Kapitel 1: Rebellen
Die Sonne trocknete unbarmherzig das gepeinigte Land aus, welches unter ihr lag. Erst die Pflanzen, dann die Flüsse, schließlich die Hoffnung. Die Hitze gehörte zur Demokratischen Republik Kongo, wie die Konflikte, die seit Jahren wüteten. Ein Reich, dem der Himmel keinen Frieden gönnte. Nun sollte sich alles zum Guten wenden, ausgerechnet im Osten des Staates; jenem Teil, der vom Bürgerkrieg am heftigsten gebeutelt wurde. Wie so oft kamen die Ausländer in den Kongo. Moderne Technik gepaart mit absurden Gelöbnissen. Der Kairos der Armut zu entfliehen verfing. Einem Buschfeuer gleichend, das nachdem es einen Baum niederbrannte, auf den nächsten über griff. Wohl wissend, wie aussichtslos der Versuch das Feuer am Leben zu erhalten sein musste. Ebenso versuchten die Menschen, die Flamme der Zuversicht nicht erlöschen zu lassen. Sobald ein Versprechen zur Farce kristallisierte, hofften die Erdenbürger auf den baldigen Heilsbringer. Zwei Dekaden lang wollte das Grauen jenes prächtige Fleckchen Erde mitnichten aus einem eisernen Würgegriff entlassen. Gesegnet mit Bodenschätzen, gepeinigt von menschlichen Interessen. Zuerst kamen die Milizen. Statt die Bevölkerung an den Rohstoffen zu beteiligen, stopften sie die eigenen Taschen voll. Schlimmer! Sie finanzierten Bürgerkriege. Machten den einstigen Segen zum Joch. Zyniker bezifferten den Wert einer Kalaschnikow höher, als den eines Menschenlebens. Zola lebte über zwei Jahrzehnte im Kongo. Sah Tag ein Tag aus, die Gräuel des Krieges. Bilder mit dem Potenzial, eine Kinderseele zu verrohen. Doch das verlor an Bedeutsamkeit. Sie wuchs trotz der widrigen Umstände zu einer jungen Frau heran. Eine gebildete Dame, in den dörflichen Strukturen der Heimat ein Detail, dem wenig Bedeutung beigemessen wurde, dennoch die Schulbildung erfüllte sie mit Stolz. Keine Selbstverständlichkeit im Kongo. Der Bürgerkrieg raubte den Kindern nicht nur die Unbeschwertheit, sondern die Perspektive. Im Gegensatz zu den Freundinnen träumte sie keineswegs von einem angesehenen Beruf, wie Ärztin oder Anwältin, sie träumte vom Erhalt des Virunga Nationalparks. Nichtig wirkten die Vorzüge des Geldes, verglichen mit der unbändigen Schönheit des Regenwaldes. Ein Paradies, von dessen Umwandlung zur kapitalistischen Hölle, westliche Investoren fabulierten. Ständig stellte sie jene Frage. Wieso mussten ausgerechnet hier Ölvorkommen liegen? Die naturwissenschaftliche Exemplifikation der Fragestellung erschien der Heranwachsenden trivial, . In ihren Augen ließ sich ein Naturwunder durch partout nicht erklären. Doch gerade ebendieses Kleinod fiel der orgiastischen Gier der Geldaristokrat anheim. Übersahen die weißen Kerle die Ästhetik, die Einzigartigkeit des Flecken Erde? Heimat von Berggorillas und Waldelefanten, sowie zahlreichen weiteren unschätzbaren Preziosen. Erkannten die Männer all das? Sans gêne, allerdings vermochte lediglich der Anblick von Dollarnoten sie in einen Zustand des Glücks versetzen. Sie verachtete die Besatzer, wie sie die Fremden nannte. Eine Meinung, die sie im Dorf besser nur im Geiste kundtat. Viele träumten bereits vom Reichtum, den das Erdöl mit sich brachte. Zola verzweifelte an derartiger Naivität. Natürlich generierte auch dieser Bodenschatz Wohlhabenheit, doch nicht dem afrikanischen Kontinent. Das Geld floss stets auf dem schnellsten Weg ab. Zurück blieb Gift. Vergiftete Böden, vergiftetes Wasser, vergiftete Menschen. Nur lernte niemand daraus. Ihr konnte die Opulenz gestohlen bleiben. Banknoten interessierte sie keineswegs. Was sollte sie schon kaufen? In der Gegend existierte abgesehen von unberührter Wildnis kaum etwas. Sie musste die Schurken aufhalten. Die Heimat der Bergelefanten vor der unwiederbringlichen Zerstörung bewahren. Ein Himmelfahrtskommando. Eine einzelne junge Frau, gegen die Interessen eines mächtigen Großkonzerns, für den zahlreiche einheimische Sympathien hegten. Zola fluchte. Die Aussichtslosigkeit raubte ihr den Atem. Sobald Sie die wahrscheinlichen Folgen der Erdölfolgerung in der Gemeinde erörterte, stieß sie entweder auf taube Ohren oder Unverständnis. Alle hielten Sie für sie für seltsam. Schließlich erschienen diese Männer, um die Armut zu bekämpfen, der Bevölkerung eine Zukunft zu schenken. Ihr kam wieder das indianische Sprichwort in den Sinn: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werden die Menschen feststellen, dass man Geld nicht essen kann.