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Ich seh' den Papst vor lauter Schnecken/ nicht!
Hurtig, Kinder!
Morgens früh um sechs
kommt die kleine Hex´.
Morgens früh um sieben
schabt sie gelbe Rüben.
Morgens früh um acht
wird Kaffee gemacht.
Morgens früh um neune
geht sie in die Scheune.
Morgens früh um zehne
holt sie Holz und Späne.
Feuert an um elfe
kocht dann bis um zwölfe.
Fröschebein und Krebs und Fisch,
hurtig Kinder, kommt zu Tisch!
1.
Ich seh‘ den Papst vor lauter Schnecken nicht. Eine Episode, in deren Verlauf der Papst zur Schnecke gemacht wird, die müsste an sich die elfte Episode sein, die sich an Warburgs Staatstafeln entspinnt. Aber Schritt für Schritt, auch wenn es schade und schattig scheint, dass es nicht schneller geht. Es wird aber früh genug schnell, all' zu schnell. Bald, ach so bald, blitzt es hinter den Wolken rot, dann kennt uns keiner mehr hier. Zu Tisch! Zu Tisch! Schritt für Schritt, Schnitt um Schnitt. Gebracht wird ein Stück mal wieder zu Tisch.
Man kann sich Aby Warburgs Staatstafeln wie Tafeln beim Italiener vorstellen. Das sind auch Bildtafeln, aber sie fungieren wie Tische, an denen man mit Staatstrechtslehrern beim Italiener isst, selbst wenn man sie aktiv und passioniert fressen will, wie die Anthropofagen das mit ihren Nächsten und die Theofagen mit ihrem Gott machen. Sie, die Tafeln, Staaten, die Lehrer, das Recht der Warburg, die Kannibalen und Katholiken, die fungieren unbedingt. Das tun Pilze aber auch. Ob sie funktionieren, wird man schmecken müssen. An diesen Tafeln zwei Tafeln entspinnen sich im Folgenden hoffentlich, hoffentlich, hoffentlich entspannte Episoden mit hüpfend Herzen á la Giotto (nicht von Ferrero, sondern di Bondone) . Mögen die zwölf Episoden werden. Mögen sie die Tafelnden anregen, sowieso barock und mit dem Knie zu denken, diplomatisch zu operieren, in den Gesten und bei der Lektüren der Digesten biegsam wie Sandro Botticelli und Dave Bowman und immer gastlich mit den Gästen zu bleiben. Insgesamt dann doch zwölf Episoden. Das ist mal wieder typisch!
2.
Ein Teilnehmer der Tischgespräche, zur selben Zeit ihr Protokollant und Kommentator ihrer zwölf Episoden ist Fabian, ein Hypermoralist, dem von seiner Mutter Karin Vera Elisabeth noch in zauberhaften Briefen eingeflüstert wurde, er käme aus Rom und sei ein kleiner Brandi. Von seinem Vater wurde ihm gar nicht gesagt, dass er ein Anwalt sei, weil der Vater, der sogenannte Düsenknallanwalt Dieter Steinhauer leider zu früh, viel zu früh und auf schwer verzeihliche Weise bei einem Porscheunfall gestorben war. Dass er ein Anwalt werden sollte und würde, das erfuhr der Teilnehmer erst später, Anwalt einer Bild- und Rechtswissenschaft.
Er, d.i. ich, dachte zuerst: neun Episoden würden sich an den Tafeln entspannen und in neun Phasen würden die Augen und Hände am Tisch etwas spinnen, während des Tafelns und seiner Plaudereien. Im letzten Buch („Vom Scheiden“) legte das letzte von drei er- und vermittelnden Beispielen nahe, dass Tafeln gehen, also mögliche Medien des Rechts sind. Das Beispiel legtnahe, das Tafeln-Gehen eine sinnvolle Technik für Juristen ist. Das wird jetzt weiter ausgeführt. Am Anfang dachte ich, dass ich neun Episoden brauchen würde, aber ich brauchte mehr, brachte nämlich mehr.
Die Episoden sollen phasenweise sein, sie sollen nämlich die Weisheit jener Phasen haben, die mit dem Mond geteilt werden (u.a. zu Pfingsten und shawout mit Milchspeisen und weißen Göttinnen gefeiert werden) und denen man schon im römischen Kalender Rechnung zu tragen versucht. Die Episoden sollen ab urbe condita reizend sein und saisonal, nur saisonal verfolgt werden. Sie sollen modisch, nur modisch instituieren. Sie sollen vague, nur vague assoziieren. Warburgs Staatstafeln handeln nämlich von (sie händeln und betrachten) Bilder und Rechten, die unbeständig sind und die kursieren. Sie kursieren zwar fröhlich rekursiv. Warburg kann darin sogar die Schnecke wiedererkennen, die er auf seinem Schreibtisch platziert hat und den Papst, den er Rom live nicht, aber nachlebend sah. Fabian, wozu hat er schon diesen Namen, liest die Geste Warburgs aber als Aufruf und Training. Warburg soll zaudern, darum platziert er sich eine Schnecke auf den Tisch. Die fröhliche Rekursion ist und bleibt zwar fröhlich, Warburg assoziiert sie aber eventuell selbst mit einer Diagnose, die ihm gestellt wurde, als den Leuten der erste Weltkrieg herausrutsche und er sich dann doch so aufregte, dass er sechs Jahre aus dem Verkehr gezogen wurde.
