Mindestens 1979 bis 1983, sicher an beiden Enden länger
In der Ecke stehen
Ein Mitschüler wohnt mit Eltern und Geschwistern in einer relativ engen Wohnung. Die Familie hat keins der gewohnten Festnetztelefone, sondern einen fest montierten Wandapparat in der Wohnküche. Das spart nicht unerheblich Platz ein und ist insofern vernünftig, aber es liegt in der Natur der Dinge, dass die Familienmitglieder – besonders die drei halbwüchsigen Kinder – nicht alle Telefongespräche coram publico in der Wohnküche führen möchten.
Wenn man das (ursprünglich) gewendelte Hörerkabel so lang wie möglich und strikt waagerecht zerrt, reicht es immerhin bis ins Wohnzimmer, wo die Chance auf privacy zwar auch begrenzt ist, aber besser als nebenan. Man kann den Hörer in Brusthöhe durch die Türöffnung ziehen und die Türe recht und schlecht zumachen. Dann sind allerdings nur wenige Zentimeter Kabel im Wohnzimmer, und die telefonierende Person muss sich in einer höchst unbequemen, uneleganten und wenig würdevollen Neandertalerhaltung in die Raumecke quetschen. Da diese Art des Telefonierens mehrmals täglich praktiziert wird, sieht das Hörerkabel natürlich grausig aus. Ich kenne die Familie nicht gut genug, um mitzubekommen, ob und wie oft das Kabel durch das Türspaltquetschen übern Jordan geht. Das Telefon ist – wie praktisch alle Telefone in Deutschland zu der Zeit – Eigentum der Deutschen Bundespost, eigene Reparaturen sind unzulässig und (zumindest in der Theorie) durch plombierte Gehäuseschrauben unmöglich. Reparaturen durch den Servicetechniker sind zwar kostenlos, dafür muss man allerdings bei so offensichtlichem Eigenverschulden damit rechnen, vom Monteur beschimpft zu werden.
Ich habe die drei Kinder der Familie seit Jahrzehnten nicht gesehen. Ob sie wohl alle in gleicher Weise schief gebeugt daherkommen?
(Tilman Otter)