“ Nur ein Scheinargument, für Existenzen, die sich ohnehin kaum etwas zu fressen leisten vermochten. Sie musste raus aus dem Dorf. Rein in die Wälder des Nationalparks. Wer weiß, wie lange sie dazu in der jetzigen Form noch die Möglichkeit bekam. Der Gedanke schmerzte sie. Der schönste Ort, den sie kannte, sollte den Interessen ausländischer Geldhaie zum Opfer fallen? Dabei ließen sich Lehren aus ähnlichen Sachverhalten ziehen. Ecuador durfte als eindrucksvolles Beispiel für die negativen Konsequenzen der Erdölförderung im Urwald herangezogen werden. Ach, wofür legte sie sich überhaupt Argumente zurecht? Keiner in Zolas Einflusssphäre schenkte ihr ein offenes Ohr. Ihre Erziehungsberechtigte verlangte von ihr, zu heiraten, statt sich für den Nationalpark zu engagieren. Sie wäre froh, wenn ihre Mutter ihr Engagement in derart positive Worte fasste. Abgesehen von Argwohn hatte auch sie nichts für Zolas Ideale übrig. Sie stapfte in den Regenwald, auf der Suche nach Inspiration. Sie konnte das Unheil abwenden, sie brauchte nur einen geeigneten Plan. Diese Überzeugung verfocht sie eisern, hauptsächlich allerdings vor sich selbst, schließlich hörte niemand den skeptischen Sätzen zu. Wohlmöglich brachte ein Streifzug den ersehnten Einfall. Irgendwie mussten jene Gauner doch zu stoppen sein. Die Aussicht einen Berggorilla zu sehen, vertrieb alle Sorgen, zumindest vorübergehend. Plötzlich ein Rascheln im Unterholz. Sollte ihr Wunsch in Erfüllung gehen? Ernüchterung machte sich breit. Lediglich ein junger Bursche stapfte da aus dem Dickicht. Sie überlegte, ihn zu rügen, was er dort im Gebüsch zu suchen habe, als sie der Sonderling mit einem Lächeln entwaffnete. Der Wanderer nannte ungefragt seinen Namen. Vielleicht tickte der Kerl anders, als die Verblendeten im Ort. Am liebsten hätte Zola ihn unvermittelt gefragt, was er in der Pampa trieb. Andererseits wäre die Fragestellung ebenfalls berechtigt gewesen, wenn er sie ihr stellte. Außerdem wollte sie keinesfalls unhöflich wirken. Wieso begegnete sie dem Typen zum ersten Mal? Im Dorf kannte sie jeden. Nach zwei Jahrzehnten hier draußen tendierte die Wahrscheinlichkeit, einem Fremden zu begegnen gegen null. Der ungewöhnliche Umstand weckte Zolas Neugierde. Glücklicherweise kam ihr der Mann zuvor, gab Antworten auf die Rätsel, die sie aus reiner Etikette herunterschluckte, statt sie auszusprechen. „Du fragst dich, was ich mache?“, schlussfolgerte er unvermittelt. Zola nickte eifrig. „Nun die Entwicklungen sind wirklich dramatisch. Zuerst sprachen alle nur von den Briten, die nach Öl bohren wollen. Meinen Informationen zufolge, ist dieses Schreckensszenario nun Realität geworden. Erste Probebohrungen nahmen sie vor einigen Tagen auf, zumindest habe ich das gehört. Der Gedanke ließ mir keine Ruhe, ich musste einfach nachsehen“, ein desperates Vorhaben. Der Blick ein stummes Zeugnis von Desillusionierung. Doch sein Idealismus trieb ihn an. Die Ohnmacht des untätigen Zusehens ertrug Byduo schwerlich. Zola begann, über das gesamte Gesicht zu strahlen, endlich ein Gleichgesinnter! „Ich dachte bereits, ich wäre die Einzige im Umkreis von hundert Kilometern, die ein wenig Vernunft besitzt. Angenommen die Gerüchte stimmen, was können wir dann noch retten?“, ernüchtert blickte sie zu Boden. „Hey denk positiv. Pessimismus führt unweigerlich zur Katastrophe. Sobald wir aufgeben, gewinnen die Verbrecher“, er machte keinen Hehl aus seiner Fassungslosigkeit. Der Kampfgeist imponierte ihr. „Also schön, wo beginnen wir mit der Suche?“, wollte sie wissen, sichtlich um eine optimistische Tonlage bemüht. „Ich weiß es bestenfalls ungefähr. Uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als das gesamte Areal Stück für Stück abzusuchen. Wenn wir davor stehen, werden wir es sofort erkennen. Bestimmt wird es einige Zeit dauern. Doch ich habe in den kommenden Wochen nichts Besonderes vor“, dieser junge Mann brannte für den Regenwald, genau wie sie. Byduo blickte sie fragend an, bis sie realisierte, dass sie sich noch vorstellen musste. „Ich bin Zola“, gab sie aphoristisch bekannt. „Freut mich“, er verkniff sich den Truismus, suchte ein prägnanteres Ende seines Satzes, „endlich einer mutige Mitstreiterin zu begegnen.