Zwei Jahre mehr, als der globalglitschige πόλεμος erst ankullerte, dann ballerte, explodierte und schließlich Leiber geliebter Leute leider massenhaft zerfetzte, saß Aby Warburg erkannt geisteskrank, doch weiterhin mit wahnsinnigen Skizzen unerkannt kreditberatend in luxuriösen Asylstationen, die einem die Vorstellung leicht machen könnten, ein homo sacer im Lager zu sein und flüchtig, allzu flüchtig zu bleiben. Wenn nicht... Wenn nicht...
Wenn nicht ach, och, ich weiß es auch nicht so genau. Warburg assoziiert die Schnecke, so assoziiert der zauderhaft zwirbelnde Fabian, mit der ihm gestellten Diagnose. Sie lautete erst, Warburg sei schizophren, dann, er sei manisch-depressiv, also dann später gesagt bipolar, mit Aristoteles früher geschrieben melancholisch.
Die Mondphasen waren weise, phasenweise. So wurden aus neun Episoden zehn Episoden und schließlich zwölf Episoden. Kennt er, unser Fabian. Das ist dem römischen Recht auch schon mal passiert, zumindest das Anwachsen von zehn auf zwölf Tafeln. Warburgs Staatstafeln sollten, so lautet eine These am Tisch, ein Atlas werden. Ein Gerücht in Tafelgemeinschaften und Tafelassoziationen sagte das. Die Gerüchteküche, Warburg arbeite mal wieder an einen großen Buch, die brodelte Undso dampfte die These schon ab den 1920' er Jahren durch die Heilwigstraße 116, später dann über London durch die Welt, dass Aby wieder einmal an einem Buch sitzen würde gehabt hätte. Warburgs Staatstafeln sollten, so buken die Gerüchte auf, den Abschluss seines Lebenswerkes bilden. Zwei Tafeln oder eine Doppeltafel, ein mosaisches Ensemble, so plauderten die Leute an Tischen, nicht nur beim Italiener. Später teilten sie das alles auch auf ihren Handys in Deutschland, den Mobiles in London und dem Objekt, dass man in Florenz telefono cellulare nennt.
Smart Phone sagt Sant' Ino alla sapientia Augsberg, eine der vier Staatsrechtslehrer, die bei den 12 Episoden mit am Tisch beim Italiener sitzen dürfen, zu jenem Objekt, an dem jüngst das Gerücht roch und Gespräche richtete, die sich damit brüsteten, dass 'Warburgs Staatstafeln' von Fabian Steinhauer ein Buch hätten werden sollen. So, so! Rüstet euch nur. Und es buk doch.
Noch drei Staatsrechtslehrer saßen mit am Tisch. Die insgesamt vier Staatsrechtslehrer hatten sich das erste mal 2009 in Warburgs elliptischen Lesesaal in der Heilwig Straße getroffen, um einen Geburtstag zu feiern, den von Karl-Heinz Ladeur. Neben Sant' Ino alla Sapientia sind also Ladeur mit dem l'odeur des fauves sowie der verkette, verhäkelte und verschliffene Thomas Vesting und schließlich Fabian "il piccollo Carlo Brandi" Steinhauer die anderen vier Staatsrechtslehrer, die bei den folgenden 12 Episoden mit an den Tisch gelassen werden. Sonst wird kein deutscher Staatsrechtslehrer zum Tusch gelassen, man braucht aber auch nicht viele. Staatsrechtslehrer nämlich immer zuerst, wie die schlechten Nachrichten. Vier reichen, damit es hinreichend kosmopolitisch wird. Staatsrechtslehrerinnen sekundär, wie die guten Nachrichten. Die werden später namentlich vorgestellt, außer einer, die jetzt schon. Das ist Cornelia Vismann. Die zwölf Episoden sollen zwölf mal an die, durch die, über die und mit den beiden Staatstafeln von Aby Warburg führen. Sie spinnen, aber das tun Schreiber auch, sogar Computisten, Diplomaten, Protokollanten, (Staats-)Sekretäre, Glossatoren, Kuratoren und Prokuristen, Kommentatoren und Polarforscher spinnen. Diese Subjekte, Personen und/ oder Menschen sitzen nämlich idealerweise mit den vier Staatsrechtslehren mit am Tisch. Wer sich mit an die Tafeln setzt, wird ihnen im Verlaufe der zwöpf Episoden von 'Warburg Staatstafeln' immer wieder wiederbegegnen. Es ist tatsächlich so weit, zum Buch zu werden. Die Bilder müssen noch an ihre Stellen finden. Wer Warburg kennt und von ihm angesteckt wurde, ahnt ein bisschen, wie lange so etwas dauern kann. Die Auswahl der Bilder ist wohl immerhin getroffen. Das werden weniger als 4 Jahre, nicht einmal vier Monate, bei Glück vier Wochen. Und es buk sich doch.
