(Meta-)Physik der Sitten
Kann man die Physik und die Metaphysik überwinden? Wozu sollte man das? Weil sie überwindet, also zuviel Wind oder zuviel heiße Luft macht?
Die Metaphysik der Sitten heißt weit im Westen Metaphysik der Kostüme, weit im Osten Metaphysik der Teigtaschen (der Mantu/ Manty). In Deutschland hat sich die Metaphysik so situiert, dass sie irgendwo zwischen Fleisch im Osten und Textilien im Westen über den Dingen stehen will und Balance halten will. Kant ist kein Dummkopf, er kennt die Schiffe, den Hafen und das Meer. Er kennt die Liebe der Matrosen, sicher auch die der Lumpen und Leuchten, der Nymphen und Flussgötter. Was die Triebfedern des Gesetzes sind, wird er wissen und sogar wischen können. In der Metaphysik der Sitten erwähnt er die Taube, die Edgar Wind für sein Buch und Anarchie wie eine cognacgetränkte Rosine herauspickt. Das ist die wohl windigste Taube bei Kant und der Punkt, wo er shavout, Pinkster, Pfingsten und dem Pentecostalen, den hellgeistigen Mondnächten am baltischen Meer auf witzige Weise, torkelnd, entgegenkommt. Nicht nur Edgar Wind war ein Witz- und Kobold. Was der kann, kann Kant schon lange. Darum liefert er ja so tolles Material für Kunst und Anarchie.
Also soll es eine Metaphysik der Sitten sein. Kants Titelwahl hat einen Sinn für das decorum, ein Sinn, der sich am baltischen Meer entwickelt haben muss, nicht am kaspischen Meer, nicht am Mittelmeer, sicher nicht am Atlantik. Nicht hinter Wolgograd oder Stalingrad, nicht in der europäischen Steppe, in der Buddhismus die Sitten bestimmt, die Saigaky rasen und die Toten an die Vögel verfüttert werden, nicht in Kalmykien, wo die Gräber junger deutscher Aufklärer vereinzelt situiert sind . Nicht in LaMancha oder auf Sizilien, nicht in Otranto oder Prag.
Kant hat das gut formuliert, den Titel gut gewählt. Die Sitten sitzen in den Details, da, wo auch der liebe Gott sitzt, in jedem Buchstaben des Titels. Sicher versucht Kant, die Details zu überwinden, wie man überhaupt alle Papiere aus dem Archiv der enttäuschten Erwartung zu überwinden versucht. Mit einem Sinn für das decorum gelingt das immer, so oder so, mit einem Sinn für Angemessenheit gelingt das so oder so, also "teilweise ganz furchtbar" kann man das mit Thomas Vesting nennen, d.h. nach Thomas Vesting (nach ihm/ nach seiner Lektüre) 'teilweise ganz furchtlos'.
Die Metaphysik ist schon in Königsberg, das zwar nur am baltischen Meer liegt, aber immerhin am baltischen Meer liegt - und nicht in Westfalen, auch eine Lehre der Matrosen und der Medien aus Piräus, für Schiffe zum Beispiel. Man kann den Kant doof lesen, man kann ihn schlau lesen. Eine Metaphysik der Sitten lässt sich stürmisch und drängend, noch romantisch überwinden, schade, dass Heinrich von Kleist die Metaphysik von Kant nur so kurz gelesen hat, dass ihn die lange Lektüre nicht davon abbrachte, sich an eher kleinem Wässerchen bei Berlin umzubringen. Schade, verpasste Chance für Erdbeben in Chili Teil II. The next generation. Man kann von Kant lernen, Phobien in Unerschrockenheit zu übersetzen, wie die Matrosen zu (a-)dressieren und zu pol(aris)ieren. Vielleicht können noch diejenigen davon lernen, die vom Land kommen und aus Städten, die keine Häfen, nicht einmal Schwebebahnstationen haben. Kant war nicht so naiv, Descartes nicht durchzulesen, er hat die Meteorologie von Descartes mitgelesen und weiß: cogito ergo sum kann so summen, wie die Boliden in dem Hafen von Monaco, wenn dort Formel 1 Rennen ist. Zugegeben: der Vergleich ist achronologisch. Aber das Dogmatische an Kant, das ist, wie Maximilian Herberger über Umwege zur und im Nachleben der Antike entfaltet, eine Technik, etwas zu erfahren, zu ertragen, zu laden. Der Schirm Kants ist chair du monde, Kant hat das gesamte Sitzfleisch der Welt, so kann man ihn lesen. Entweder hat er oder ist er ein Riesenarsch, schlau und klug war er, aus allem das Beste zu machen. Das Dogmatische und Aporetische der Metaphysik sind ihre Böller, ihre Baller, klar kann man bei der Lektüre die Faust ballen, die Letter kommen doch schon geballt. Quid tum? (Alberti). Kants Taube winkt mit dem Zaunpfahl: man kann ihn mit fliegenden Augen lesen.
Auch da lässt sich die Physik überwinden, die Metaphysik überwinden. Wenn man das will, muss man sich aber schon auch was trauen. Zum Beispiel zu (A-)Dressieren und zu Pol(aris)ieren. Sind Staatsrechtlehrer beleidigt oder vom Lob symbolisch kastriert, wenn man ihnen sagt, dass ihre Fähigkeit, zu (a-)dressieren und zu pol(arsi)ieren atrophiert, wenn man verdrängt zu dressieren oder verdrängt, zu verdrehen, wenn man verdrängt, zu adressieren oder verdrängt, zu stabilisieren (mit dem Stab zu rühren, zu richten und zu regen)? Sind sie beleidigt oder vom Lob symbolisch kastriert, wenn ich sage, dass ich besser wische, Stab sage, Staub sauge und Taxifahre als sie? Hoffentlich nicht.
Die Metaphysik der Sitten ist teilweise ganz furchtbar, ganz furchtlos. Ob es gut ist oder nicht, das ist Fortuna Rad ab, aka: Occasio. Die Phobie ist nicht die Angst, sie ist die enge Stelle, das Detail.
Wenn Kant schon frech ist, dann können seine Leser auch frech sein. Kant nicht in der Windstille lesen! Und wenn doch, dann nicht nur in der Windstille. Paradox: die Schüler machen immer exakt das Gegenteil von dem, was die Lehrer wollen. Die können die Physik und die Metaphysik überwinden.
