“ Sie nickte breit lächelnd, sie spielte keine Freude vor. Optimismus keimte in ihr auf. Wuchs rasend schnell heran, wie ein Samenkorn im ausgedörrten Wüstensand, welches nach endloser Trockenheit vom Monsun zum Leben erweckt wird. „Denkst Du, die Gerüchte stimmen?“, die Wut in Zolas Klangfarbe, trat überdeutlich zu Tage. „Ich wäre überrascht, einen Irrtum vermag ich praktisch auszuschließen. Wir befinden uns in Afrika. Der Westen sieht uns als einzige Rohstoffmine an. So lange Profite erzielt werden, verharrt alles in den verkrusteten Strukturen. Mittlerweile begreifen sogar die Chinesen, wie vortrefflich sich der schwarze Kontinent ausbeuten lässt. Ich verstehe nur schwerlich, wie die Menschen hier so naiv sein können. Niemand kann ernsthaft glauben, die Engländer brächten Reichtum. Sie kommen als wohlhabende Geschäftsleute, sobald sie verschwinden, sind sie Millionäre. So läuft es doch immer. Wenn das Geld im Inland bleibt, finanziert der nächstbeste Milizionär die nächsten fünf Jahre Bürgerkrieg“, er spuckte verächtlich auf den Boden. Zola seufzte: „Vermutlich liegst du mit deiner Einschätzung vollkommen richtig. Dennoch, noch ist dieses Land nicht vom Erdöl verseucht. Ich schlage vor, wir entwickeln einen Plan, gehen systematisch vor. Besitzt du eine Landkarte?“ Er nickte zögerlich: „Eine Karte ist in der Tasche, bloß mir fehlt ein Stift.“ Sie wippte triumphal mit dem Kopf: „Ich habe immer einen Kugelschreiber dabei.“ Byduo trat erleichtert mit dem Atlas an sie heran: „Wir stehen hier, wir beginnen am Besten mit der unmittelbaren Umgebung. In den nächsten Tagen tasten wir uns dann kilometerweise tiefer in den Regenwald hinein. Hast du ein Gewehr?“ Die Frage überraschte sie. Diese Männer mochten skrupellos mit der Natur umgehen, aber ob sie Kritiker tätlich angriffen? Der Gedanke kam ihr paranoid vor. Vermutlich begriffen die Europäer überhaupt nicht, mit welcher Intention die beiden im Naturreservoir stromerten. Selbstverständlich misstraute sie den Weißen zutiefst, doch derartig sinistere Absichten, erschienen ihr konstruiert.. „Was sollen wir mit einem Maschinengewehr? Nachher hält uns noch ein Ranger für zwei Wilderer“, alles in ihr sträubte sich dagegen, mit einer Waffe durch das geliebte Paradies zu streifen. „Hier gibt es mehr als nur Ölgeier. Die Milizen sind die Gefahr. Ich will lieber nicht wissen, wie viele Guerillas die abgeschiedene Ruhe des Virunga-Nationalparks als Rückzugsort missbrauchen“, der Gesprächspartner mutete sichtlich besorgt an. Natürlich! Die Paramilitärs. Zola verdrängte die beunruhigende Gegebenheit, so gut sie konnte. Monate ihres Lebens verbrachte sie im Regenwald. Einem Kämpfer mit Kalaschnikow kreuzte in all den Jahren nie den Weg. Allerdings ging sie selten wirklich tief in den Busch hinein. Eigentlich kannte sie nur ein winziges Bruchstück des Waldes. Byduo riss sie aus den Gedanken: „Ohne Gewehr gehe ich keinen Kilometer da rein“, sein Finger deutete in Richtung des dichten Dickichts, was vor ihnen lag. Vermutlich waren die Bedenken begründet. Die Menschen im Dorf sprachen nicht gerne über jene Männer, die getrieben von Gier und Hass den Bürgerkrieg ständig anheizten, wenn die Situation sich abzukühlen begann. Dementsprechend mager fiel ihr Wissen bezüglich der Milizen aus. Einige Horrorgeschichten von Vergewaltigungen, Enthauptungen oder versklavten Kindern machten immer mal wieder die Runde im geselligen Kreis. Bisher tat sie die Thesen stets als Ondits ab. Wie viel Wahrheit tatsächlich darin steckte? Wer vermochte darüber verlässliche Prognosen treffen? Sie beschloss dem jungen Mann, der durchaus zu einem Freund werden konnte, ein wenig auf den Zahn zu fühlen: „Sei ehrlich, würdest du für die Rettung des Nationalparks morden?