2.
Wer nicht nur auf dem tumblr Unter dem Gesetz ist, auf dem man in den letzten vier Jahren mehr oder weniger live dabei sein konnte, wie Warburgs Staatstafeln von dem kleinen, sogar dem kleinsten Staatsrechtslehrer des deutschen Alpha-Beetes aller deutschen Staatsrechtslehrer wie im Omegabett auf- und abgehend beschrieben und betrachtet wurde, der wird sich hoffentlich mit hüpfend Herz niederknien und auf ein Buch freuen können. Hey, war das ein unmarkierter Spaß und was für ein umarkierter Raum. Jetzt wurden aber doch Linien durchgezogen und jetzt sind da viele Markierungen.
Die elfte Episode wird übrigens von Pius XI. handeln, den Aby Warburg mit Julius II. sowie mit Schnecken verwechselte. Gertrude Bing, die heiße nicht Schnecke. Sie heiße Bingo Binga Bing, von mir aus auch Mitarbeiterin O. Die lieferte dem Aby Warburg das Protokoll für diese Verwechslung. Sie war nämlich an dem Tag in St. Peter, an dem die Lateranverträge befeuert und gefeiert wurden und man den Papst vor lauter lauten Schnecken nicht sah. Die Leute wirbelten in der Basilika und krochen sogar auf die Heiligenfiguren, winkten und schrien auf eine Weise, dass unserer Hamburger Madame Bing, genannt Bingo, ein erstauntes Oh! perplex, komplex, nett und sexy aus dem Mund fuhr. So sind sie, die internetten Damen und der Nexus. So archaisch hatte Bing sich Rom nicht vorgestellt. Dass Warburg Pius XI. mit Julius II. verwechselt, das liegt auf römischen Linien, die wirbeln schon mal, sogar bis hin zu Gaius und ins römische Recht. Follow the lines, denn die 12 Episoden sollen das spinnen, römische Linien, die ziemlich gründlich, wenn auch nicht total gründlich sind. Dance, lance.
Zwölf Mondphasen. Von denen wünsche ich mir dass sie immer jünger bleiben, während ich älter werde, dass sie immer nachts, möglichst ab 3.00 Uhr zur Betrachtung animieren, dann, wenn die grauste aller Stunden vorbei ist. Zwölf gefühlte Mode- oder Mondphasen haben in gefühlt vier Jahren Zeit gebraucht, um Warburgs Staatstafeln als Summe und Manual einer Bild- und Rechtswissenschaft zu schätzen, von der ich besonders in Bezug auf Mondnächste ab 3.00 und in der Morgendämmerung Aurora zu träumen wage, tapfer sogar bis 12.00 Uhr mittags, wenn die Schatten Mithras‘ kurz sind.
Für Warburgs Staatstafeln habe ich zu danken. Ich schulde geliebten Leuten und Hunden das Lächeln in meinen Augen. Das ist ein Lächeln darüber, dass trotz allem etwas abgeschlossen werden kann. Die Lieben liste ich hier nicht auf, sie werden zu Tisch gebeten, zu mir nach Hause, die Adresse wird nicht verraten. Dann feiern wir. Stellvertretend wie der Papst ist, sei einer von ihnen genannt, Roberto Ohrt, dessen Gastlichkeit vorbildlich leuchtet und dessen Letter listig lispeln.
Wie die Schlangen dem Laokoon und seinem Geschlecht, beiderlei Söhnen, ins Ohr.
Venditio/ mancipatio
Die venditio ist ein Akt, der Wirbel macht. Sie ist ein Getöse, sie ist TamTam auf dem Marktplatz. Wenn Sklaven gehandelt werden, kommen Säulen der römischen Gesellschaft in Bewegung, das ist ein gewagtes Geschäft. Die venditio ist dann ein Geschäft der Unbeständigkeit, ihr Protokoll (die mancipatio) soll diese Unbeständigkeit händeln, und zwar als Training. Die mancipatio hat eine stoische Dimension. Bei einer mancipatio wird zwar tatsächlich ein Sklave gehandelt, er wechselt wirklich seinen Herren und kommt wirklich aus dem einen Haushalt in den anderen Haushalt, mit allen Unsicherheiten, die damit verbunden sind.
