Tag 197 / Übersinnlicher Samstag
Bei meinem ersten Selbsthilfegruppenbesuch konnte ich mich nur vorstellen mit „Ich heiße Agatha“. Dass ich Alkoholikerin bin, wollte ich nicht sagen, weil ich das nicht so empfand.
Bei meiner Entgiftung Monate zuvor, gab ich zu, ein „Alkoholproblem“ zu haben. Alkoholiker waren die anderen, die sich nicht wie ich manchmal gut und manchmal weniger gut nach „Trinkplan“ kontrolliert besaufen konnten. Schon vor der Entgiftung, im Frühsommer 2014 sagte mir eine DBT-Therapeutin nach dem Vorgespräch: „Sie müssen die Sucht in den Griff bekommen. Sonst kann ich Sie nicht behandeln.“ Zur Jahreswende 2014/15 (immer noch mehr oder weniger kontrolliert trinkend) ging ein Mitarbeiter einer psychiatrischen Tagesklinik mit mir am Telefon einen Fragebogen durch. Meine Suchtproblematik war das Ausschlusskriterium für die Aufnahme.
Die Sucht und der Alkohol standen mir immer im Weg, wenn ich etwas für meine psychische Gesundheit tun wollte.
Irgendwann - ungefähr zehn Monate, nachdem ich das erste Mal erfolglos eine langfristige Trinkpause eingeläutet hatte - kapitulierte ich. Ich konnte endlich für mich annehmen, dass ich wohl doch alkoholkrank, suchtkrank, Alkoholikerin bin und dass es keinen Sinn mehr macht, „Kontrolliertes Trinken“ zu versuchen. Dann wuchs auch ziemlich rasch der Wunsch und die Einsicht, eine Alkoholentwöhnung zu brauchen. Entgiftet war ich ja schon mal 15 Tage lang und trank danach trotzdem weiter.
Jetzt bin ich also als krankheitseinsichtige Alkoholikerin in dieser medizinischen Reha zur Entwöhnungstherapie in der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen. Alle Patienten, die mit mir hier in diesem Gebäude sind, haben eine Suchterkrankung. Glücksspiel, THC, Amphetamine, MDMA, Medikamente... Alkohol. Und nach über vier Wochen Therapiezeit frage ich mich immer noch „Wann geht’s hier eigentlich mal um die Sucht? Wann sprechen wir über Alkoholismus wie ich das von der Vorbereitungsgruppe (der ambulanten, nicht angetretenen Reha) und von den AA-Meetings kenne?
Heute sitze ich alleine beim Frühstück. Ich genieße das. Inzwischen bin ich „besser“ in der Klinik integriert, also kommen manchmal Leute aus meiner Gruppe oder jemand, mit dem ich beim Rauchen schon mal gequatscht habe, an meinen Tisch. Gegen die Leute habe ich mittlerweile ja auch etwas weniger. Aber das, was die Leute essen ist Hauptmotivator, weiterhin alleine sitzen zu wollen. Senf auf Wurst. Überhaupt Wurst. Leberwurst im Speziellen. Mett. Mit Zwiebeln im Speziellen. Pumpernickel. Miniportiönchen. Das, was ich vom Mittagessen mag, lassen sie liegen. Und das, was ich ekelig finde, lieben sie.
Am Morgen dieses Samstags setzt sich eine Frau zur mir an den Tisch im Speisesaal und fragt, wie mir die Behandlung in der Klinik gefällt. „Mir geht’s hier zu wenig um den Alkohol“, antworte ich. Darauf sagt sie ganz besonnen: „Alkohol ist ja nur das Symptom“.
Der übermäßige, unkontrollierte Alkoholkonsum als Symptom. Das muss ich erstmal sackenlassen.
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Am Nachmittag sind in dem AA-Meeting nur fünf Personen mit mir. Als ich dran bin, sage ich: „Mir fehlt AA. Auch, weil es in der Klinik so wenig um Alkoholismus geht.“ Später redet ein anderer. Warum er immer noch hier hingehe. Er würde doch schon lange nicht mehr saufen. Weil er trotzdem noch Probleme mit sich und anderen hätte. „Alkohol ist ja nur das Symptom“, sagt der Mann, als hätten die Frau an meinem Frühstückstisch und er vorher telefoniert.
Das Telefon in der AA-Kontaktstelle hatte tatsächlich zweimal geklingelt, während ich sprach. Da war aber ein junger Mann am anderen Ende der Leitung, und seinen Hilferuf beantwortete eine Frau, die dann jeweils vom Meeting-Tisch aufstand. Es war etwa 16.20 Uhr, und der junge Mann irrte sturzbesoffen durch die Straßen und hatte trotzdem und tatsächlich die Stärke, bei der Selbsthilfegruppe anzurufen, weil er den Weg nicht fand. Als er angekommen war, durfte er seine Geschichte erzählen. Ich konnte seine Alkoholfahne riechen. Es gibt Meetings, z.B. in Berlin das Chip-Meeting, wo man nicht sprechen darf, wenn man zuvor Alkohol getrunken oder Drogen genommen hat. Daher wunderte ich mich erst, dass dem jungen Mann hier das Wort erteilt wurde. Doch wenn jemand so verzweifelt und unglücklich ist und „den Wunsch hat, mit dem Trinken aufzuhören“, warum soll man ihn nicht erzählen lassen, was ihn so sehr bedrückt?
Später sprach ein alter Mann. Im Kopf war er wesentlich fitter als seine körperliche Erscheinung es vermuten ließ. Dieser Mann kam nach unzähligen Versuchen erst vom Alkohol los, als er in einem klösterlichen Krankenhaus entgiftete, teilte er vor der Gruppe. In diesem Krankenhaus, an diesem Punkt seiner Leidensgeschichte ist der Groschen bei ihm gefallen. Nachdem er dieses Mal dort körperlich entgiftet war, wollte er nicht wieder mit dem Trinken anfangen. Er wollte nach dem Krankenhausaufenthalt trocken bleiben, was ihm bis heute gelungen ist.
Der Name des Krankenhauses ist der gleiche wie der Vorname des jungen, betrunkenen, verzweifelten Mannes - der eines heiligen Schutzpatrons.
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Manchmal passieren so Erscheinungen. Da wiederholen zwei Menschen unabhängig voneinander den gleichen Satz in meiner Gegenwart. Da finden durch eine übersinnliche Fügung in meinem Beisein zwei Männer zueinander, für die der Name eines Schutzpatrons eine identitätsstiftende Bedeutung fürs Leben hat.