“ Sie wusste nicht, was sie mit der Frage bezweckte. Welche Konsequenz leite sie daraus ab? Sich selbst redete Zola ein, sie erwäge alles Nötige, um die Ölförderung zu unterbinden. Die Delinquenten ließen wohl kaum vom Vorhaben ab ab, sie zu töten, wäre die einzige mögliche Stringenz. Zolas Blick insistierte, wenn der Bursche eine Kooperation wollte, schuldete er ihr eine Antwort. „Mein Gewissen wird mich danach plagen, da bin ich von überzeugt, doch ich habe den Entschluss gefasst, bis zum Äußeren zu gehen. Der Nationalpark ist wertvoller als sämtliches Erdöl der Welt, folglich ist er unter Garantie bedeutender, als das Leben von Verbrechern“, er verfocht einen kompromisslosen Standpunkt. Zola wusste nicht, was sie davon halten sollte. Egal was jene Menschen auch taten, sie blieben dennoch schützenswerte Individuen, oder? Andererseits, wenn die Eindringlinge sich nur vom Tod aufhielten ließen, durfte ein Mord als letzte Recht schaffende Instanz herangezogen werden? Legitimiert durch die Bedeutsamkeit des verfolgten Ziels? Sie entschied die Problematik mit ihm auszudiskutieren. Gleichwohl musste sie ihn dazu besser kennenlernen. Je weniger Leute Zolas Überzeugungen teilten, desto wichtiger wurde das Verhältnis zu den einzigen Verbündeten. Was für eine Untertreibung. Streng genommen, kannte sie abgesehen von Byduo niemanden, der ihre Ansichten vertrat. „Wie gehen wir vor?“, erkundigte sich Zola nach der Konzeption, des irrwitzigen Unterfangens. „Wir treffen uns morgen bei Sonnenaufgang an derselben Stelle. Den Rest des Tages werde ich nutzen, um uns zwei Kalaschnikows zu besorgen. Das ist der Vorteil eines Bürgerkriegslandes, hier kriegst du eine Kalaschnikow für 30 Dollar an jeder Ecke“, bemerkte er kaustisch. Ohne ein Wort zu verlieren, verschwand er ebenso abrupt im Dickicht, wie er vor wenigen Minuten kam.
Zola lag die ganze Nacht wach. Die Gedanken kreisten im Kopf, wie der Mond um die Erde. Noch bevor die Sonne ihr gleißendes Licht auf ihr Dorf warf, packte sie das Nötigste in einen Lumpen. Ein wirklich schäbiges Behältnis, das eigentlich eher als Beutel, denn als Tasche bezeichnet werden musste. Für etwas Besseres fehlte ihr die Moneten. Die meisten jungen Frauen hätten sich geschämt, sie trug den Gegenstand mit Stolz. Machte er doch deutlich, wie sehr ihre Aussagen mit persönlichen Überzeugungen in Einklang bringen ließen. Geld bedeutete ihr nichts, das Gepäckstück symbolisierte den tragbaren Beweis. Sie dezidierte, niemandem über ihr Fortgehen zu informieren. Bestenfalls schlug ihr Unverständnis entgegen, schlimmstenfalls versuchte jemand, sie aufzuhalten. Überpünktlich traf sie unter dem mächtigen Mammutbaum ein, an dem sie Byduo gestern begegnete. Er schien weniger exaltiert zu sein, als sie, oder er legte einfach keinen großen Wert auf theatralisierte Pünktlichkeit. Die ersten fahlen Sonnenstrahlen brachen bereits durch das dichte Blätterdach des Urwaldes. Zola störte sich nicht an Byduos Verspätung, dafür verehrte sie die Sonnenaufgänge im Park zu sehr. Sie vernahm ein Rascheln im Geäst. Euphorisch legte sie den Kopf in den Nacken. Die Erwartungen wurden erfüllt. Ein Berggorilla hangelte sich von Ast zu Ast, guckte mokant auf sie hinab. Diese fabelhaften Geschöpfe mussten bewahrt werden, egal, zu welchem Preis. Lieber einen potenziellen Ökoterroristen wie Byduo an ihrer Seite, als einen weich gespülten Baumknutscher, der den Satan mit einem sachlichen Gespräch aufhalten wölle. Ein Knacken lenkte Zolas Augen wieder auf das unterste Stockwerk des Regenwaldes. Er bahnte sich seinen Weg durch das Geäst. Das plötzliche Auftauchen aus dem Unterholz musste ein Markenzeichen von ihm sein. Er schulterte neben einem großen Rucksack, zwei Kalaschnikows. Jeweils eine hing an jeder Schulter. „Hier, die schenke ich dir, du wirst sie brauchen“, er warf ihr das AK-47 zu. Sie fing die Waffe geschickt, protestierte jedoch augenblicklich: „Ich habe nie schießen gelernt!“ „Wenn siebenjährige Kindersoldaten damit umgehen können, kannst Du das auch“, Er grinste sardonisch. Byduos Persönlichkeit verband Verbitterung mit Optimismus auf phantasmagorische Weise. Ihr Gespräch kam zum Erliegen. Zola präferierte ohnehin die Geräusche des Waldes. Schweigend stapften sie nebeneinander her, immer tiefer ins Dickicht. Die ersten Kilometer legten sie problemlos zurückliegen. Bis der Weg schließlich unpassierbar wurde. Ein Pflanzendickicht überwucherte den Weg, so als wöllte, die Natur sich vor den Plünderungen durch den Menschen bewahren. Wortlos zog Byduo eine Machete aus seinem Rucksack. Der Kerl dachte wohl an alles. Dessen ungeachtet war das Fortkommen von Entbehrungen geprägt. Der Nationalpark gab das Innerste nur zentimeterweise preis. Die Anstrengung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Zola