"Ich bin so ein Idiot", beschwere ich mich über mich selbst. Rolle die Augen, schaue mich verachtend, lache, habe Verständnis, schüttele mit dem Kopf und schließe mich kurz mit dem was war und ist. Er weiß, dass er gar keine Fragen mehr stellen muss, sondern ich gleich anfangen werde von mir zu erzählen.
Ich erspare mir die Aussage ich sei so absolut bescheuert, schließe kurz die Augen und beruhige mich innerlich, um die Sache leidenschaftslos betrachten zu können.
"Ich habe es eben geschafft eine Art Projektplan für... nicht mein Leben, aber zumindest den unumgänglichen Teil namens Diplomarbeit zu schreiben. Das Feld von hinten aufgerollt: Späteste Abgabe, angestrebte Abgabe, späteste Fertigstellung, finale Besprechung mit dem Prof., Fertigstellung des Erstentwurfes. Dazwischen jeweils ausreichende Pufferzonen, so dass es im Zweifelsfall auf ein oder zwei Wochen mehr auch nicht ankommt und ich just in time liege, beziehungsweise dann immer noch mal eine Woche "Panic Days" hätte, in denen ich alles zusammenzimmern kann."
Ich zeichne Linien auf dem Papier. "Dann bin ich knappe drei Monate zurück zum heutigen Tag gegangen und habe geschaut, was ich denn alles noch erledigen muss, um zur Fertigstellung des Erstentwurfes zu gelangen. Die einzelnen Punkte notiert und dann in einer Erst-Prioritisierung angeordnet, so dass ich - wenn alles klappt - mehr als anderthalb Monate zum Schreiben habe, beziehungsweise alles, was so anfällt. Auswertungsverzögerungen, Theory Wars usw., hatte ich erst Angst, dass mir die Zeit davon rennt."
Die Linien verbinden und kreuzen sich. "Während ich mir also den Zeitstrahl mit den angestrebten Zeitfenstern aufgemalt habe, fragte ich mich: "Junge, was hast du eigentlich die ganze restliche Zeit gemacht, du Volltrottel?!" Ich meine, der Projektplan hat mich keine einzige Stunde gekostet und ich habe über ein Jahr verschwendet, um an diesen Punkt zu gelangen und mich mal fokussiert hinzusetzen und meine Angst zu überwinden."
Ich weiß, dass er wieder mehr Rücksicht und Verständnis übrig hat als ich für mich selbst. Dass ich mich in der Zeit entwickelt hätte, gereift wäre und ich ja nicht nur auf dem Boden lag und blutete. Und selbst wenn, dass es okay gewesen wäre und ist. Ich seufze.
"Jedenfalls habe ich mir dann noch einen regulären Tagesplan gemacht, was insofern witzig ist, weil die Eisprinzessin Mr. X mal dafür ausgelacht hat, dass er, der ja ursprünglich so spontan schien, für alles einen Zeitplan hatte. Gut, sie schien auch mal kompetent, professionell und erwachsen", komme ich vom Thema ab, "aber lassen wir das.
Das heißt also, dass ich jetzt klare Aufsteh-, Mittags- und Schlafenszeiten habe oder zumindest anstrebe. Der Knackpunkt an der Sache wird ohne Frage mein eigener Körper, werde ich ihm konstant etwas abverlangen und muss er dafür zügig adaptieren. Wenn ich die Mahlzeiten und PowerNaps, die ich in meinen Tagesablauf integrieren will, aber so einhalte, wie ich mir das vorstelle, sollte es kein größeres Problem werden. Und wenn ich mich dazu noch mehr bewege und unter Menschen begebe... Selbstläufer", nippe ich an meiner Tasse.
"Das glaubst du doch selbst nicht, oder", spielt er den Advocatus Diaboli, der mir sonst immer inne wohnt. Ein Hauch Irritation umspült mich, aber trete ich zur Seite und nehme den Fokus wieder in den Blick. "Doch", nicke ich. "Ich muss nur das entscheidende Maß an Selbstdisziplin gewinnen. Meine Ordnung und Struktur verbessern und alle möglichen Störvariablen beiseite räumen. Eine klare Sichtlinie zwischen mir und dem Ziel bilden. One shot, one kill. Ich kriege das ja problemlos hin: Ein gutes Gespräch - one shot, one kill. Irgendwelche privat motivierten Texte - one shot, one kill. Guter Sex - one shot, one kill. Das sind ja alles Sachen, in denen ich diesen absolut göttlichen Fokus in mir trage. Jetzt gilt es eben ihn auf die ätzende Diplomarbeit übertragen. Ich frage mich übrigens, wer so eine sterile Bibliothek konstruiert hat. Du kannst nichts zu trinken mit rein nehmen, keine Fenster öffnen, es ist alles so kalt und hart. Ich würde eine weitaus organischere Umgebung bevorzugen. Mal schauen, je nach Rahmenbedingungen kann ich ja entsprechend adaptieren. Der Sommer ist ja leider so gut wie vorbei", beiße ich mir auf die Unterlippe.
"Anyway", schließe ich meine Ausführungen, "sobald ich den entscheidenden Sprung zur Ordnung geschafft habe, wird das ganze Ding ein Selbstläufer. An diesem Schritt muss ich jetzt die kommenden ein, zwei, drei Tage arbeiten und entsprechend Zeit und Geld investieren."