18. Juli 2021
Der Verkehrsfunk-Fortschritt wohnt im Kabel und verwirrt mich
Die Mutter redet schon länger von der Anschaffung eines neuen Navis. Das alte ist von 2010, lässt sich schon seit Jahren nicht mehr updaten und muss viel auf Straßen herumfahren, deren Existenz es bestreitet. Von Staus weiß es auch nichts.
Ich habe mich gegen die Neuanschaffung gesträubt, seit ich bei der ersten Recherche (irgendwann 2019 oder 2020) herausgefunden habe, dass inzwischen alle Navis mit dem Internet reden können. Die Mutter erschreckt sich schon in Situationen, in denen sie nicht am Steuer sitzt, wenn ein Gerät etwas Überraschendes wie zum Beispiel ein Update von ihr verlangt. Ich will auf keinen Fall, dass so ein internetfähiges Navi sie mit Wünschen, Fragen, Fehlermeldungen oder ungebetenen Updates terrorisiert.
Zwei Tage vor einer längeren Autofahrt spricht sie das Thema wieder an. Ich versuche sie davon abzubringen, preise die Vorzüge des alten Navis (”es nervt und es funktioniert schlecht, aber wenigstens immer auf die gleiche Art und ohne Überraschungen!”), aber sie bleibt dabei: Es wäre schön, ein Navi zu haben, das nach 2010 gebaute Straßen kennt. Und vielleicht auch ein größeres Display hat, auf dem sie was erkennen kann.
Ich suche noch einmal. Ich kaufe eine Übersicht der Stiftung Warentest (nicht hilfreich). Ich lese viele Amazonbewertungen (hilfreich). Ich finde ein Navi, das nur gelegentlich zu Hause im WLAN mit dem Internet reden möchte und den Rest der Zeit offline zurechtkommt. Sein Wissen über Staus bezieht es aus dem Radio. In den Kundenbewertungen scheinen einige Leute zufrieden damit zu sein. Und man kann es im örtlichen Elektronikmarkt kaufen.
Am Tag darauf beschaffe ich das Gerät. Es muss nach dem Auspacken erst mal 10 GB Updates laden und braucht dafür fünf Stunden, in denen man den Download auf keinen Fall unterbrechen darf. Aber dann funktioniert es und man kann sogar mit ihm reden: “OK Garmin”, “Adresse suchen” und so weiter. Das möchte die Mutter nicht machen, zu meiner Überraschung findet sie es schwieriger und verwirrender als das Eintippen des Ziels.
Dann probieren wir das neue Navi aus. Manche Baustellen kennt es weiterhin nicht, einige aber doch. Wenn es etwas Neues aus dem Verkehrsfunk erfahren hat, zeigt es das auf dem Display an. Das ist für mich der mystischste Aspekt des Geräts. Ich habe keine Ahnung, was im Hintergrund passieren muss, damit das funktioniert.
Das System heißt “Garmin Live Traffic” und basiert auf dem Digitalradiostandard DAB+. “Damit wird eine 80-fach größere Datenrate als mit dem bisherigen RDS-TMC erreicht”, heißt es auf der Herstellerseite. In Deutschland ist das System seit 2014 verfügbar, diese Quelle erklärt auch ein bisschen, wie es funktioniert.
Der Verkehrsfunkempfänger ist nicht im Gerät, sondern im Gerätekabel verbaut, das auf der einen Ende einen Mini-USB-Stecker und auf der anderen Seite einen Zigarettenanzünder-Stecker hat. Ich wüsste gern, warum das so ist, kann aber nichts dazu finden. Meine provisorische Theorie ist, dass man für den Digitalradioempfang irgendeine Art Antenne benötigt und diese Antenne sich im Ladekabel befindet oder womöglich das Ladekabel ist. Es ist alles höchst mysteriös. Wie die eigentliche GPS-Navigation funktioniert, kommt mir dagegen einfach und alltäglich vor, man braucht nur ziemlich viele Satelliten in Erdumlaufbahnen zu schießen und ein bisschen zu messen und zu rechnen, was soll schon sein.
(Kathrin Passig)