wagte kaum, auszusprechen, welche Qual ihr der Anblick des zerhackten Gestrüpps bereitete. Die Trauer schlug in Ärger um, sie überlegte in infantilen Bahnen. In wenigen Tagen wucherte ihr Durchgang wieder zu. Was die Weißen im Schilde führten, war deutlich schlimmer. Die Natur mochte das raubeinige Eindringen verzeihen, glücklicherweise existierten gute Gründe für ihr Verhalten. Schließlich kamen sie auf einer kleinen Lichtung zum Stehen. Vielleicht zehn mal zwölf Meter breit. Doch wer durch den Regenwald pirschte, durfte nicht komfortversessen sein. Wortlos fassten beide zu dem Entschluss, eine Pause einzulegen. Neben der Hitze machten ihnen die Moskitos zu schaffen, offenbar empfanden die Stechinsekten Menschenblut als eine exotische Bereicherung des Speiseplans. Wie Vampire fiel der Schwarm über die Umweltschützer her. Zola überkam ein Redebedürfnis. Bisher konstruierte sie lediglich im Stillen ein Bild von ihrem Begleiter. Auf einige Fragen fand sie einfach keine Antworten: „Byduo, wieso nimmst Du das auf dich? Alle im Dorf träumen vom Reichtum, den die weißen Männer angeblich bringen. Wenn ich kritische Sätze äußere, werde ich angefeindet. Ohne Anlass stellt sich niemand der Übermacht freiwillig entgegen.“ „Nun, ich glaube, du besitzt ein Anrecht auf die Wahrheit. Schuldgefühle sind der Grund. Mein Vater ist ein einflussreicher Politiker in der Demokratischen Republik Kongo. Ich wünschte, dem wäre nicht so. Er ist einer der Hauptschuldigen für dieses Desaster. Bei der Lizenzvergabe hatte er maßgeblich die Finger im Spiel. Auf sein Drängen hin wurde das Genehmigungsverfahren noch beschleunigt. So nun weißt du’s. Du kannst mich jetzt verachten, du hast ein Recht dazu.“ Ein Moment der Stille breitete sich aus. „Wieso sollte ich dich dafür hassen? Ich muss eher Bewunderung empfinden, schließlich versuchst Du, den Fehler eines Familienmitglieds gutzumachen. Weiß er in, in welcher Form Dein Protest ausfällt?“ „Ja. Ich sagte es ihm direkt ins Gesicht, also was ich davon halte. Ich schwor ihm, für den Erhalt des Virunga-Nationalparks zu sterben, vorausgesetzt es käme dem Schutz zu gute.“ „Wie hat er reagiert?“ „Er hat gelacht. Bis ihm die Ernsthaftigkeit der Äußerung bewusst wurde. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Als ihm das klar wurde, wollte er mich nie wieder sehen. Meine Mutter zeigte sich minder kaltherzig. Allerdings wagte auch sie es selten, ihm zu widersprechen. Immerhin schenkte sie mir zehn Millionen Kongo Franc. Ich weiß die meisten Menschen gäben alles für diese Summe. Die Europäer kann ich hiermit nicht bestechen. Allein dafür bräuchte ich Geld. Das sind weniger als zehntausend Euro, darüber lächeln die allenfalls müde. Naja zumindest konnte ich mich von Kinshasa bis hierher damit problemlos durchschlagen. Ich besorgte mir zerfetzte Kleidung, niemand sollte mir den Reichtum ansehen. So fuhr ich für ein paar Münzen auf diversen Pick ups mit. Die Fahrt hat zwei Wochen gedauert, doch wie du siehst, bin ich angekommen.“ Zola sah ihm an, wie ihn das Gespräch über seine Situation schmerzte, eilig wechselte sie das Thema: „Wenn wir den Ort der Probebohrung finden, was machen wir dann? Hast du dir die Frage jemals gestellt?“ „Schau dir an, was da um deinen Hals hängt“, Byduo deutete mit dem Finger auf ihre Kalaschnikow. „Ich habe darüber nachgedacht, was Du gestern sagtest, ob ich die Ausbeuter ermorden könnte. Ich bin zu einem Entschluss gekommen. Ich muss sie hinrichten, lediglich die Angst vor dem Tod kann weitere Konzerne davon abhalten, hier Öl zu suchen. Die Demokratische Republik Kongo genießt nicht gerade den besten Ruf, niemand soll glauben, dieses Land verfügte umsonst über eine niedrige Reputation“, Er lächelte müde. So sah er aus – der Plan. Ziemlich trivial, in Anbetracht des übermächtigen Gegners. Sie durchforstete ihren Geist nach einer ausgefeilteren Strategie. Desillusioniert gab sie auf. Byduos Vorhaben weckte kein Vertrauen in ihr, aus Ermangelung einer besseren Alternative beließ sie es dabei. Nun kannte sie also seine Beweggründe. Vergangene Nacht spann sie einige Theorien, der Wahrheit kam sie jedoch nur im Ansatz nahe. Byduo handelte aus tiefster Überzeugung, sie wagte kaum, an dem Axiom zu rütteln. Er mochte einen schwarzen Humor pflegen, verlogen war er