50° 36' 0.083" N 7° 13' 13.71" E
Das Paradies hat eine Postleitzahl. Mein Schloss in Unkel am Rhein, ein Sehnsuchtsort, zwei Minuten vom Schiffsanleger. Kaum biege ich von der Hauptstraße ab, läuten die Glocken und mir wächst eine Mauer in den Blick. Sie begleitet mich Schulter an Schulter. Alt ist sie und bröckelt. Ihr Eingang höher als eine Pforte, niedriger als ein Tor, eine Porta. Sie steht leicht offen. Ich schlüpfe hindurch, bin hin und weg. Es gibt Wege, die setzt man nicht fort, weil man nicht in ein Bild treten mag, um darin nicht unversehens auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden… Ein Bild von Burg. Rote Zungen Weinlaub in der Sonnenflut, rotbackige Äpfelchen an schwarzkahlen Ästen. Die Fassade aus der Renaissance, der Turm aus jedem Märchen. Cremig heller Putz, blattspinatgrüne Fensterläden, vor den Simsen und Balkons schneckenweiße Schmiedeeisen. Das Dach aus herrengrauem Schiefer, die Zinnen stumpfe Ecktreppen über der Hauswand – taubenblaugrau ummalt. Davor der Dom von hundert Jahre Johannisbrotbaum. Die Augen müssen fliegen, um oben anzukommen. Sein Dachstuhl ein Spinngeweb aus Ästen, Zweigen, Ästelchen. Herzrunde Blätterfächer, groß wie ausgebreitete Hände, halten dolchlange Schoten nach unten. Die zeigen wie Finger auf mich. Die Erde hält mich hier fest, als ob ich von einem guten Geist verzaubert wäre und nun anwachsen will. Efeu breitet sich aus über dem Boden im blumenüberwucherten Garten, der vor vier kieselgrauen Katzen strotzt.
Träte jemand aus der Tür, ich würde im Erdboden versinken. Ich sehe genauer hin. Vor meinen Füßen ein Beet aus sattschwarzer lockerer Erde. Ein Fleckchen gilt es ja zu finden im Leben. Wenn ich hier schon nicht wohnen kann, so könnte ich doch wenigstens hier begraben liegen unter der Schirmherrschaft des Johannisbrotbaums, täglich besucht von seinen Wurzeln. Die grüne Schaukel aus Holz, die hier hängt, bringt mich darauf: Heimat ist das, was allen in die Kindheit scheint… Das Land, in dem noch niemand war… Ist Heimat der Ort, an dem man begraben sein möchte? Es dämmert schon, ich taufe das Gebäude blaues Haus. Es ist nicht blau, es ist nah, aber fern für mich, und die Ferne ist blau. Und jetzt dringt Lichtschein hinter johannisbeerroten Vorhängen zu den Fenstern heraus wie aus Adventskalendertürchen.
Fiele das efeuchte Törchen ins Schloss – ich bräche auf, durch den Park. Ich zöge drauflos, würfe mich in Apfelschale, bis Sommer kommt, ich suchte sie alle heim und küsste zurück. Wenn ich frei wäre, wenn mir einer meine Türchen aufsperrte wie Rachen, nähm ich mir einfach ein Leben heraus aus den tausend, die ich alle dabei hätte zur Auswahl ohne Rücksicht auf Tote, Geborene oder Kommende. Ich stünde da, eine Unzahl, ein Wald, der wandert, ein Berg unterwegs. Die große Liebe nähme ich zur Brust und legte sie ab. Ich zöge mit Vögeln, suchte sie alle heim, ließe im Stich, geriete in niemandes Hirn. Warum soll mir der Sessel noch bleiben. Ich zöge in Ruhe um in die Ruhe.
Text: Frederike Frei/Fotos: Wolfgang Orians