Das Training findet wirklich statt, es zählt wirklich, aber Training ist es nicht, weil ihm die Effekte im Wirklichen und Realen fehlen, eher das Gegenteil ist der Fall. Die mancipatio nennt Gaius schon imaginär und ein Bild, obschon auch er weiß, dass sie nicht nur in der Phantasie vollzogen wird und obschon er weiß, dass ihr Fiktives ihr Technisches ist, nicht das, was keine Wirklichkeit besäße. Das Training der mancipatio ist ihr Zug, in dem Fall der Umstand, dass die vom Körper diszipliniert durchgezogen wird und damit auch den Körper durchzieht, um ihn routiniert zu durchziehen. Eine Bewegung zum Zug machen, sie routiniert machen und dabei durch eine Form Regung gehen zu lassen, das ist in dem Fall Training. Das ist eine Technik der Betrachtung, die nicht unbedingt Augen verlangt, nicht unbedingt visuell sein muss. Blinde können das auch trainieren, Blinde können auch etwas betrachten.
Gaius schreibt auf, was eine mancipatio ist, nicht um die Gültigkeit des Geschäftes zu gewährleisten, also nicht, um später richtig subsumieren und später begutachten zu können, ob ein Geschäft zustande kam oder nicht. Er schreibt die mancipatio auf, damit die Übung deutlich wird. Recht und Regen laufen in dem Regime, das ein Protokoll ist, auf selben Spuren. Recht und Ritus laufen in den Passagen, die Gaius zur mancipatio geschrieben hat, auf selben Spuren.
Venditio
Die mancipatio beschreibt Gaius auf eine Weise, die Thomas Rüfner in seiner Trierer Vorlesung anschaulich nennt.
Die Passage ist von energeia/ enargeia gezeichnet, von evidentia. Rüdiger Campe übersetzt energeia/ evidentia als Technik und mit der Formulierung: vor Augen stellen. Gaius stellt die Szene vor Augen, die Choreographie wird im Schreiben anschaulich geschildert. Steht jedes Detail vor Augen? Nein, zumal die Details, die Gaius erwähnt, nicht alle da stehen.
Rüfner nennt die mancipatio ein Ritual, das ist kein Begriff bei Gaius. Ritual ist Recht, das Regen ist, ist also Recht, das bewegt und bewegend ist, schon weil sein Medium lebende Körper sind und die Kulturtechnik darin choreographisch ist. Ritual, also Recht, das Regen ist, ist Zeremonie. Im Barock kommen Zeremonialwissenschaftler auf die Idee zu sagen, das Wort Zeremonie käme von der Gebärde oder Geste. Sie assoziieren mit Worten, was vor Augen abläuft: Menschenkörper, die sich regen und das richtig tun sollen. Statt energeia und evidentia mit Vor-Augen-Stellen zu übersetzen kann man es so übersetzen: Vor-Augen-laden. Das Engramm in Warburgs Sinne zum Beispiel ist ein Mahl/ eine klamme Sendung, vor Augen geladen, kann vor Augen sich entladen. Die Form ist gezogen/ zügig und polarisiert, kann invertiert sein und sich weiter invertieren. Das Mahl ist ein Zeichen, das verkehrt ist und weiter verkehren kann, das also Verkehr hinter sich und vor sich hat. Die klamme Sendung ist das auch.
Wenn man Quintilian mit Warburg assoziiert, was man nicht muss, aber kann, dann könnte man also energeia/enargeia/ evidentia für verwechselbare Begriffe halten, als Begriffe für eine Technik verstehen und mit der Formulierung vor-Augen-laden übersetzen. Warburg benutzt, wenn es um das Engramm geht, auch Begriffe der Ladung/ Entladung. Wenn es um den Gebrauch von Mahlen und klammen Sendungen geht benutzt er auch Begriffe des Tragens/ Trachtens.
Also vielleicht auch so: vor-Augen-tragen oder vor-Augen-trachten, vor- Augen trahieren oder vor-Augen-traktieren. Die Technik kann kontrahieren und distrahieren.
Quintilian bevorzugt die Präposition sub. Er übersetzt den griechischen Begriff energeia auch, wörtlich: unter Augen unterwerfen/ sub oculus subiecto. Unter Augen werfen, vor Augen werfen/ vorwerfen unter Augen: Ladend/ Klagend/ Begehrend und durch die/ dank der Augen subjektivieren, Perspektive schaffen, Blick und Schirm ein- und ausrichten/ kalibrieren: so könnte Oskarinho Pastiorinho den Quintilian in kalendarischem und kartographischen Kontext eines Atlas übersetzen. Gaius lädt sometimes/ manchmal die mancipatio vor Augen, begehrend subjektiviert er die Handlung durch die Augen. Er blickt sie, wir haben sie auf dem Schirm. Damit hat die Passage ein Subjekt: das eines Autors und einer Autorität, das einer Lesbarkeit, die durch das Subjekt geht.