keinesfals. Zola verfügte über passable Menschenkenntnisse. Einen derartigen Aufwand betrieb niemand, bloß um eine Fassade aufrechtzuerhalten. Nein, er war ein Seelenverwandter. Die Erkenntnis kam ihr surreal vor, glaubte sie doch bisher die einzige Vorkämpferin der Vernunft zu symbolisieren. Als Anwältin jener ohne Lobby – den Tieren. Ihr Begleiter ging lediglich einen Schritt weiter. Er verzichtete auf die alleinige Verteidigung, er übernahm die Rolle des Richters. Wer die Natur verachtete, starb, dieser brachialen Logik folgte Byduo. Eine bestechende Stringenz, wie Zola eingestehen musste. Sie befanden sich mittlerweile einen halben Tagesmarsch tief im Regenwald, die zurückgelegte Strecke konnte getrost vernachlässigt werden. Der Park umfasste eine Fläche von 7835 Quadratkilometern. Eine Zahl, die sie besser schnell vergaß, anstatt sie auf der Zunge zergehen zulassen, verdeutlichte es doch die Absurdität de Plans. Die schiere Größe des Gefildes machte ihr Vorhaben unmöglich. Zumindest so lange ihnen niemand einen Anhaltspunkt gab. Die Pause fand ein jähes Ende: Sie hörten ein Knacken, begleitet von laut streitenden Stimmen. Selten ein gutes Zeichen, mitnichten im Kongo. Dem Land, in dem selbst ausgewiesene Experten manchmal Schwierigkeiten bekamen, die zahlreichen Milizen auseinanderzuhalten. Hastig entsicherte Byduo seine Kalaschnikow. Zola saß verdutzt im Gras, mit einer flinken Handbewegung zog er den Entsicherungshebel von Zolas Waffe ebenfalls. Noch immer begriff sie den Ernst der Lage nur im Ansatz. Er packte sie grob am Arm, zerrte sie in den dichtesten Busch, den er auf die Schnelle ausfindig machte. Sie konnten nur hoffen, dass dieses subsidiäre Versteck, die Schutzsuchenden vor neugierigen Blicken bewahrte. „Schieß nur im äußersten Notfall“, ermahnte er sie raunend. „Zur Erinnerung, ich kann mit dem Ding nicht umgehen“, zischte sie zurück. Die Stimmen wurden lauter, schwollen zu einer unheilvollen Melodie heran. Zola lugte hinter einem Blatt hervor. Wie immer siegte ihre Neugierde über die Vorsicht. Weitere fünf Minuten vergingen, bevor sich die ersten menschlichen Konturen aus dem Dickicht schälten. Die Buschkrieger kamen ebenso wenig vorwärts wie sie, wenigstens vor einer eventuellen Verfolgung mussten sie kaum Angst haben, resümierte sie. Etwa dreißig kombattante betraten die Lichtung. Wer dort auf die Waldschneise trat? Nur ein ausgewiesener Kenner, der diversen im Kongo operierenden Guerillagruppen, mochte dazu eine belastbare Prognose abgeben. Egal, wer da vor ihnen stand – durch Nächstenliebe, machte keine kongolesische Miliz Schlagzeilen. Sie versuchte, einen weiteren Blick auf die Männer in Fantasieuniformen, zu erhaschen. Byduo hätte sie am liebsten lautstark gemaßregelt; angesichts der prekären Lage ein kontraproduktiver Impuls. Menetekelnd ließ er seine Gefährtin gewähren. sie erschrak, sobald ihr ein unverschleierter Ausblick auf die Milizionäre möglich wurde. Die Majorität der Kämpfer bildeten Minderjährige. Jugendliche? Kinder! Höchstens dreizehn Jahre alt, oder jünger. Enthielten die Geschichten am Ende einen wahren Kern? Übertrafen die Kindersoldaten die Anführer im Bezug auf Brutalität um ein Vielfaches? Zola verspürte weder den Drang, die Gerüchte im Selbstversuch zu verifizieren, noch zu dementieren. Die Truppe wirkte angespannt. Nichts deutete auf eine entspannte Pause hin. Ein etwas größerer Knabe blaffte Befehle, die Ausführung stellte ihn kaum zufrieden. Wutschnaubend kommandierte er die Leute zurück. Abgesehen von einem gehorchten alle devot. Der Bandenführer schritt zu dem Befehlsverweigerer herüber. Der Bube, der den Zorn des Chefs erregte, mochte unmöglich das neunte Lebensjahr vollendet haben. Der Ältere drückte mit seiner Hand auf die Schultern des Kindes. Offenbar verstand der Junge die Geste. Mit gesenktem Haupt sackte er auf die Knie. Als er im Schatten der meterhohen Bäume kniete, wirkte er klein, wie eine Zigarettenkippe auf einem Parkplatz. Zola wusste, welcher Fährnis sie sich aussetzte. Doch sie konnte den Blick unmöglich von der Szene abwenden. Ähnlich einem Kleinkind, dem die Mutter eintrichtert einen Einbeinigen niemals anzustarren. Mit dem Behinderten konfrontiert, verdrängt es alle Mahnungen, starrte gebannt auf die Anomalie. Einen Augenblick später bereute