Waleria
Tilg deine Schuld und du erhältst Erlösung. Drohend klafften die Worte blutverschmiert auf der Seidentapete. Ein Schreck durchzuckte die Glieder, als der Blick auf den Diwan fiel. Mit wenigen Schritten durchquerte der Mann den Salon und grub sogleich die langen Finger in kühle Haut. Wie eine Porzellanvase ruhte das regungslose Antlitz zwischen den Händen. Die einstige Makellosigkeit war dahin, Rinnsale verdarben die Reinheit. »Waleria?«, pressten die Lippen verunsichert hervor. Eine Antwort blieb aus, stattdessen umschlungen die kräftigen Arme den leblosen Leib. Der ebenholzfarbene Schopf ergoss sich über die Schulter des Mannes, während er mit festen Griff die Frau forttrug.
Obwohl die Venen von einer Unruhe überschwemmt wurden, verlangsamte sich der Herzschlag. Er wusste, dass es unklug war, dem Fluchtinstinkt die Kontrolle zu überlassen. Gar stoisch schritt Zygmund durch den holzvertäfelten Flur, immer den Blick geradeaus gerichtet. Ein unheilvolles Klicken durchbrach den Klang der Schritte. Unausweichlich durchstießen die Kugeln das pulsierende Fleisch und mitgerissene Teilchen besprenkelten den polierten Holzboden. Im selben Augenblick verließ jede Kraft die Arme und dumpf schlug der weibliche Körper auf den Boden, wenige Momente später folgte Zygmunds Leib.
Schlurfende Schritte näherten sich. Der Mann wandte sich indessen auf dem Boden, versuchte, seine Muskeln zu mobilisieren, doch starre Krämpfe beherrschten die Fasern mit eiserner Hand. Drohend warf sich ein Schatten über Zygmund. Unsanft wurde der versehrte Leib auf den Rücken gedreht und ein überraschter Ausdruck legte sich auf die Mimik des Mannes. Mit weitaufgerissenen Augen beobachtete jener, wie sich nach und nach ein schauriger Schatten zu ihm hinabbog.
Er glaubte die grässlichen Klauen schon auf seiner Haut spüren zu können. Doch ruckartig verebbte die Bewegung des Angreifers. Ein abscheuliches, immer lauter werdendes Gurgeln drang aus dem Brustkorb des Fremden, während die Hände augenblicklich hinaufschnellten und den Hals umfassten. Blinzelnd kehrte Zygmund das Gesicht ab, hob die Hände schützend hoch, denn warme Flüssigkeit spritze auf ihn hinab. Wie ein nasser Ball fiel der abgetrennte Kopf schließlich vom Rumpf, woraufhin der restliche Körper in sich zusammensackte.
Jemand ergriff sanft die schützenden Hände, und nur widerwillig drehte Zygmund den Kopf. Verstört musterten seine Augen die feinen Züge. Sie waren ihm ebenso vertraut wie der Duft, der von dem Menschen ausging. Als sie sich zu ihm hinabbeugte, floss das dunkle Ebenholz über ihre Schultern. Noch bevor die Lungen ein weiteres Mal die lebensnotwendige Luft aufnehmen konnten, legten sich zarte Lippen auf Zygmunds. Der Geschmack von Ambrosia erfüllte seinen Mund, gefolgt von einer wohligen Wärme, die sich Stück für Stück immer weiter in seinem Leib ausbreitete, ihn beruhigte.
Schließlich verklangen ihre Herzschläge in der tiefen Nacht.
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