Fall große Lust dazu. Und wenn nicht, dann mache ich das Beste aus der Konferenz. Bin nicht ihr größter Freund, mir geht dieses Klassentreffen leider oft auf die Nerven. Warum, tut hier nichts zu Sache. Eine Woche später wäre in Amsterdam die The Next Web. Zwei solche Konferenzen hintereinander schaffe ich dieses Jahr rein mental nicht. Daher, wie gesagt, werde ich das Beste aus Berlin machen. Nächstes Jahr dann, so Corona und andere miese Umstände es zulassen, Amsterdam.
Apropos das Beste aus etwas machen: dieses Plakat macht es ziemlich deutlich. Ich versuche immer das Beste aus einer Situation zu machen. Ich kann gar nicht anders. Gesund ist das nicht immer. Aber es nicht zu machen, ist mir nicht möglich. Und wenn es nicht funktioniert, dann habe ich es versucht. Vielleicht war das dann auch der Sinn dahinter. Nicht immer muss alles funktionieren. Dann ist es vielleicht etwas, von dem man lernen kann. Und wenn es nur Geduld ist.
Morgen noch ein weiterer Tag in Berlin, dann geht es zurück ins Ruhrgebiet. Es waren dann genug Tage mit Berlin, aber zu wenig Tage mit den Menschen, die ich hier so sehr mag. Ich gehörte nie zu denen, die unbedingt in Berlin leben wollten. Heute noch weniger, als früher.