sie die Neugierde. Der Anführer zog seine Pistole aus dem Halfter. Schoss dem Kind kaltblütig in den Kopf. Konsterniert sah sie den leblosen Körper zu Boden sacken. Byduo riskierte keinen Blick durch die zwischen den Blättern befindlichen Schlitze. Sie registrierte, wie ihr Begleiter zusammenzuckte, als der Schuss fiel. Die Gerüchte stimmten also. Nun wusste sie, wie die Kindersoldaten in den eigenen Reihen für Ordnung einstanden. Was sie mit Zola anstellten, sollte sie entdeckt werden, malte sie sich lieber nicht aus. Die verbliebenen Kämpfer ließ der Zwischenfall so kalt, als habe jemand eine Tasche fallengelassen. Offenbar planten die Krieger einen längeren Aufenthalt. Die Männer nahm Platz. Aßen, tranken, bramarbasierten von diversen Gräueltaten. Ein Knabe, vielleicht zehn Jahre alt, schilderte, wie er einer Schwangeren das Baby aus dem Bauch schnitt. Die Geschichte sorgte bei den übrigen für Erheiterung, Gelächter tönte über die Lichtung. Byduo reagierte gegenteilig auf das Gehörte. Panisch vernahm die Naturschützerin Würgelaute ihres Begleiters. Zum Glück lachten die Jungs stets, so ging das Gros der Klänge im Gefeixe unter. Dennoch musste sie ihn schleunigst zum Schweigen bringen, wollte sie nicht enden, wie das Kind, welches dort im Dreck lag. Affektiv hielt sie ihm den Mund zu. Die Buschkämpfer verstummten, Byduo gab ebenfalls keinen Mucks mehr von sich. Allerdings schwiegen die Milizionäre einen Augenblick früher, als er. Offensichtlich bemerkte niemand die Töne aus dem Gestrüpp. sie atmete gerade erleichtert auf, als der Boss mit einer Handbewegung das Gefolge verstummen ließ. Sie wagte kaum noch, zu atmen. Das Atemgeräusch wirkte auf sie verräterisch laut. Langsam erhob der Mörder seinen vernarbten Leib, griff nach der Kalaschnikow. Entsicherte die Waffe, begleitet von einem metallischen Geräusch. Die martialische Melodie des heraufziehenden Todes. Sie drückte den Körper so tief wie möglich ins Buschwerk hinein. Etwas Scharfes bohrte in ihren Rücken. Heroisch unterdrückte sie einen Schmerzenslaut, obwohl sie blutete. Gesichert war im Busch nur ein baldiges Ableben aller unvorsichtigen. Selbst die Pflanzen schienen gegen sie zu konspirieren. Nun wagte sie keinen weiteren Blick. Eine staksige Bewegung enttarnte sie womögich. Byduo versuchte, in eine stabile Körperhaltung zu gelangen. So wie er da auf dem Hosenboden hockte, gab er eine Zielscheibe für den Kämpfer ab. Sie staunte, wie lautlos er den Positionswechsel vollzog. Auf dem einen Bein kniete er, den anderen Fuß setzte er rechtwinklig zum Fuß auf. Eine Schussposition, wie sie in zahlreichen Actionfilmen Anwendung fand. Doch eines stand fest, sollten sie dekuvriert werden, mussten sie bezahlen – gewiss mit dem Tod. Sie konnte den Anführer nicht länger sehen, dafür steckte sie zu tief im Gestrüpp. Allerdings hörte sie ihn keuchen. Für einen Jungen seines Alters atmete er auffällig laut. Vermutlich machte das Leben in abgeschiedener Wildnis die Kinder krank. Mitleid verspürte sie jedenfalls nur marginal für den Mörder. Bloß die Stille aufrechterhalten. Sie hasste Situationen wie diese. Dabei störte sie weniger die Gefahr, viel mehr bereitete ihr die Ausweglosigkeit Sorgen. Ihr Überleben hing davon ab, ob der Kämpfer mit Argusaugen das Gebüsch scannte oder halbherzig der Arbeit nachging. Zola entdeckte die Stiefelspitzen, des Milizen-Führers in unmittelbarer Nähe vor dem konspirativen Strauch. Minuten vergingen, die Stiefel verharrten auf der Stelle. In stoischer Erstarrung richtete Byduo die Kalaschnikow auf den Aggressor. Sollte sein Finger zucken, blieb dem Buschkämpfer eine geringe Überlebenschance. Doch was half das? Die übrigen Guerillas liefen garantiert nicht ebenfalls ins offene Messer. Sie mussten die Nerven bewahren. Das Schicksal spielte ein zynisches Spiel mit ihnen. Ein penetranter Brandgeruch kroch in Zolas Nase. Heroin, ohne Zweifel. Sie wollte vor Erleichterung aufatmen, besann sich in letzter Sekunde eines Besseren. Der Kämpfer rauchte eine Heroinzigarette direkt vor dem Gestrüpp. Kampfbereitschaft sah anders aus. Endlich veränderten die Stiefel ihre Position – weg vom Versteck. Byduo ließ die Kalaschnikow sinken. Bloß kein unnötiges Geräusch, stets rasteten die Kindersoldaten auf der Lichtung. In Zukunft mussten sie solche