"Sometimes" (Thomas Hobbes), also manchmal, erscheint diese Übersetzung passend, sometimes/ manchmal verschwindet diese Übersetzung wieder, sometimes/ manchmal kommt sie einem in den Sinn, sometimes/ manchmal geht sie einem nicht aus dem Kopf.
2.
Anschaulich ist gut gesagt. Gaius protokolliert die mancipatio, er liefert das Protokoll der mancipatio und definiert die dazu noch als Bild (imago) und Tausch (venditio). Sie ist tauschendes Bild und bildlicher Tausch. Dabei tost und rauscht etwas mit. Ehrlich gesagt ist das Tosen ohnehin das rauschende Tauschen. So anschaulich auch die Passage bei Gaius ist: nicht alles darin ist Information. Es bleiben offene Stellen. Die Passage, in der Gaius die mancipatio anschaulich beschreibt ist Letter aus Letter, bleibt also auch Mahl und klamme Sendung. Die Beschreibung ist kurz, gierige Leser könnten sie zwar anschaulich, aber auch brachial oder brachyologisch, auch elliptisch nennen. Wie Rüfner klar stellt: I 119, that's it. Nur da steht schon alles, das ist eine kleine Adresse, kein Buch, kein Kapitel, kein Absatz, nur Mahl und klamme Sendung.
Die Passage ist nicht nur kurz und knapp. Die Information, die sie gibt, sitzt auch nicht fest, sprich: ihre systematische Einstellung fehlt und insofern ist sie nicht fest zur Information verschraubt, in ihr sitzt selbst Krach, etwas Bestreitbares und etwas, was die Passage selbst nicht behandelt, selbst nicht händelt. Schon in einem zentralen Begriff, also einer wichtigen Information steckt Krach, noise/ Nöseln, das ist der Begriff venditio.
Venditio wird im oft als Verkauf übersetzt. Die Übersetzung wirft Fragen (Bestreitbares) auf, weil venditio in der Kombination mit emptio technisch vom Kauf (d.i. emptio) abgegrenzt wird. Meint Gaius, dass die mancipatio Verkauf (venditio), aber nicht Kauf (emptio) wäre? Würde Gaius mit venditio das zweiseitige Kaufgeschäft oder den Kaufvertrag meinen, wäre fraglich inwiefern er sich schon auf das Synallagma beziehen kann, warum er es tun sollte, wenn die mancipatio doch gerade kein Synallagma ist, und warum er also nicht von emptio et venditio spricht. Venditio steht dort wie halbgeschrieben.
Anschaulich beschreibt Gaius am Verkäufer außerdem gar nichts, kein Detail. Wenn er die venditio, also den Verkauf beschreiben will, warum sagt er dann nur etwas über die 'Anderen des Verkaufs', also den Käufer, den verkauften Sklaven, den Waagenhalter und die Zeugen? Warum schreibt er nicht emptio? Es ist sogar technisch/ dogmatisch schon fraglich, ob er überhaupt einen Käufer und Verkäufer erwähnt. Was derjenige macht, der 'Eigentum' oder Herrschaftsrechte über andere Personen oder über Menschen, die Dinge (Sklaven) sind, erwirbt, dessen Handlung beschreibt er anschaulich. Dass derjenige, der den Menschen/ Sklaven abgibt, Verkäufer ist, das ist auch nicht gesagt. Der andere muss kein Käufer sein. Vielleicht gibt es andere Gründe dafür, den Sklaven zu übereignen. Was heisst also venditio hier?
Venditio, so heißt es in Grammatiken, heiße im übertragenen Sinne Werbung. Also alles das, was das Tauschgeschäft wahrnehmbar und attraktiv macht, kann auch venditio sein. Der eine erwirbt, der andere wirbt, die Werbung betreiben beide, vielleicht winkt der Käufer mit Reichtum. Alle, noch der Sklave, der Waagenhalter und die Zeugen machen den Tausch attraktiv. Sie werben alle mit. Gaius verwendet eventuell keinen Begriff, sondern eine Metapher, wenn er doch ohnehin sagt, die mancipatio sei bildlich und könne auch als venditio bezeichnet werden.
