Gipfelstürmer mit Herz
(English: "Mountain top stormer with heart")
A young German journalist named Tobias Fischer who also runs the music site tofaki.com called me the other day and ask me a couple of questions for German music tech magazine Beat. I told him old stories for like 2 hours. This is what it turned into:
Ursprünglich zog Robert Raths zum Architekturstudium nach London. Doch schon bald erwies sich seine Leidenschaft für Musik als stärker. „Erased Tapes“ war zunächst nicht mehr als ein Visitenkarten-Name für seine unermüdlichen Bemühungen, der Welt vielversprechende junge Künstler nahe zu bringen. Doch schon bald wurde mehr daraus – viel mehr sogar, denn heute ist Raths Firma ein ausgewachsenes Label, dessen Fühler sich über die ganze Welt erstrecken. Von Folk und Post Rock bis hin zum Klassik-Elektronik-Crossover und Techno reicht das musikalische Spektrum und Neues zu wagen gilt hier als Tugend. Und trotz seines offensichtlichen Erfolges hasst Raths noch immer nichts mehr, als wie ein Plattenboss zu klingen.
Ein Bild. „At the end of music, all happiness will be erased“ steht darauf, mit schnörkelloser Schrift in den Himmel geschrieben. Darunter: Ein Berg, die Flanken mit Eis bedeckt, der schroffe Stein von regenbogenfarbigem Licht durchkreuzt. Es ist das Cover der zweiten „Erased Tapes Collection“ und das Motiv kann sinnbildlich verstanden werden. Denn tatsächlich hat das Label stolze Höhen erklommen und in den ersten drei Jahren seines Daseins mehr erreicht als manch andere in ihrer gesamten Geschichte: Erased-Tapes-Veröffentlichungen sind heute praktisch weltweit erhältlich, werden mit schöner Regelmäßigkeit in den maßgeblichen Online- und Printzeitschriften abgefeiert und finden trotz angeblicher Krise immer mehr Käufer. Ohne teure Werbekampagnen ist man zu einer der wenigen Plattenfirmen aufgestiegen, die in Zeiten zunehmender Nischenbildung noch ein eigenes Gesicht, den Mut zur ständigen Selbsterneuerung und vor allem eine unverkennbare Stimme besitzen. Seinen ersten 10.000er hat Gründer Robert Raths also sozusagen bereits bestiegen. Doch wohin geht die Reise von hier aus?
Gerade ist Raths in seiner Londoner Wohnung und fühlt sich ganz und gar nicht auf dem Gipfel. Gestern war er mit einer seiner Bands auf einem Konzert, ist bis zum Schluss geblieben und hat sich die Stimme heiser geredet. Trotzdem ist er bester Dinge, trinkt mehrere Tassen Kaffee und will unbedingt so viel wie möglich über die derzeit angesagten Bands in Deutschland erfahren. Denn obwohl er sich in seiner neuen Wahlheimat überaus wohl fühlt, überrascht er seine internationalen Freunde unterwegs gerne damit, wie kreativ die Szene seines Geburtslands ist: „The Notwist sind im Tourbus immer ganz groß. Ich war schon fast ein bisschen stolz, als ich Leuten wie Ólafur Arnalds und Kyte, die noch nie von der Band gehört haben, 'Neon Golden' vorspielte und sie auf Anhieb mitgesungen haben. Sie waren dann sehr verblüfft, als ich ihnen erzählte, dass die aus Bayern kommen.“ Gelegenheiten, sich über das Thema auszutauschen gibt es gerade genug, denn seit ein paar Monaten klopfen vermehrt deutsche Medienvertreter bei ihm mit Interviewanfragen an. Und nicht immer sind das nur die üblichen Verdächtigen. Eine Woche vor unserem Telefonat hat Raths mit den Vertretern der Jazzthetik gesprochen – ein gewagter stilistischer Sprung, der aber angesichts des eklektischen Geschmacks von Erased Tapes durchaus Sinn macht.
