The Brown Sisters / Nicholas Nixon
Schon vor einiger Zeit habe ich angekündigt, dass ich noch über eine Ausstellung schreiben wollte, die ich besucht hatte. Das muss ich nun natürlich endlich in die Tat umsetzen.
Die Ausstellung trägt den Titel “The Brown Sisters”. Gezeigt werden Bilder von Nicholas Nixon, hauptsächlich eine Serie von inzwischen vierzig Bildern, die er in den letzten vierzig Jahren geschossen hat. Auch andere Fotos von Nicholas Nixon sind zu sehen, aber die Serie über die Brown-Schwestern ist der bekannteste und interessanteste Part. Nicholas Nixon fotografiert seine Frau und ihre drei Schwestern, seit vierzig Jahren, jedes Jahr ein Foto. Die Schwestern stehen immer in der gleichen Reihenfolge nebeneinander. Das erste Foto entstand 1975, die Schwestern waren damals zwischen 15 und 25 Jahre alt. Das letzte Foto ist aus dem letzten Jahr, die Frauen dementsprechend inzwischen vierzig Jahre älter.
Schon seit ich das erste Mal - vor einigen Jahren - von diesem Projekt gehört hatte, haben mich die Bilder fasziniert. Umso schöner, dass die Pinakothek der Moderne in München sie noch bis zum 5. Juli zeigt.
Fakten gibt es über die Bilderserie - soweit ich es weiß - nur wenig zu berichten. Es werden jeweils mehrere Fotos geschossen, die Frauen suchen gemeinsam aus, welches Bild veröffentlicht wird. Die Bilder werden im immer gleichen Format belichtet.
Was es darüber hinaus über die Fotografien zu sagen gibt, ist, dass sie unheimlich faszinieren und im Kopf - zumindest in meinem - einen Berg von Vorstellungen, Interpretationen und Fragen gebären. Man meint, Dinge zu erkennen: Diese zwei Schwestern stehen eng beieinander, jene eher etwas distanziert zueinander - inwiefern spiegelt das die wirklichen Beziehungen wieder? Wie hat sich das Zueinander im Vergleich zum Vorjahr oder folgenden Jahr verändert? Mal steht die eine Schwester prominenter im Vordergrund, mal ist sie eher im Hintergrund. Auf einigen Bildern sieht man Umarmungen, auf anderen nicht. Nicht zuletzt ist es spannend, in den Gesichtern auf Spurensuche zu gehen. In manchem Jahr scheint die eine Schwester mehr gealtert zu sein, mal sieht eine der Frauen gar wieder etwas jünger aus. Obwohl ich mir die ganze Zeit über bewusst war, dass es sich um Momentaufnahmen handelt, versuchte ich doch, alles mögliche in die Bilder hineinzuinterpretieren. Man vergleicht zwei Jahre miteinander, man sieht sich die ersten und die letzten Bilder an. Dann wieder schaut man, wie sich die Schwestern im Ablauf von fünf Jahren verändert haben, oder in zehn Jahren.
Man meint, einen Einblick in das Leben der vier Frauen zu bekommen. Sie etwas kennenzulernen. Dabei sieht man einfach nur vierzig Fotos von Ihnen.
Die Hauptfrage, die ich beim Betrachten der Bilder unablässig im Kopf hatte war: Was von dem, was ich in den Bildern zu sehen denke, ist wirklich so? Und was nicht? Verstehen sich diese zwei Schwestern tatsächlich besser miteinander als mit den anderen beiden? Diese Schwester wirkt stärker gealtert, hatte sie vielleicht ein schweres Jahr hinter sich - oder täuscht der Eindruck? Ich weiß nicht, ob - und wenn ja, wie stark - sich die Frauen vor dem jeweiligen Foto absprechen, was sie anziehen, wie sie in die Kamera blicken, wie sie sich hinstellen.
Was ich die Schwestern auch gerne fragen würde: Wie ist es, so bekannt zu sein? Ein Privatmensch zu sein, von dem aber doch jedes Jahr ein Bild in der Öffentlichkeit erscheint? Ob sie häufig erkannt werden? Angesprochen werden? Oder ist der Bekanntheitsgrad dann doch nicht so hoch?
Nicht zuletzt habe ich auch an die Fortsetzung der Serie gedacht. Die älteste der Schwestern ist inzwischen 65 Jahre alt. Irgendwann wird es die erste Lücke geben. Falls die Serie dann noch fortgesetzt wird. Ich hoffe, dass es noch viele Fotos geben wird.