Tab(u)linum
Warburgs Staatstafeln sind mit der römischen Kanzleikultur verzahnt. Auf seinen Zetteln und in seinen Notizbüchern versäumt es Warburg selten, Schlussstriche zu ziehen, das heißt: seine Schreiben zu cancellieren. Die Signaturen fehlen häufig, fast immer, aber die Striche nur selten, sie kommen wie im Reflex. Warburgs Affinität ist zum Amt der Verwalter, Schreiber, Sekretäre und Protokollführer höher entwickelt als seine Affinität zum Amt des Schriftstellers, Autors und Verfassers.
2.
Es ist vielleicht umständlich, den Apparat der römischen Kanzleikultur studio- und bürokratisch zu nennen. Es ist aber auch wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass die graphischen Routinen in diesem Apparat mehr umfassen als Sprache, Schrift, Buchdruck und Computer. Sie haben daznoch eine andere Aufgabe, als das Dogma der großen Trennung zu bewahren oder einer 'Ausdifferenzierung gerecht' zu werden. Die graphischen Routinen reichen von Körpertechniken, in dem Sinne auch Choreographien, Gesten und Gebärden über Linien, die skribbeln, zeichnen und dabei zwar zuwenig von allem dem enthalten, was Schrift, Zahl und im engeren Sinne Bilder ausmacht, aber dafür umso besser geeignet scheinen, etwas neben dem Dogma der großen Trennung zu leisten. Das kann sein, was Eduardo Viveiros de Castro Faltung, Verdichtung, Irrisierung nennt: Vorgänge detailierter und mannigfaltiger Trennung, die nicht unter dem Erfordernis stehen, größer werden und Abstandnahmen sein zu müssen. Das kann ein Distanzschaffen sein, das Entfernung ersten involviert und zweitens in alle Richtungen skaliert, also Entfernung vergrößert oder verkleinert. Oder es sind Trennungen, die vorläufig, nicht 'vorsprünglich' sind, und insoweit keinen Take-Off behaupten. Das kann auch alles das sein, was Warburg an Polobjekten interessiert.
Solche graphischen Routinen kehren etwas. Sie protokollieren Austauschmanöver und Wanderungen oder operationalisieren eine Polarität, die sich durch den schwankenden Lauf der Dinge, die Warenströme, den Strom der Leute und den Wechsel der Jahreszeiten ergibt. Sie fassen, was dabei unterschiedlich dringlich und drängend ist. Sie messen den Überfluss und den Mangel, unterscheiden nicht zwischen dem Sein und dem Nichts, nicht zwischen Sein und Schein. Sie differenzieren, was ansteht und unterscheiden es von dem, was gerade zwar nicht ansteht, aber darum nicht falsch ist. Sie operationalisieren was entfernt, aber nicht weg ist, und bestimmen darin Maße. Solche graphischen Routinen sind vielleicht auch darum schwach darin entwickelt, etwas auszuschließen. Dafür sind sie stark darin, nichts vergebens zu wissen. Sie vergrößern und verkleinern Entfernungen. Sie schaffen auch Affinitäten, und das ebenfalls skalierbar: Was steht nah, was steht ferner?
Das tab(u)linum verhält sich schließlich quer zur Unterscheidung von Studio und Büro, von Sekretariat und Office, von Öfffentlichkeit und Privatheit, von Staat, Gesellschaft, Gemeinde, Familie oder Geschlecht, es verhält sich auch quer zu Unterscheidung zwischen Bild und Nichtbild. Es muss letztlich alles das auch erreichen.
2.
Der Apparat schwankt zwischen studiokratischen und bürokratischen Elementen, so wie er zwischen großen und kleinen Medien schwankt, solchen, die der Souveränität näher stehen und solchen, die dem Sekretariat näher stehen. Das gibt es Bereiche, in denen Sprache, Schrift, Buchdruck und Computer vielleicht nur noch verdünnt, dafür umso mehr Tabellen, Zettel, Akten, Listen und Kalender vorkommen.
3.
Die beiden Photos oben stammen aus einer Kanzleikultur, sie zeigen jenen Teil von Studio- und Bürokratie, in dem die souveränen Medien eher verdünnt werden. Das ist ein Sekretariat, aber es weist noch viel dem auf, was auch ein tab(u)linum ausmacht, das sich auch nicht durch eine große Trennung von Sprache und Stummheit, Sprache und Bild oder Bild und Schrift auszeichnet. Tabellarische und kalendarische Organisation, die geradezu unvermeidliche Rückwand, auf der amtliche und nichtamtliche Affinäten, Kalender und Tabellen, Bild und Schrift zusammen auftauchen. Es ist nahezu ausschließlich so, dass diese Wände immer demjenigen gehören, der mit dem Rücken zu ihnen sitzt. Ist es ein Raum mit zwei Stühlen und zwei Sekretären, schauen die Schreiber jeweils auf die Bilder, Schreiben, Skribbeleien, Kalender, Listen, Zettel und Tabellen des Kollegen. Das kann ein Nachteil sein. Aber es gibt hier ein modernes Polobjekt, den Drehstuhl. Man kann das 'tab(u)linum also so einrichten,dass man sich von der intensiven und aktuellen Arbeitsfläche wegdreht: entweder dem zu, was auch Privatheit und mehr Freizeit enthält oder aber wenigstens das ganze Jahr stabiler bleibt und mehr Übersicht liefert, als der Schreibtisch. Man kann mit dieser Drehung so eine Distanz schaffen, die eine Entfernung erhöht, die andere veringert. So findet man sich mit den Vor- und Nachteilen ab, die darin liegen, die eigene Wand im Rücken zu haben. Das ist ein Teil jener 'Severance', einer räumlichen und zeitlichen Aufteilung, deren Zuspitzung zur work-life-balance in der Serie Severance scharf, satirisch und absurd herausgearbeitet wurde.
Warburgschen Protokollen nach haben auch bei diesem Sekretariat Wechsel stattgefunden und die Antike lebt nach. Die Astrologien, Kalender und sogar die Sternbilder sind noch da, jetzt zeigen sie vielleicht keine Dekane, keinen Merkur oder Venus, aber immerhin Stars, in dem Fall: Leonardo di Caprio, auch so eine Affinität. Das Bild wurde von der Kollegin gemalt, mit der die Sekretärin ihre Zigarettenpause pflegt; die Affinität ist (wie wohl immer) nicht nur eine Doppelte, sie ist selbst Verdopplung.