Tradition und Gegenentwurf
Es ist nicht schwer zu erraten, weswegen Raths zur Zeit ein so gefragter Gesprächspartner ist. Mit ansteckender Begeisterung und bedingungslosem Einsatz ist es ihm gelungen, in Zeiten rapide sinkender Absatzzahlen im Kerngeschäft der Plattenindustrie nicht nur einen kompletten Gegenentwurf zu den üblichen Branchengesetzen zu formulieren sondern ihn außerdem noch mit Erfolg auf dem Markt zu etablieren. Erased Tapes fällt sofort durch seinen wunderbar eigensinnigen Katalog auf, in dem der euphorische Post-Rock von Codes In The Clouds neben dem futuristisch knarzenden Elektro-Funk von Ryan Wests Rival Consoles steht, die klassisch angehauchten Kompositionen des Isländers Ólafur Arnalds mit der zerbrechlich triumphierenden Impro-Klassik des Berliners Nils Frahm kontrastieren und der feinsinnige Post-Folk von Peter Broderick aus Portland mit den Club-Tunes der Techno-Supergroup Kiasmos kollidiert. All das kann man nun nachhören auf der bereits angesprochenen „Erased Tapes Collection“ und einen vielseitigeren, ungewöhnlicheren und dabei dennoch stimmigeren Label-Sampler wird man dieses Jahr wohl vergeblich suchen. Dabei hat Raths das Geschäft nicht neu erfunden. Man könnte sogar mit Fug und Recht behaupten, dass seine Geisteskind durch eine Kombination aus eher traditionellen Zutaten gewachsen ist: Zeitlose Musik, ambitionierte Künstler, endlose Konzert-Reisen und optisch ansprechende Produkte. Natürlich sind ihm die Methoden des digitalen Zeitalters nicht fremd: Bevor Arnalds „Found Songs“ offiziell erschien, stellte er eine Woche lang jeden Tag einen neuen Song kostenlos online – und verführte selbst notorische „Free Culture“-Fanatiker anschließend zum Kauf der Scheibe. Wie selbstverständlich sind alle Alben grundsätzlich auch in digitalen Formaten erhältlich und der aktuelle Sampler ist sowohl umsonst in niedriger Audio-Qualität, als auch als in einer kostenpflichtigen, hochauflösenden Version erhältlich. Doch das Kerngeschäft sind die eigentlich längst totgesagten Formate: CDs und LPs, grundsätzlich liebevoll gestaltet und aufwendig produziert (man schaue sich dafür nur die atemberaubend detaillierte Innenseite des Klappcovers von Nils Frahms' „Wintermusik“ an).
Nicht nur für die visuelle Präsentation ist Raths, der nicht als aufstrebender Plattenboss sondern zum Architekturstudium nach England zog, selbst zuständig. In den ersten Jahren hat er sogar praktisch alles selbst gemacht, dabei in drei bis vier Zeitzonen gleichzeitig gelebt und sich als Vertriebler Vertreiber?, Marketingchef, Tourmanager und künstlerischer Berater betätigt. Noch heute gilt das Versprechen, dass er jede Gruppe, die ihn darum bittet, auf ihrer ersten Tournee begleitet und wann immer sich die Gelegenheit ergibt, schaut er auch immer wieder gerne bei Auftritten bereits etablierter Acts vorbei. Erased Tapes ist, ohne es groß aussprechen oder sich damit brüsten zu müssen, eine Familie und wie ein Vater sorgt sich Raths um das Wohl und Weh seiner Schützlinge. Wenn Unsicherheit in kreativen Aspekten besteht, macht er Verbesserungsvorschläge. Wenn Organisationstalent gefragt ist, greift er zum Hörer. Und wenn eine noch junge Band enttäuscht ist über geringe Ticketverkäufe, gilt es, die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Bei diesem permanenten Multi-Tasking besteht natürlich stets die Gefahr, nicht mehr mitzuhalten zu können: „Es gibt eine natürliche Wachstumsgrenze und auf die stoße ich jedes Mal. Ich habe von Anfang an mehr aufgenommen, als ich tragen konnte. Ich bin halt nicht der Typ, der um fünf Uhr den Hammer fallen lässt. Ich war immer sehr ambitioniert und habe gesagt, dass ich nach ein paar Jahren auch Leute mit an Bord nehmen möchte.“ Jetzt aber, da Erased Tapes den Sprung in die erste Label-Bundesliga geschafft hat, fühlt es sich plötzlich vollkommen natürlich an, Vorstellungsgespräche zu führen und den ersten Praktikanten einzustellen.
