Mit dem Buch fertig sein, obwohl das Buch noch gar nicht vorbei ist
In letzter Zeit versuche ich mich öfter daran zu erinnern, dass ich ein Buch nicht komplett lesen muss, um aus ihm zu ziehen, was ich brauche, was es mir in diesem Moment meines Lebens geben kann. Klingt erst mal ungewohnt, vielleicht sogar blasphemisch, aber denkt immer dran: Beim Lesen gibt’s keine Regeln und keine Instanz, die kontrolliert, wie ihr mit eurer Lektüre umgeht.
Tage in Vitopia ist für mich das perfekte Beispiel. Der Roman erzählt aus Sicht eines Eichhörnchens, wie Menschen und nicht-menschliche Tiere sich in einer leicht futuristischen Welt, in der es z. B. Apps gibt, die zwischen Eichhörnchen und Mensch übersetzen, zusammenkommen und in einem utopischen Mikrokosmos einen Kongress abhalten, der die Zukunft und das Überleben aller Arten sichern soll. In jedem Kapitel wird dichterisch bis schwülstig und durchaus gekonnt vor sich hin geschwurbelt. Es werden tote Kunstschaffende und Denkende wie Goethe, Marx, Droste-Hülshoff, Schubert oder Lovelace ins Leben zurückgeholt, um sie in neue Diskussionen zu verstricken und an dem neuen Weltentwurf mithelfen zu lassen.
Nach 100 Seiten hat sich dieses durchaus interessante und amüsante Experiment allerdings erschöpft. Auf maximal 150 Seiten hätte ich so eine Geschichte sicherlich genossen, aber auf den gegebenen 300 erscheint es mir, als würde jetzt einfach noch weitere 200 Seiten lang so weitergehen (und wenn ich den Rest so überfliege, liege ich damit richtig). Bevor ich mich also quäle, ist es doch ok, zu realisieren, dass mir das Buch alles gegeben hat, was es mir im Moment geben kann. Ich habe das Prinzip erfasst und bis zur Erschöpfung ausgekostet, das reicht und ich kann selbst einen Punkt setzen.
Wo ich aber schon über den Roman spreche, will ich noch zwei Kritikpunkte anmerken, von denen zumindest der letztere auch dazu beiträgt, dass ich keine 300 Seiten davon lesen will. Zum einen haben mich die Fußnoten irritiert, weil sie ziemlich viel erklären, z. B., wer Thomas Morus ist oder von wem das eingeflochtene Zitat stammt. Natürlich ist das hilfreich und fungiert gleichzeitig als Quellenverzeichnis bei einem so intertextuellen Buch, aber es sind alles Infos, die Lesende einerseits selbst googeln können und die andererseits oft nicht nötig erscheinen, weil ich glaube, dass die Zielgruppe, die sich von einem Roman mit so vielen geisteswissenschaftlichen Referenzen angesprochen fühlt, sowieso weiß von wem/was die Rede ist.
Mein anderer Kritikpunkt bezieht sich auf den dargestellten Optimismus gegenüber der Klimakatastrophe. Wie oben beschrieben, findet der Kongress der Humanimals in einer utopischen Blase statt, in der alle alles super finden. Natürlich lässt sich argumentieren, wie erfrischend es ist, auch mal eine durchweg positiv gestimmte Herangehensweise an das Thema zu lesen, aber auf Dauer, sprich 300 Seiten lang, mutet es für mich eher realitätsfremd an, wenn all diese Charaktere aus gebildeten, gut bürgerlichen Haushalten über die Rettung der Erde philosophieren. Klar, darf es sie geben, aber hilft uns so eine akademische Träumerei wirklich weiter, um mit der Realität klarzukommen? Wirkt das nicht fast wie Hohn?
Für mich stellt sich am Ende nur noch die Frage, wie ich dieses zu einem Drittel gelesene Buch, das sich in meinem Kopf abgeschlossen anfühlt, im (digitalen) Regal sortiere: Abgebrochen oder gelesen? Oder schaffe ich mir eine ganz neue Kategorie?
Tage in Vitopia von Ulla Hahn, 2022 bei Penguin