Die Grimms schreiben in ihrem Wörterbuch, das werben ein Wort für drehen oder umkehren, sich um eine Achse (Stab oder Pole) drehen (umwenden/ wirbeln, kreisen oder schwingen) sei. Der Werber ist derjenige, der Wirbel und Wind macht. Die Strecke zwischen d und t, eine Strecke mit der auch vend* zu vent* wird läuft in verschiedenen Schichten durch unterschiedliches Material, mal soll es nur die die Strecke einer Zuge sein, mal nur Striche auf Unterlagen, mal soll im Sinn etwas von äußerem Werben ins Innere und Wesentliche des Geschäftes führen. Das Werben wirbelt, das Wirbeln wirbt. Irgendwann ist man von der Sprache gekauft und nimmt die Begriffe beim Wort. Venditio, darauf wird man sich vielleicht einigen könne, ist ein ökonomischer, ökologischer Tausch, in beidem auch meteorologisches Tosen. Gaius schildert das Tosen lässig und ruhig. An der Passage beunruhigt auf den ersten Blick wohl gar nichts, am Ende wohl auch nichts. Diese Passage findet sich schliesslich in Institutionen, sie trainiert etwas.
2.
Für die mancipatio finden sich erstaundlich wenig Abbildungen. Ehrlich gesagt sind die Folien, die Thomas Rüfner von seiner Trierer Vorlesung ins Netz gestellt hat, die ersten Bilder, die ich gefunden habe. Glüchlicherweise gibt es bei ihm Quellenangaben, die aber nur bis 1822 in ein deutsches Buch für Alterthumskunde führen. Aber das ist ein Anfang. Die Passagen aus Gaius' Institutionen, die die mancipatio beschreiben, schaffen es nicht in die Institutionen, die Iustinian zusammenstellen lässt. In den Illustriationen des Corpus Iuris Civilis findet man vermutlich keine Bilder der mancipatio, ich habe bisher keine gefunden. Sarkophage könnten noch etwas hergeben.
Gaius' Institutionen sind einerseits so mit das Älteste an dem, was noch zum Corpus Iuris Civilis werden sollte, auch wenn der Text es nur teilweise schafft, Eingang in das Zimmer finden, was späzer zu einer Art 'Gesetzbuch' römischen Rechts wird. Anderseits sind Gaius' Institutionen so mit das Jüngste, was als Material aufgetaucht ist. Die heute gültige deutsche Ausgabe von Gaius (ediert von Ulrich Manthe) stützt sich auf den Codex, den erst Niebuhr findet, also der zu einer Zeit auftaucht, in der die oben auf den Folien verwendeten Zeichnungen stammen.
1816 tauchen die Institutionen in bis dahin unbekannter Vollständigkeit das erste mal in Verona so auf, dass man von Sensation und Entdeckung sprechen kann, zumindest wenn man auch behauptet, Amerika sei im 15. Jahrhundert entdeckt und die Fotografie im 19. Jahrhundert erfunden worden. Immer steckt etwas Mythos drin, aber Anfänge sind auch so verführerisch. Nie war etwas weg, nie wird etwas weg kommen, es wird nur in anderen Maßen entfernt. Weder Entdeckungen noch Erfindungen schaffen es, etwas vom Nichts ins Sein überspringen zu lassen, aber wir wissen ja, was gemeint ist: Titel und Rechte. Obschon der Gaius also nie weg, nicht nur in Verona immer war, wird er 1816 entdeckt.
Gaius taucht also 1816 das erste mal herrschaftlich auf, das erste mal so, dass wir seine Lektüre beherrschen können. 1822, sechs Jahre später, publiziert dann Höhler seine Zeichnungen zu den Alterthümern, die dann 2020 in einer Montage für die Vorlesung von Thomas Rüfner in Trier verwendet wurden. Das Bild oben ist ein Still, Teil eines Videos auf YouTube.
Die mancipatio war immer Bild, das sagt Gaius von Anfang an. Sie war ein bewegtes/ bewegendes Bild, ein tableaux vivant könnte man sie nennen. Auf das Papier und die Leinwand, auf Holztafeln scheint sie es kaum geschafft zu haben, immerhin auf YouTube hat sie es geschafft. Vielleicht hatte sie in der Antike was von Fußgängerzonen, die niemand fotografieren will und deren Fotos man erst bestaunt oder vermisst, wenn die Leute und Dinge darin mit ihren Kleidungen, Frisuren und Farben vermissbar entfernt sind.
3.
Ist auf den Folien vom Tosen, vom Wirbel und vom Wind zu sehen, den die mancipatio zwar macht, aber nicht erzeugt? Ja, das muss so sein. Die Form der mancipatio ist zügig. Die zügige Form ist die Einfalt der Differenz von auf und ab. Die mancipatio convertiert den Wirbel und streckt ihn, macht ihn und bringt ihn zur Strecke. Verschwinden wird der Wirbel nicht, er erscheint geringer.
Martha
Martha ist ein dokumentarischer, (ur-)komischer, alchemischer Film, der in Rom (wo sonst?) anfängt und einem schnell mit ein paar Treppenszenen, vor allem auch Szenen zum Werben und Wirbeln (zur venditio) kommt.