Dabei fühlt Raths natürlich gerade mit den Rückschlägen seiner Bands mit. In gewisser Hinsicht war Erased Tapes der Versuch, übersehenen Künstlern eine Plattform zu bieten und sie für ihre kreative Leistung wieder angemessen zu kompensieren. Gerade deswegen kam für ihn nie in Frage, ein sogenanntes Boutique-Label zu eröffnen, bei dem die Auflagen klein und limitiert, die finanziellen Mittel gering und die Aussicht, davon den Lebensunterhalt bestreiten zu können, gleich Null gewesen wären. Sich mit pragmatischen Nebenjobs über Wasser zu halten käme für ihn deshalb nie in Frage: „Ich werde sehr emotional, wenn es ums Business geht. Ich möchte wirklich, dass der Künstler ein gewisses Selbstbewusstsein beibehält. Es ist teilweise fürchterlich mit anzusehen, wie Künstler heute behandelt werden. Das Kaufen von Alben gehört für mich zu der Beziehung zwischen Kreativen und Hörern dazu. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass die auf Erased Tapes vertretenen Gruppen nebenbei im Call-Center telefonieren - ich möchte, dass der Musiker das Gefühl hat, dass er das tun kann, was seine Bestimmung ist. Deswegen war es für mich beim Label-Aufbau wichtig, dass es für den Künstler nicht so aussieht, als sei alles ein Schlaraffenland und alles nur schöne Kunst. Sondern es ging mir auch echt darum, wirtschaftlich etwas zu etablieren, was mich und den Künstler in eine Position bringt, in der wir auf lange Sicht Musik produzieren können.“
Nun sieht so manches rückblickend bedeutend einfacher aus, als es in Wahrheit war. Und auch Robert Raths fragt sich manchmal, worin genau seine Leistung bestand und ob „die Dinge nicht ohnehin von selbst gelaufen wären“. Doch steht unumstritten fest, dass er ein untrügliches Gespür für die richtigen Acts zum richtigen Zeitpunkt hatte. Als er mit Ryan West aus Leicester Kontakt aufnahm, hatte sich noch niemand für seine Musik interessiert und hatte West nicht viel mehr aufzuweisen als einen MySpace Account. Raths bot eine Veröffentlichung an und landete direkt mit der „Vemeer“-Single (noch unter dem alten Projektnamen Aparatec) und der „The Decadent“ EP zwei Volltreffer. Ólafur Arnalds schien andersherum bereits kontraktuell verpflichtet, als Raths seine Musik entdeckte und sich Hals über Kopf in sie verliebte – zu einem Zeitpunkt, als Arnalds als Solo-Künstler noch gänzlich unbekannt war und sich vor allem durch seine Hardcore-Projekte und als gelegentlicher Streichorchester-Arrangeur einen Namen gemacht hatte. Für Raths stand allerdings fest: „Das ist einer von uns, der muss mit aufs Label!“ Er schrieb ihn schließlich ganz unverbindlich an, bestellte ein T-Shirt und erfuhr, dass der Isländer zwar in der Tat einen Vertrag besaß, aber noch nicht ganz zufrieden damit war. So kam es schließlich dazu, dass „Eulogy for Evolution“ auf Erased Tapes erschien und sich rasch zu einem weltweiten Überraschungserfolg entwickelte.
Die Basis für diese Entscheidungen ist nicht so sehr persönlicher Geschmack - „das klingt zu sehr nach etwas was eingestanzt ist und mein Geschmack kann sich ja auch ändern“ - sondern vielmehr das Gefühl, etwas Neues zu wagen, das einen inspiriert, den eigenen Horizont zu erweitern. „Dieser Aspekt des „Neuen“ gilt dabei nur für mich persönlich. Es kann sein, dass jemand da draußen das schon vor zehn Jahren gemacht hat. Aber für das Label geht es darum, dass man zum richtigen Zeitpunkt etwas macht, was uns voran bringt.“ So bleibt Raths immer am Ball und vermeidet es geflissentlich, dass sich sein Unternehmen festfährt. Bei manchen Themen fällt ihm selbst auf, „dass ich jetzt wie ein Label-Boss klinge“ - und es gefällt ihm nicht. Gleichzeitig ist er bereits dabei, den nächsten kreativen und geschäftlichen Schub vorzubereiten und allzu dogmatische Vorstellungen davon, wofür Erased Tapes steht, aufs Neue zu widerlegen. Natürlich ist das gelegentlich eine durchaus nicht ungefährliche Gratwanderung. Doch hat sich das Wagnis bislang immer gelohnt: ohne sein Label wäre die Musiklandschaft tatsächlich um ein Quentchen Glück ärmer.
http://www.myspace.com/erasedtapes
„Es ist teilweise fürchterlich mit anzusehen, wie Künstler heute behandelt werden. Ich möchte, dass der Musiker das Gefühl hat, dass er das tun kann, was seine Bestimmung ist.“
„Es kann sein, dass jemand da draußen das schon vor zehn Jahren gemacht hat. Aber für das Label geht es darum, das man zum richtigen Zeitpunkt etwas macht, was uns voran bringt.“
„Erased Tapes ist durch eine Kombination aus eher traditionellen Zutaten gewachsen: Zeitlose Musik, ambitionierte Künstler, endlose Konzert-Reisen und optisch ansprechende Produkte.“
„Der in London lebende Robert Raths freut sich darüber, den internationalen Künstlern auf seinem Label die kreative Musikszene seiner deutschen Heimat nahe zu bringen.“
Aktuelle Veröffentlichungen:
V.A.: „Erased Tapes Collection II“
Ólafur Arnalds: „Dyad 1909“
Nils Frahm: „Wintermusik“