Orte meiden, die Paramilitärs kannten den Dschungel genauestens. Wie lange sie in dem Busch ausharrten? Weder er noch sie konnten die Zeitspanne abschätzen. Jedenfalls verronnen die Minuten sadistisch langsam. Ein Killerkommando vor Augen, einen heimtückischen Dornenbusch im Rücken,alles andere als komfortabel. Schließlich zogen die Männer ab. Weitere dreihundert Sekunden vergingen, ehe die Umweltschützer die Deckung verlassen konnten„Ich hätte es besser wissen sollen! Wir befinden uns nun mehrere Kilometer tief im Dschungel, dort finden auch Menschen ein willkommenes Versteck. In Zukunft müssen wir sämtliche Waldschneisen meiden. Falls Wir das Ziel erreichen wollen, dürfen wir uns niemals Luxus erlauben“, in Form eines heftigen Zitterns führte Byduo die Anspannung ab. „Meinst Du wirklich, diese Lichtung wurde gezielt ausgewählt? Ich glaube sie sind vorbeigekommen, befanden den Ort für geeignet, um eine Pause einzulegen“, wandte sie ein. „Unwahrscheinlich. Sobald Du dich auf den Zufall verlässt, überlebst du hier draußen keine sieben Tage. Es sei denn, Du bist ein Raubtier“, er schlenderte zu dem tot im Gras liegenden Kind herüber, sie folgte ihm. „Ich habe einige Schreckensgeschichten über die Guerillas gehört, aber das übersteigt alles. Wie alt mag der Kerl sein?“, wollte sie mit fragendem Blick erfahren. „Schwer zu sagen, ich denke höchstens elf, würde mich keinesfalls wundern, wenn er erst acht ist.“ „Meinst du wirklich wir, überstehen die kommenden zwei Wochen? Wir wissen nicht, wonach wir genau suchen, die Wildnis ist unbarmherzig, hinzu kommen die Milizen. Ich bin überzeugt: Die Truppe ist lediglich ein Vorgeschmack, hier draußen treiben weit schlimmere Menschenschlächter ihr Unwesen. Ich habe den Horrorgeschichten nie Glauben geschenkt, nach dem, was ich soeben erlebte, wage ich keiner noch so wüsten Behauptung zu widersprechen.“ „Soll ich ehrlich sein? Ich bin ratlos. Natürlich ist die Idee verrückt. Mit Grund verhöhnen uns alle. Aber dieser Urwald ist es wert. Wenn wir nicht für den Erhalt kämpfen, macht es niemand. Den Bäumen fehlt eine Lobby“, Byduos Worte wirken übertrieben expressiv, Zola ließ sie dennoch unkommentiert stehen. „Wie gehen wir nun vor? In jeden Fall brauchen wir einen Tipp. Wir werden doch garantiert jemanden auftreiben können, der mehr weiß als wir. Wir suchen nach Industriellen, aus Europa. Die sind kaum zu übersehen. Lediglich das Gebiet ist zu gigantisch. Ehe wir die Probebohrungsstelle gefunden haben, ist der Regenwald zur Ölraffinerie umgebaut“, sie traf den Nagel auf den Kopf. Den Nationalpark zu Fuß zu durchqueren, titulierte sie mit Recht als sportliche Herausforderung. Etwas Bestimmtes zu finden, wirkte da so wahrscheinlich, wie ein Lottogewinn. Ohne Strategie scheiterten sie, bevor das Abenteuer überhaupt begann. Ein erstes Schreckmoment hatten sie überstanden, doch allenfalls eine Vorahnung beschlich sie, was ihnen noch alles bevorstand. Ratlos standen sie auf der Lichtung. Zu entschlossen umzukehren, zu unentschlossen den nächsten Schritt zu gehen. Selbst wenn sie das Bohrloch ausfindig machten , was dann? Mit Worten ließen sich die Geldaristokraten niemals stoppen. Wen keine Skrupel beim Ausrotten ganzer Tierarten überkamen, der verspürte auch bei zwei Aktivisten wenig moralische Bedenken. Hier draußen galten Gesetze höchstens theoretisch; praktisch konnte niemand die Einhaltung durchsetzen. Der perfekte Nährboden für Milizen, Wilderer, Schmuggler oder Geschäftemacher jeglicher Couleur. Falls sie den Kampf zu gewinnen beachsichtigen, mussten drastischere Methoden her. Einfach durch den Park zu spazieren, bewegte gar nichts. An der Zerstörung der Förderanlagen führte mitnichten Weg vorbei, die Geldsäcke in die Flucht geschlagen werden. Vermutlich oblag es ihnen, erst ein Exempel zu statuieren, bevor diese Gauner zur Vernunft kamen. Beide versanken in Grübeleien. Sie trugen einen unausgesprochenen Wettkampf aus, jeder wollte die bessere Strategie entwerfen. Um zu reüssieren, waren sie angehalten, eine höhere Stufe der Entschlossenheit zu erklimmen, sollte sich irgendwann ein Kairos auftun, die Ausbeutung des Regenwaldes zu stoppen. Eine schneidende Stimme riss sie aus den Gedanken: „Hände hoch! Ihr sterbt, solltet ihr euch bewegen. Kapitel 2: Kosmos der Gier











