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Meine Weltreise – achter Teil: Benedikt Barnabas von Kropp und der ungläubige Stamm der ugandischen Hakennasen.
Liebe Leser, bestimmt fragen Sie sich ergriffem, wie denn meine Weltreise weiter vonstatten ging. Ich mag es Ihnen gleich verraten, doch vorerst möchte ich Ihnen eine lustige Anekdote von meinem ehrwürdigen Vater Balduin Barnabas von Kropp erzählen:
Seinerzeit wurde er in einen thüringischen Luftkurort versetzt. Unweit hatten auch Goethe und Schiller gewirkt. Näheres konnte ich ihm nie entlocken. Aber mein Vater war so weitsichtig, zu wissen, dass ein Knabe meines Alters noch keinen Blick hatte, für die wichtigen logistischen Aufgaben, mit denen er betraut worden war. Meines Wissens reichte seine Zuständigkeit bis zur Betreuung des sanitären Erholungsbereiches. Er prägte über seine Generation hinaus den Begriff und die Philosophie des modernen Kur-Zentrums. Nun zurück in die jüngere Vergangenheit meiner ehrwürdigen Familie.
Einer der älteren Vertreter dieses sich gerade waschenden Menschenschlages trat auf mich zu und zwirbelte dabei nachdenklich in seinen fettigen Koteletten. Ich glaubte, seine Marke bereits zu vernehmen. Plötzlich öffnete er seinen schwarzen Bademantel, um sich scheinbar endgültig der rituellen Waschung seiner heidnischen Gemeinde hinzugeben. Doch die Innenseiten seines Mantels zierten verschiedene Waren. Sie wissen, welch ein neugieriger Sammler ich bin. Zudem gebietet es meine Erziehung, die Waren eines Händlers zumindest zu betrachten. Ein silbernes Bajonett hatte meine Aufmerksamkeit geweckt, denn es kam mir seltsam vertraut vor. Wortlos deutete ich darauf und die langen schlanken Finger krochen um den Griff. Er hielt es mir hin und ich erkannte die Gravur: B. B. v. K. Anscheinend hatte die Familie dieses Schufts sich am bescheidenen und zurecht erworbenen Vermögen derer von Kropp in den Wirren des Krieges bedient. Ich sprach deutlich, laut und mit rollendem R: „Welche blutsaugende Bande wagt es, sich am Besitz meiner Familie zu bereichern. Welcher gottlosen Art von Mensch muss so jemand angehören, dass er es wagt, Unschuldige zu berauben? Ich bin voller Ekel!“
„Schekel, Schekel?“ fragte die Gestalt aufgeregt. Dies schien in seiner naiven Kultur ein Reizwort zu sein, denn plötzlich rissen alle dieser Kreaturen wie besessen ihre Bademäntel auf, drängten immer näher an mich und meine mir unfreiwillig vermählte Frau heran und brüllten: „Schekel, Schekel?“ Fragend schaute ich die hakennasige und, bis auf die Ausläufer seiner Koteletten, glatzköpfige Fratze vor meinem royalen Antlitz an. Um das wilde und äußerst heidnische Treiben einzudämmen, entschloss ich mich, für klare Verhältnisse zu sorgen. Also rief ich: „Mein Name ist von Kropp!“
Natürlich war dieser Ausruf von mir nicht nur in seiner Wahrhaftigkeit geradezu brillant; nein, in meiner Weitsicht hatte ich mir das gottlose Volk vor mir zu Untertan gemacht. Wie Sie, meine lieben Leser wissen, ist es seit jeher immer einen ganz großen Bahnhof, wenn ich überraschend und unerwartet an einem mir fremden Ort auftauche. Manch einer von Ihnen ist bereits in den Genuss meiner Anwesenheit gekommen. Leider kann ich nicht alle von Ihnen mit diesem Glück erfreuen. Doch verzagen Sie nicht, wenn ich im Moment, da ich dieses schreibe, weit entfernt bin von Ihnen. Denn immerhin dürfen Sie diese großherzigen Zeilen lesen und sich somit mir ein Stück näher fühlen. Und so war ich auch nicht verwundert, dass der Ausruf meines großen Namens Freudenschreie und Erregung bewirkten. Doch die Ausmaße ließen mich schon ein klein wenig erstaunen. Eine der Hakenasen vor mir zog ein kristallenes Weinglas aus seinem Bademantel, ein anderer reichte ihm ein feines Seidentuch. Der ungläubige wickelte sein Weinglas in das Tuch, legte es auf den Boden und zertrat es urplötzlich mit seinem knorrigen Füßen und der ganze Platz schrie voller Inbrunst: „Mazel Tov!“ Nun begriff ich, wo ich war, anscheinend hatte ich doch nicht Kapstadt angesteuert, sondern wurde von meinem Herrgott ins ferne Uganda gelenkt.
