Da stehe ich, mit weit ausgebreiteten Armen.
S. schaut mit mir zusammen in den Spiegel. Sie öffnet das Fenster, um das Tageslicht hereinzulassen. Sie findet es wichtig, dass ich mich selbst sehe, wie ich da stehe. Sie hält lange einen unbewegten Gesichtsausdruck durch, ohne eine Meinungsäußerung durchblicken zu lassen, aber nach all den Jahren habe ich den Verdacht, dass ihre linke oder rechte Augenbraue immer verrät, was sie denkt. Sie hat wohlgeformte Augenbrauen. S. hat schon früher bei mir Maß genommen für den richtigen Anzug für besondere Gelegenheiten.
V. ist in der Nähe. Wenn sie mich anschaut, denke ich immer, dass sie nicht nur schaut, sondern auch vergleicht: Wie ist das Verhältnis von rauer Schale/weichem Kern. Ihr Mann ist der sanfteste Rocker, den ich kenne. Mit V. spreche ich manchmal darüber, wem wir ähneln, wer wir sind.
Und da ist M., die so einen entwaffnenden, trockenen Humor hat. Sie sagt, dass ich meinen Atem anhalten solle und vor allem stillstehen. Sie hat noch genug Näharbeiten zu erledigen. Sie steckt meine Hose ab und hält ihre Frage ein paar Sekunden zurück. Sie macht zuerst ihren Job, und zwar perfekt. Dann die Frage: Wie es denn so sei, auf der Frankfurter Buchmesse.
Ich stehe zwischen drei völlig unterschiedlichen Frauen und ich möchte gern auf M.s Frage antworten. Ich bleibe stecken, wie mein ganzer Körper, die Arme ein Stückchen weit von mir weg gestreckt. Wie könnte ich die Frankfurter Buchmesse darstellen, bis in die Fingerspitzen? Gerne möchte ich den Inhalt des kompletten Programmbuchs erklären, das in den letzten zweieinhalb Jahren entstanden ist, aber wo soll ich anfangen, vielleicht mich auf den Boden legen und einen Schnee-Engel machen, ohne Schnee? Selbst dann würde M. nicht genau verstehen, was ich meine.
Als ich vor zweieinhalb Jahren hörte, dass der Ehrengast-Auftritt ein großes Projekt sei, konnte ich mir schon etwas darunter vorstellen. Aber inzwischen merke ich, wie relativ ein Wort ist. Groß ist ein Format, eine Länge, eine Breite, eine Zeit.
Ich lasse M. den Anzug abstecken, dann sitzt er gut. Schöner Anfang. Und jetzt dem Inhalt entgegen.
(Nach zweiunddreißig Wochen war dies mein letzter Blog. Ich hoffe, Sie in Frankfurt zu sehen, oder später dann einmal irgendwo anders.)
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