Das Ende der Welt
Wir fuhren ans Ende der Welt. Und dort stiegen wir in ein Boot und fuhren noch weiter, über das Ende der Welt hinaus.
Wirklich, als ich mich im Voraus über unsere möglichen Routen quer durch Schottland informiert hatte, wurde dieser Ort, der eigentlich nur aus drei oder vier kleinen, windschiefen Häusern besteht, als Ende der Welt betitelt. Da musste ich hin, das stand fest.
Dass die Straße dorthin einspurig ist, war klar. Das war in dieser gottverlassenen Gegend auch ganz normal. Ich hatte mich in den letzten Tagen schon an diese Single-Tracks gewöhnt. Doch wenn es irgendwann nicht einmal mehr Hütten am Straßenrand oder Kreuzungen mit anderen Straßen, äh Schotterpisten, gibt, dann weiß man, dass man sich dem Ende der Welt tatsächlich nähert.
Die Fahrt zog sich in die Länge. Natürlich gab es immer etwas zu sehen. Später sollte ich das Ganze in meinem ‚Dictionary of felicitas-invented words‘ als „Schottland-Effekt“ betiteln. Du fährst um eine Kurve, über eine Kuppe, nichtsahnend, nur auf diese schmale Straße konzentriert, und plötzlich liegt vor dir die atemberaubendste Aussicht, die du dir vorstellen kannst. Unendliche Weiten. Oder spektakuläre Berge. Wolkenverhangen. Oder Nebelverhangen. Schneebedeckt. Eine Schafherde. Oder Highlandcattle mitten auf der Fahrbahn. Das war Schottland. Trotzdem erwartete ich ungeduldig das Ende der Welt. Schon vor einer Ewigkeit waren wir auf diese Nebenstraße abgebogen. Ein Schild wies uns darauf hin, dass das eine Sackgasse war. Wussten wir, führte ja schließlich zum Ende der Welt. Doch diese Straße war keine Sackgasse, wie man sie in Deutschland findet, wo der Weg einfach nach 100 Metern endet. Ewig fuhren wir durch die einsame Gegend. Dann, irgendwann, nach der mindestens dreihundertsten Kurve, nachdem uns genau ein einziges Auto entgegengekommen war, erreichten wir das Ziel. Dieses Ende der Welt mit dem Namen ‚Tarbet‘.
Das Paradoxe war, dass die Welt hier gar nicht endete. Die Straße vielleicht. Und das Land. Doch vor uns lag nur ein wenig Wasser. Also ein wenig Meer. Und dahinter kam eine Insel, die ein Vogelparadies sein soll. Das war unser eigentliches Ziel. Ich meine, das Ende der Welt… Das kann ja jeder! Wir fuhren darüber hinaus.
In der vermutlich kleinsten und windschiefsten Hütte von allen wurden Tickets verkauft. Ganz altmodische kleine Papierfetzen, wie man sie früher als Kind noch im Kino bekam. Und mit diesem kleinen Stück Papier, das der Wind einem jeden von uns aus der Hand reißen wollte, als würde er uns diese Reise nicht gönnen, durften wir ein kleines, wackeliges Boot betreten. Die Farbe blätterte zwar noch nicht ganz romantisch ab, doch dass es alt war, war nicht zu übersehen. Die Schwimmwesten, die wir anziehen mussten, waren vielleicht modern, als meine Eltern Kinder waren. Aber macht nix, solange sie mich vor dem Ertrinken bewahren. Und stabil sahen sie ja schon aus. Trotzdem hoffte ich, diese Stabilität nicht testen zu müssen. Wieder riss der Wind an uns, als wolle er uns ins Meer werfen. Vergeblich.
Bald legte das Boot ab. Es gab nicht viele Menschen hier und noch weniger Besucher, es gab also niemanden auf den man hätte warten müssen. Und so brachte uns dieses wackelige Teil fort vom Ende der Welt, nur ein paar Meilen weiter auf eine Insel.
- Felicitas Sturm