Sicherlich lag es am Gezeter meiner, mir unfreiwillig Anvertrauten, dass ich vom rechten Kurs abgekommen war. Oder es bewies, dass die primitive Kultur Afrikas noch nicht in der Lage war, die Navigationstechnik eines Doppeldeckers korrekt zu warten. Ein Flugzeug ist nun schließlich weder ein Blassrohr noch ein Faustkeil! An meinen Flugkünsten konnte es sicher nicht liegen, aber davon hatte ich Ihnen ja schon bescheiden berichtet. Inzwischen hatte ich zur Genüge Einblicke in die afrikanische Seele, hatte auch schon oft genug mit ihrem finsteren Schatten gerungen, und so nahm ich es diesem, doch anscheinend recht friedlichen und primitiven, hakennasigen und ausgeblichenem Stamme nicht übel, dass man meinen Namen auf so eine unkroppsche Weise ausrief.
Das Fest der Ungläubigen war berauschend, aber leider doch nicht so berauschend, wie die langen und schönen Ballnächten, die ich als junger Burschenschaftler in Wien immer wieder erleben durfte. Der europäische Mann weiß doch wesentlich gesitteter sein Glas zu erheben als der primitive Afrikaner. Denn der Afrikaner, ist er tatsächlich mal in den Besitz eines Kelches gelangt, weiß nichts anderes mit diesem anzufangen, als ihn zu zertreten. Immer wieder wickelten die hakennasigen Gestalten ihre Gläser in Tücher, zertraten die kristallenen Kostbarkeiten und brüllten meinen Namen, auf ihre unzivilisierte Art und Weise: „Mazel Tov!“
In meiner weltgewandten Art erklärte ich mich jedoch bereit, mich bis zu einer gewissen Grenze den hiesigen Gebräuchen anzupassen. So deutete ich auf mich sagte mit nachdrücklichem Timbre: „Ja, von Mazel Tov! Und das da“, fuhr ich fort, indem ich auf meine Wüstenprinzessin zeigte: „Frau Mazel Tov!“
„Topptopp!“ sagte meine mir unfreiwillig Vermählte geistesgegenwärtig.
Im Rausche der Feier gab auch ich mich dem wilden Gebrülle hin und stimmte immer wieder erheitert im Chor mit ein: „Von Kropp! Von Kropp!“ Der Stamm erwiderte meinen Namen auf seine eigene Art und Arm im Arm standen wir alle im Kreis, schwangen unsere Gliedmaße und tanzten für Stunden. Wobei, ich muss schon sagen, dass es eigentlich kein Tanz im eigentlichem Sinne war, irgendwie erinnerte es mich doch stark an das Spiel „Reise nach Jerusalem“, was ich früher als Kind mit den Mägden und Knechten meiner blaublütigen Familie zelebrierte. Selbstredend durfte ein von Kropp nicht gegen die einfachen Leute verlieren. So war mir ein Stuhl sicher, auf dem ein Kärtchen mit dem Wappen der von Kropps lag. Meine weisen Eltern wollten mich so auf meine zukünftigen Ämter vorbereiten.
Plötzlich trat eine Figur aus dem Heer der Ungewaschenen, über der dicke Fliegen gleich Geiern kreisten. Gewaltige schwarze Warzen saßen ihrer auf Wange und Hakennase. Er musste eine Art Häuptling sein, denn er war viermal so breit wie die gewöhnlichen Hungerleider. Besonders sein wuchtiger Brustpanzer und seine feurigen Augen imponierten mir. Die Horden der Ungewaschenen schlossen, wie von einem götzenartigen Dämon erschreckt, ihre Bademäntel und flüchteten hinter die kräftigen Schultern ihres Herrschers und riefen lauthals: „Oijoijoi!“ Einigen seiner Diener verabreichte er kräftige Hiebe in den Nacken. Er gurgelte mit einem kratzigen, tiefen und unreinen Feuerstoß wohl ihre Namen. Doch als ein von Kropp sah ich meine Aufgabe darin, Kontakt zum Stammesführer zu suchen. Mit würdevollem Gang trat ich auf das misstrauische Wesen zu. Um zu zeigen, dass ich die Errungenschaften des Volkes zu würdigen bereit war, setzte ich eine anerkennende Miene auf und streckte meine Hände behutsam nach dem Brustharnisch des Häuptlings aus. Neugierig befühlte ich ihn, aber was war das? Meine forschenden Finger sanken ein, wie in zwei Klumpen von Lehm. Ehe ich mich versah, traf mich in diesem Moment der Unaufmerksamkeit eine kräftige Faust in meinem royalen Antlitz. Während mich das Bewusstsein verließ, hörte ich nicht nur den wohligen Urschrei meiner Wüstenprinzessin, nein, mir kam eine furchtbare Erkenntnis: Der Häuptling war ein Lehmweib! Die Urmutter der ugandischen Hakennasen!
Ich muss meinen royalen Körper Stunden von den Strapazen der letzten Zeit ausgeruht haben, denn als ich erwachte, befanden wir uns mit dreckigen, bärtigen Ratten zusammen, in einer Art Kellerverließ...