Martha, aber doch nicht vor dem Frühstück - das dürfte so mit mein Lieblingszitat aus allen Fassbinderfilmen sein.
Apocalypse Now intro: The Doors, The End {1979}
Vergleichende Meteorologie
Die Abstraktion ist keine gesicherte Errungenschaft. Das Konkrete ist nicht der Grund und nicht der feste Boden unter den Füßen. Die vergleichende Meteorologie geht davon aus, dass Begriffe nirgends ihre Abstraktion vollenden, nirgends im Konkreten ihre Ruhe finden. Begriffe strudeln, wie Strudel ziehen sie noch Bilder durch und sind von Bildern durchzogen.
Was venditio ist, ist nicht ausdifferenziert, die Trennung hört nicht auf, auch Assoziation und Austausch zu sein. Um zu verstehen, was venditio heisst, reicht es nicht, sich ein Bild und einen Begriff zu machen und beides dann sortiert abzustellen. Man braucht einen Atlas, soll die Bilder und Begriffe bewegen, ihre Regung wahrnehmen. Etwas an dem, was venditio ist, erscheint noch zu Beginn von Apokalypse Now, dafür muss man nicht messianisch denken oder nicht denken, dass messianisches Denken religiös und nur religiös sei. Es reicht, etwas vom Nachleben der Antike zu protokollieren. Francis Ford Coppola arbeitet nicht erst seit Megalopolis zu Rom und zum Nachleben der Antike. Er arbeitet immer schon dazu, Apokalypse Now ist von Referenzen gespickt, Vergils Aeneas spielt immer wieder eine Rolle, vor allem in der Passage, in der Colonel Kurtz hingerichtet oder abgeschlachtet wird. Der Anfang von Apocalypse Now ist auch als Szene zu ventus/ venditio lesbar. Das ist eine Wirbelszene, die ergreift, schon weil sie ein Motiv exponiert: das Ergreifen und seine Nebenwirkungen. Was passiert noch so, wenn man etwas beherrschen will und dafür etwas begreift, ergreift, sogar angreift.
empto et vendo
1.
Kaufen und verkaufen: Als ich eines Morgens, das war 1993, mit dem Nachtzug aus St. Petersburg, wo ich ein Wochenende in Eis und Schnee verbracht hatte, in Moskau ankam, stand einer der damals nicht ungewöhnlichen Mercedes ohne Nummernschild vor dem Bahnhof.
In dem Wagen saßen zwei Typen, die in einem Jerry-Cotton-Heftchen Gorillas genannt würden. Einer von ihnen, der Fahrer, hatte die Ellbogen auf das Lenkrad gelegt, der Wagen parkte. Der Fahrer hielt gleichzeitig einen jener Revolver in der Hand, von denen es in einem Jerry-Cotton-Heftchen heißen würde, dass sie bei Gebrauch gemein bellen. Ich bin kein Spezialist, aber eine Beretta kann es gewesen sein. Der spielte damit etwas gelangweilt.
An dem hinteren Fenster hing auf der Innenseite ein Pappschild, auf dem stand handschriftlich so notiert, dass die Oberfläche der Pappe mit dem Schriftzug eingedrückt und leicht aufgerissen war : Мы покупаем все/ Wir kaufen alles. Mit den Linien der Schrift kam zum Vorschein, dass der Schreibgrund Wellpappe war. Das war eine vague Schrift, gewagt war sie auch.
Das alles bildete ein Objekt, und dieses Objekt war ein Bilderfahrzeug, ein Wagen und ein mobiler Händlerstand, das was ein Laden, ob der Revolver auch geladen war, konnte ich nicht erkennen. Ich bin kurz stehen geblieben, gerade lang genug, um mir Details einprägen zu können und kurz genug, um vom einem der beiden nicht angesprochen zu werden. Warum? Offensichtlich waren das Kleinganoven. In der Anwaltskanzlei, in der ich als Praktikant arbeitete, ging es um größere Geschäfte, ich hatte da, obschon nur Praktikant und noch nicht hinreichend examiniert, feste Arbeitszeiten und Termine. Keine Zeit zu verschwenden.
2.
Für dasjenige, was wir kaufen und verkaufen nennen, verwenden römische Institutionen die Worte empto/ vendo oder emptum/emptio und venditio. Die Digesten halten dafür eigene Abschnitte parat, eine berühmten von Ulpian zum Beispiel.
