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Auf dem Weg zu einem Treffen im Haus des Buches komme ich am Schauspielhaus Frankfurt vorbei. An der Fassade wird in Großbuchstaben verkündet, dass der Countdown läuft. Mit jedem Tag nähert sich die Stadt einen Schritt mehr dem Beginn der neuen Theatersaison.
Einige Sekunden lang denke ich noch: das haben sie aber schön und spannend gemacht, da am Schauspielhaus, aber dann wird mir plötzlich bewusst, dass der Countdown für uns, das Gastland Flandern & die Niederlande besonders toll ist. Die neue Spielzeit wird nämlich mit der Erstaufführung von „Königin Lear", dem Stück von Tom Lanoye eröffnet werden.
Ich kehre um. In einem Schaukasten des Theaters fällt mir sofort das Plakat von „Königin Lear" auf. Das Plakat-Foto von Lukas Gansterer ist stark.
Elisabeth Lear betrachtet sich selbst im Spiegel, scheint nur mit sich selbst beschäftigt, zieht aber genau dadurch die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Ich versuche dahinter zu kommen, was in dem Blick dieser Frau zu lesen ist, die schon seit Jahrzehnten mit eiserner Hand einen multinationalen Konzern leitet, aber nun allmählich die Macht an ihre drei Söhne übertragen will. Auf dem Foto scheint sie müde zu sein, gelassen, auch misstrauisch. Der Blick der Star-Schauspielerin Josefin Platt ist alles andere als eindeutig. Ich schaue kurz weg, um dann erneut darauf schauen zu können, anders.
Auf einmal fällt mir auf, dass Frankfurt der perfekte Ort für dieses Stück ist. Im Glas des Schaukastens spiegelt sich ein Wolkenkratzer von Deutschlands Finanzzentrum hinter mir wieder. Ich versuche, Frau Lear und die Stadt auf ein einziges Foto zu bannen.
Auf dem Hauptplatz der Frankfurter Buchmesse steht das Lesezelt, ein belgischer Tanzpalast aus dem Beginn des vorigen Jahrhunderts. In dieser Atmosphäre werden Schriftsteller interviewt und finden Lesungen statt.
Vor zwei Jahren kam ich gerade aus so einer Lesung. Ich war in Gedanken noch ganz bei der Geschichte, die ich gehört hatte, als mich ein junger Mann mit einem strahlend weißen Lächeln und einem ebensolchen Hemd ansprach. Er gehörte zu einem futuristisch anmutenden Bauwerk, das eines der größten Elektronikunternehmen der Welt dort aufgestellt hatte. Er fragte mich, ob ich schon einmal länger als zwei Minuten unter Wasser geblieben sei.
Ich musste mich auf einen Hocker setzen, bekam eine VR-Brille aufgesetzt und tauchte sofort unter Wasser. In welche Richtung ich auch schaute, überall war Meer. Ab und zu schoss eine Gruppe glitzernder kleiner Fische vorbei, und als Finale glitt ein richtiger Pottwal unter mir her. Es war beeindruckend, keine Frage, aber es schien, als sei ein „Wow“ das einzige Ziel dieser Erfahrung. Dieser Ausruf wurde auch von mir erwartet, als ich wieder mit dem Kopf über Wasser kam und die Brille zurückgab. Ich bedankte mich bei dem jungen Mann, ging zurück zu dem Mini-Stand, den wir als zukünftiger Ehrengast in Halle 5 hatten, und machte mich wieder an die Arbeit.
Einige Wochen später war ein erstes Treffen geplant, bei dem es darum gehen sollte, wie wir Virtual Reality in unseren Ehrengast-Auftritt einbringen könnten. Die Fachleute am Tisch befassten sich nicht mit „Wow“: Man tauschte sich darüber aus, dass Literatur und Virtual Reality irgendwie nicht zueinander finden, obwohl sie doch beide etwas Schönes mit unserem Gehirn anstellen. Der Wal schwamm zu weit weg vom Lesezelt, sozusagen. Der nächste Schritt wurde bewusst in Angriff genommen: VR-Künstler trafen sich mit Schriftstellern und Lyrikern, und verschiedene Projekte wurden realisiert. Im Oktober wird es nicht weniger als fünf VR-Installationen geben. Und was Sie erleben werden, ist viel mehr, als mal kurz mit dem Kopf unter Wasser zu tauchen.
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