An diesen Worten unterscheidet man eine begriffliche, eine wörtliche, eine bildliche Verwendung, man kann sie auch allegorisch, literarisch, anagogisch, moralisch...man kann sie auf mehr als vierfache Weise verwenden. In Warburs Sinne sind Worte wie Bilder Symbole, die durch Distanzchaffen erzeugt und für ein Distanzschaffen verwendet werden. Diese Zeichen pendeln und wandern dabei, ihr Sinn ist auch unbeständig und kommt auch meteorologisch vor: schwebend situiert, vergehend und vorübergehend, schwer berechenbar bis notorisch unberechenbar bleibt, welchen Sinn jeweils der aktuelle Sinn sein soll.
Vendo/ Venditio taucht in Texten auch auf, wenn es um ein Gebläse, einen Wirbel geht, auch mit Bohei/ Aufsehen oder Aufheben machen/ Tumult erzeugen kann man das übersetzen. Wenn man von bestimmten Leuten, die sich auf bestimmte Weise kleiden sagt, sie wollten sich oder irgendwas offensichtlich verkaufen oder Handel treiben, dann kann man ihr Tracht und ihr Betragen, das Tragen von mehr oder weniger Kleidung schon als venditio und als Teil des Geschäftes betrachten.
Die Gorillas in Moskau, die haben alles getan, um alles kaufen zu können und später mit Gewinn verkaufen zu können: auch den Mercedes haben sie dafür angeschafft, auch die Uhren und den Revolver haben sie dafür angeschafft, auch das Pappschild haben sie dafür angebracht, dafür haben sie auch ihre Muskeln und ihre Mimik trainiert. Die haben den Parkplatz dafür ausgewählt: gesehen zu werden, Aufsehen zu erzeugen.
1993 war die Zeit dafür, das war eine sehr geschäftige Zeit in Moskau, ich habe kurz dort fürstlich gewohnt, und eine ziemlich grundlegende Zeit war das in vielerlei Hinsicht. Das war in all' den Gründerjahren der heutigen russischen Gesellschaft das Gründerjahr schlechthin, bis hin zur Unterstütung, die manche geliefert haben, damit Jelzin das weiße Haus mit Panzern beschießen kann. Wäre ich damals in Lebensgefahr gewesen, wäre ich damals endgültig erwachsen geworden, so gab es immerhin ordentlich Schub in diese Richtung.
Die Russen wissen schon selbst was die tun, sie verantworten das auch selbst, sie machen das selber mit - aber das war zumindest das Jahr, in dem ich doch deutlich in etwas involviert wurde, in das man nicht unbedingt involviert werden will, wenn man immer auf der richtigen Seite stehen will. Für Warburg habe ich mich schon vorher interessiert, aber so wurde auch die Anwaltspraxis in Moskau ein Operationsfeld und Beobachtungsfeld, um mehr über Warburg wissen zu können: etwa darüber, warum er welche Fragen wie stellt und warum er so ein Aufheben um Polarität und Unbeständigkeit und Meteorolgie macht, wenn doch alles ständig funktionieren soll und nicht unbeständig sein soll.
Seitdem lese ich den Begriff venditio vorsichtig, sorgfältig, sorgsam und ich achte darauf, was die Leute mit dem Begriff loswerden wollen, auch dann noch, wenn sie sagen, er müsse wörtlich, dürfe aber nicht bildlich verstanden werden.
3.
emptum/ emptio: Für das Wort gilt auch, dass es pendelt: Zum kaufen, erwerben. Es ist überraschend, dass Gaius in seiner Beschreibung der mancipatio das Wort venditio wählt, nicht emptum oder emptio (obwohl er nur die Handlung des Erwerbers beschreibt).
Bei den Lateranverträgen fliesst viel, viel, viel Geld. Man braucht etwas Zeit, die Summe aufzuschreiben und noch mehr Zeit, sie aufzutreiben und abzustottern. Der heilige Stuhl verzichtet auf Gebiete, auf Immbobilien und auf Land, das dem Kirchenstaat gehörte und dem Staat der Stadt Vatikan nicht mehr gehören soll - dafür wird der heilige Stuhl vom Königreich Italien auf eine Weise bezahlt, dass alle beteiligten Unterhändler sagen, das sei ein angemesser und fairer, ein tragbarer Preis.
In den Verhandlungen wird die Zahl genannt worden sein und dann wird jemand gesagt: wir ziehen in Betracht, jetzt zu unterschreiben. Man nennt die Lateranverträge keinen Kaufvertrag, das ist richtig so, vor allem ist die Benennung gut gemacht, sie ist vergütet und veredelt, sie passt und letzlich passierte sie auch einfach. Das ist Recht und es ist recht technisch. Man sagt nicht, dass die Feierlichkeiten um die Lateranverträge ein Anpreisung, ein Wirbel oder Gebläse, ein Tumult gewesen wären. Waren sie aber - und Gertrude Bing beschreibt das sehr genau in ihrem Protokoll für das Tagebuch der KBW, aus dem wiederum Aby Warburg Tafel 78 bastelt.